+
Sehr interessiert am Nicht-Gelingen: Gottfried Keller.

Gottfried Keller

Die Welt von oben – Vor 200 Jahren wurde Gottfried Keller geboren

  • schließen

Das Nicht-Gelingen interessierte ihn sehr: Der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller sah sich die Dinge gerne von oben an, führte sich jedoch keineswegs als Herr des Universums auf.

Heute vor zweihundert Jahren wurde in Zürich Gottfried Keller geboren. Er starb am 15. Juli 1890. „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ war vor einem halben Jahrhundert Schullektüre. Die konnte einem den Spaß an diesem Autor verleiden. Das Gemütlich-Behäbige wurde hier gar zu gemütlich-behäbig verspottet. Die Geschichte, so kam es uns vor, strotzte vor Einverständnis. Man wunderte sich nicht, dass es diese Erzählung war, die dem zwar bekannten, aber mittellosen Schriftsteller, endlich 1861 eine Stellung einbrachte, die ihm ein Einkommen garantierte. Keller wurde Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich. Fünfzehn Jahre übte er das Amt aus. In den ersten zehn davon schrieb er kaum noch etwas.Erst danach kam er mit neuen Erzählungen heraus.

Sein Hauptwerk ist der Roman „Der Grüne Heinrich“. Das erste Manuskript der ersten Fassung war 1849 fertig. Er hatte es in Heidelberg geschrieben. Die fünf anschließenden Jahre verbrachte er in Berlin. Die erste Fassung des „Grünen Heinrich“ erschien 1854/1855 in vier Bänden bei Vieweg in Braunschweig. Der Verleger hatte Keller sehr bedrängen müssen.

Nachdem Keller 1876 sein Staatsschreiberamt aufgegeben hatte, setzte er sich hin und schrieb eine zweite Fassung des „Grünen Heinrich“. Am 21 Oktober 1880 teilte er seinem Bekannten Wilhelm Petersen, Regierungsrat in Schleswig, mit: „Ich gebe heute endlich den ‚Grünen‘ auf die Post und wünsche ihm glückliche Reise und nachsichtigen Empfang.“ Nun, das war zu viel verlangt. Schon am 21. November schrieb er an Marie von Frisch (deren jüngster Sohn der Nobelpreisträger Karl von Frisch, der Entdecker der Bienensprache war): „...nun kommen die sogenannten Kritiker, und, anstatt das jetzige Buch aus sich heraus zu beurteilen, vergleichen sie es in philologischer Weise mit dem alten, um ihre Methode zu zeigen und zerren so das Abgestorbene herum und lassen das Lebendige liegen.“ Einen Monat später schreibt er Marie Melos, der Schwägerin seines alten Freundes Ferdinand Freiligrath „Das Buch ist von der Mitte des dritten Bandes an neu geschrieben; Sie brauchen also das frühere nicht zu lesen. Ich habe allerlei hineingeflunkert, um es deutlicher zum Roman zu machen, denn noch immer gibt es Esel, die es für bare biographische Münze nehmen.“

Der Vergleich der ersten mit der zweiten Fassung des Grünen Heinrich beschäftigt bis heute immer wieder neue Generationen von Lesern. Es scheint mir auch etwas viel verlangt, darüber hinwegzusehen, dass ein Autor nach 15 Jahren ein Werk von fast 1700 Seiten umschreibt, statt ein neues zu beginnen. Vielleicht dachte Keller nach der langen Pause wäre es gut, erst einmal mit etwas altem zu trainieren. So wie Thomas Mann am Ende sich noch einmal den Fragment gebliebenen „Felix Krull“ vorknöpfte.

Das Hineingeflunkerte mag dazu gedient haben, um dem Roman die gar zu große Nähe zur Jugendgeschichte des in die weite Welt aufbrechenden Malers, der Keller einmal hatte werden wollen, zu nehmen. Gleichzeitig aber wurde der autobiographische Eindruck radikal erhöht. In der ersten Fassung gibt es einen Erzähler, der uns mit Vor- und Rückblenden die Lebensgeschichte des Helden berichtet. In der zweiten erzählt uns der Held seine Lebensgeschichte. Das erste Kapitel heißt „Lob des Herkommens“ und der erste Satz lautet: „Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe...“

Der Icherzähler schien Keller ein Paravent zu sein, hinter dem sich das wahre Ich des Erzählers besser verstecken ließ als in der dritten Person Singular. Aber nur hier, in der zweiten Fassung des „Grünen Heinrich“. Im erzählerischen Werk Kellers findet man sonst nirgends ein Ich. Auch in der Lyrik überwiegt die Beschreibung.

