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Neue Gedichte von Marion Poschmann

Die Welt hinter unseren Spiegeln

So leicht und schwebend der Rhythmus, so melodisch die Klangverbindungen: Marion Poschmanns Band "Geistersehen" versammelt Gedichte, die man auswendig lernen möchte. Von Insa Wilke

Von Insa Wilke

Erinnern Sie sich? Bog sich in Kindheitstagen nur ein Zweig besonders rund über die Straße, tat sich schon die Anderwelt auf, und jeder Grashalm, jede zertretene Plastikflasche leuchtete plötzlich bedrohlich oder verheißungsvoll. Solche Tore suchen und öffnen die Gedichte von Marion Poschmann und ankern doch in der diesseitigen, gegenwärtigen Welt. Die ist von Bildern bestimmt, die zum Beispiel als Fern-Seh-Bilder sofortige Klarheit, Wahrheit und Unabänderlichkeit suggerieren.

Lang genug schauen

Geistersehen aber heißt, die Dinge lang genug anschauen, bis eine andere Form durch die Oberflächen scheint. Heißt auch, nachspüren und horchen, wie einen der Luftzug anrührt und so die Welt in lautlosen Stillstand stürzt: "in der Fußgängerzone kam Wind auf / wie immer Wind aufkommt bei der Suche / nach jenem richtigen Ort der sich / stets weit entfernt zeigt, die Abfallpapiere / am Boden verrutschten, mein Mantel / flatterte, und, als wäre dies schon ein Grund / mich selbst zu den Dingen zu zählen / als wäre dies schon ein Grund / blieb ich ungefragt stehen".

Ein Unort wie die Fußgängerzone, ein alltäglicher Gegenstand oder ein konkretes Detail wie das Ampelrot, der in Plastikfolie gewickelte Tulpenstrauß an der Tankstelle sitzen als Kerne in diesen Gedichten. Poschmann erdet ihre Verse gründlich, Verse, die zugleich ins Zeitlose wollen. "Sieh her, Unendlichkeit", ruft die Dichterin aus unserer Welt der Floskeln: "was muss, / das muss".

Die Denkbilder, die Poschmann in diesem Widerspruch findet, leuchten sofort ein: "Eiszeitpflanzen im Bauschutt // spiegelten die hin- und herreisende Ferne, auf / meinen Lippen sammelte sich Staub und nah / rauschte die Autobahn wie ein Verzicht, // in dem wir uns fortbewegten, abstrakter / als Tag und Nacht, eine Art Verausgabung, / die uns vorantrieb." Unter den "Störbildern", die zweite Abteilung des Bandes, stehen diese Verse. Die erste hat Poschmann "Testbilder" genannt - zwei Begriffe aus der Fernsehwelt, deren Bildproduktion heute Wahrnehmungsweisen a priori bestimmt.

Poschmanns Gedichte hingegen setzen die sinnliche Erfahrung an den Anfang, wandern von der Anschauung zur Reflexion und speichern dabei Zeit, anstatt sie zu verbrennen. Lässt man sich von ihrem "Herbarium" an die Symbolik barocker Stillleben, von ihren Selbstporträts unter den "Bildnisse" gar an die Verwandlungskunst von Cindy Sherman erinnern, so führt die Lektüre weiter in einen unvermutet und untergründig politischen Kontext.

Dazu gehört auch die Art, wie Poschmann sich in der lyrischen Tradition bewegt. Wenn Goethes "Erlkönig" in weiblicher Besetzung nur in einem "fasste mich sicher, warm" anklingt, dann zeigt dies, wie Poschmann sich sowohl Dichtung als auch Welt aneignet: nicht demonstrativ, aber deutlich. Und immer, wie schon in ihren Romanen und den Gedichten aus "Grund zu Schafen", ist es die Begegnung des Ich oder eines symbiotischen Wir mit seiner Landschaft, der Raum gegeben wird.

Auswendig lernen

Marion Poschmann, die zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartslyrik zählt und eher abseits der eigentlichen Szene steht, hat mit diesem Band die Balance von scharfer Reflexion und fast spielerisch leichter Form perfektioniert. "Geistersehen" versammelt Gedichte, die man auswendig lernen oder wenigstens immer laut lesen möchte, so leicht und schwebend der Rhythmus, so melodisch die Klangverbindungen, der beiläufige Reim der Sonette. Wie beim Blick durch ein buntes Kaleidoskop findet die Welt mit jedem Vers eine neue Anordnung: "du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben, / zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer. / zu nah, daher zu fern. zu dicht. zu viel. zu sehr. / zu transparent. Ich nahm nicht wahr, wie direkt neben // mir dieses Meer begann."

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