Der „Grüne Heinrich“ ist die Schilderung einer scheiternden Ichwerdung. Der zweite Anlauf diente wohl vor allem der Entromantisierung des Romanschlusses. In der ersten Fassung stirbt Heinrich aus Kummer. In der zweiten bekommt er ein Amt. Glück sieht anders aus? „Jeder Mensch wird am Ende Philister“, hatte Keller schon 1843 notiert.

Keller war ein großer Überarbeiter. Ricarda Huch schrieb in ihrem Essay über ihn: „Fast alle Werke Kellers – mit Ausnahme der Züricher Novellen – sind in den Zürcher und Berliner Jahren 1846 bis 1856 ‚ausgeheckt‘ worden.“ Das gilt auch für viele seiner für Neuausgaben stets wieder durchgesehenen Gedichte.

Sie schrieb auch: „Keller verliebte sich mehrere Male in große, schöne, willenskräftige, begabte Mädchen, die seine Gefühle mit herzlicher Freundschaft, aber nicht mit Gegenliebe erwiderten; zweimal verwendete er Jahre auf das Studium eines Berufes, der nicht der rechte war – Maler und Dramatiker –, während er das, wozu er wie wenige andere berufen war, verkannte oder doch hintansetzte.“ Das ist die Beschreibung eines Menschen, der nicht wusste, was er wollte oder doch sehr interessiert war am Nicht-Gelingen. Es fehlt neben dem von Ricarda Huch angeführten Frauentypus nicht an zarten, sehr jungen Mädchen, die ihm in seiner Phantasie herumspukten. Es gibt den berühmten Traum, in dem ihn ein fünfzehnjähriges auf der Straße bei der Hand nimmt und in sein Kämmerchen führt. Auf dem Weg dorthin werden aus dem einen Mädchen – wie das in Träumen so gehen kann – zwei. Oben in der Kammer des Mädchens legen die drei sich aufs Bett. Da kommen die „alten, bösen Weiber“ aus den benachbarten Dachkammern und stören die politisch völlig unkorrekte Idylle. „Dieser Traum hatte mich erquickt für viele Tage, wie wenn ich das artige Abenteuer wirklich erlebt hätte.“

Lesen Sie hier, was der Gottesstaat mit dem Untergang Roms zu tun hat

Theodor Storm, mit dem Keller gut befreundet war, neckte ihn ob seiner Geschamigkeit. Keller erzählt in seiner ersten Züricher Novelle, „Hadlaub“, von der Entstehung der Manessischen Handschrift um 1300. Storm schreibt ihm dazu, das „ganze Lieder-Minne-Spiel“ ziele doch nur darauf, dass den jungen Protagonisten der Erzählung „die wirkliche Frucht der Liebe in den Schoß fällt“. „Aber wenn nun dieser große Moment kommt, so verlässt der Dichter uns plötzlich, als hielte er, nachdem er sich so eingehend mit einer berühmten Handschrift beschäftigt, es unter seiner Würde, nun eine gewöhnliche Liebesszene zu schreiben und tut den großen Moment mit einer wie nur beiläufig referierenden Zeile ab.“ Storm sieht darin einen Verrat des Autors an der eignen Dichtung.

Der 58-jährige Keller erwiderte dem 59-jährigen Storm, er halte es „für das vorgerückte Alter nicht mehr recht angemessen, auf dergleichen eingehend zu verweilen“. Wir erinnern uns an die erhitzten Debatten in den deutschen Feuilletons über den Alt-Männer-Sex zum Beispiel bei Martin Walser. Ich muss gestehen, ich halte es mit Storm und Walser, so heiter und souverän Gottfried Kellers Erwiderung am Ende dann doch ausfiel: Er werde sich die Sache noch überlegen, „denn die Tatsache, dass ein lutherischer Richter in Husum, der erwachsene Söhne hat, einen alten Canzellaren helvetischer Confession zu größerem Fleiß in erotischer Schilderei auffordert, und zwar auf dem Weg der kaiserlichen Reichspost, ist gewiss bedeutsam genug!“

Wer es überlesen hat, der werfe noch einmal einen Blick zurück: „helvetische Confession“ schreibt Gottfried Keller. Das ist ernst zu nehmen. Keller hatte als junger Mann Friedrich Feuerbachs Kritik des Christentums, seine Kritik am Gottesglauben überhaupt aufgesogen und ließ nie von ihm ab. In seinen Erzählungen wimmelt es von Seitenhieben auf Frömmelei und religiöse Dogmatiker oder auch Schwärmer. Dass der Mensch nicht alles ist, dass er nicht alles weiß, verstand sich für Keller von selbst, aber gerade darum war äußerste Skepsis gegenüber denen angebracht, die vorgaben, Sicheres aussagen zu können über das, was über den Menschen hinauswies.

Gottfried Keller schildert die Welt gerne von oben. Nicht von sehr weit weg. Es ist nicht der Blick des Herrn des Universums auf die Erde. Keller filmt zum Beispiel gleich auf den ersten Seiten der ersten Fassung des „Grünen Heinrich“ den jungen Mann, der seine Mutter – sein Vater ist schon lange tot – verlässt. Nicht mit einer Handkamera und schon gar nicht mit den schweren auf Schienen angewiesenen Apparaturen der großen Tage Hollywoods. Kellers Erzähler ist eine Drohne, die mal in die Höhe geht und das ganze Tal, dann wieder den Helden in Großaufnahme zeigt. In den ersten Seiten des ersten „Grünen Heinrich“ ist nicht nur das Kino vorweggenommen. Es dauerte noch Jahrzehnte bis diese freie Beweglichkeit, die Keller in seiner Erzählung praktizierte, Wirklichkeit wurde.

Der Erzähler und Feuilletonredakteur des Berner „Bund“, Joseph Victor Widmann (1842-1911), schrieb: „Die deutschen Novellen wimmeln von Fürsten, Grafen, Baronen, Baronessen“, bei Keller spielen Bauern und Bürger die Hauptrollen. Wann immer man über Kellers Realismus spricht, sollte man über seinen Republikanismus – den Kern seiner helvetischen Konfession – nicht schweigen. Die ersten Geschichten der „Leute von Seldwyla“ schrieb Keller im preußischen Berlin. In Seldwyla ist die Gemeinde reich und die Bürgerschaft arm. Keller entwarf eine antipreußische Typologie.

1967 gründeten sechs Architekten ein „urbanes Dorf“ in der Schweizer Gemeinde Zumikon. Es trägt den Namen Seldwyla. Da mögen viele Missverständnisse eine Rolle gespielt haben. Aber „urbanes Dorf“ trifft Gottfried Kellers Zwiespalt und Wunschbild. Eine Stadt, die nichts Dörfliches mehr hatte, hatte ihr Menschliches verloren. Das Gleiche gilt aber auch für ein Dorf ohne Urbanität. Wie man die schwierige Balance herstellen kann, wusste auch Keller nicht, dass das immer wieder getan werden musste, hatte er erfahren. Ohne die Beteiligung der Bürger war das nicht zu haben.

Die war keine Frage der Herkunft. Keller schrieb: „Der Nationalcharakter der Schweizer besteht nicht in den ältesten Ahnen, noch in der Sage des Landes, noch sonst in irgend etwas Materiellem, sondern er besteht in ihrer Liebe zur Freiheit, zur Unabhängigkeit... Wenn ein Ausländer die schweizerische Staatseinrichtung liebt, wenn er sich glücklicher fühlt bei uns als in einem monarchischen Staate, wenn er in unsere Sitten und Gebräuche freudig eingeht und überhaupt sich einbürgert, so ist er ein so guter Schweizer als einer, dessen Väter schon bei Sempach gekämpft haben.“ Gottfried Keller war ein Verfassungspatriot!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion