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Der Dichter in Österreich: Fiston Mwanza Mujila.

Fiston Mwanza Mujila „Tram 83“

Und die Welt hebt an zu singen

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Der österreichisch-kongolesische Dichter Fiston Mwanza Mujila und sein Roman „Tram 83“: Ein Gespräch in Graz über Heimat und Ferne.

Plötzlich geht eine Verwandlung vor in dem freundlichen jungen Mann, der so brav auf alle Fragen antwortet und so eloquent über den Kongo, Europa, sein Leben in Graz sprechen kann. Dann öffnet er mitten auf der vorweihnachtlichen Herrengasse weit die Augen, hebt die Brust, und die sonst leise, hohe Sprechstimme wird auf einmal ganz laut und eindringlich. Melodie und Rhythmus des Textes ergreifen den ganzen Körper. Jedes Wort ist Musik. „Flöööööw“ sagt er und atmet lange aus, wenn er in seiner französischen Vatersprache „fleuve“ sagen will, Fluss, und den Fluss dann einfach fließen lässt. Das geht auch auf Deutsch. „Rausch“, sagt Fiston, „Rauschschsch“. Nach dem „r“, dem rauen Konsonanten der Rage, folgt ein dunkler, geheimnisvoller Zwielaut, das „au“, und dann versinkt die Stimme zischend im Meer.

In diesem Herbst ist „Tram 83“, der erste Roman von Fiston Mwanza Mujila, auf Deutsch erschienen. „Tram 83“ ist der Name einer Bar in einer Stadt, die im Roman „Stadtland“ heißt und mit dem Heimatort des Autors, Lubumbashi, offenbar viel Ähnlichkeit hat. Hier treffen sich die Bergleute dieser zweitgrößten Stadt des Kongo nach Feierabend zum Trinken, zum Tanzen, zum Essen und zum Vögeln, letzteres mit den „Küken“, jungen Prostituierten. Außer ihnen bevölkern die Bar Gauner und Glücksritter, „gewinnorientierte Touristen“, Betrüger, Brutalos, Aushilfskellnerinnen und andere Gruppen, aus denen sich nur selten ein Individuum heraushebt. Der Autor lauscht dem vielstimmigen Lärm eine Melodie ab und zeichnet sie auf in einer Art Partitur, wo sie wie die Streicher und Bläser eines Orchesters dann auf seinem Papier Platz finden. Der Erzähler dirigiert nicht, er spielt auch nicht mit. Er hört nur zu und schreibt auf.

Die Literatur von Mwanza Mujila gehört rezitiert, vorgelesen, am besten von ihm selbst. Vorlesen, das heißt den Text in den Mund nehmen, „zerkauen, reinigen, erbrechen, ausspucken, ausscheißen“; so hat es der Autor einmal gesagt. Wie ein Saxophonspieler, der Worte zu Musik zermahlt. Als Musik wird die Literatur zu einem neuen Genre. Zwischen Buchdeckel lässt sie sich kaum quetschen.

Seine „Chance“ sei gewesen, begründet Mujila sein Talent, dass er in der Mobutu-Diktatur aufgewachsen sei. „Man kann in der Diktatur nicht über sich verfügen, kann einfach irgendwo entfernt werden. Man hat nichts zu sagen.“ Es gibt in der Diktatur keine Öffentlichkeit. Man zählt nicht. Das aber stärkt die Bindung an das Land, an die Familie. Man spricht, liest, denkt im kleinen Kreis; so etwas wie Kulturpolitik, gar ein Literaturhaus, gibt es nicht. Man wirkt nicht nach außen und nimmt sich entsprechend nicht so ernst. Dennoch ist man Teil eines Ganzen.

Wie das Individuum zu Lubumbashi, so verhält sich die Stadt zur globalisierten Welt: Sie gehört dazu, hat aber nichts zu melden. Mujila erläutert den Zusammenhang an der Wirtschaft. Die meisten Bergbaukonzessionen in seiner Heimat gehören Aktionären, die in Belgien oder den USA leben. Ein Diamant, der hier gefunden wird, hat auf dem Weltmarkt einen bestimmten Wert. Nicht so in Lubumbashi: Ein Bergmann, der einen findet und einsteckt, wird ihn hier nicht los. „Um den Wert zu realisieren, müsste er den Diamanten schon verschlucken, nach Antwerpen fliegen und ihn dort verkaufen“, sagt Mujila. „Aber er hat das Geld für das Ticket nicht.“

„Fiston“, der „Sohnemann“, der den Namen seines Vaters Mwanza Mujila trägt, lebt seit sieben Jahren in Graz, einer gemütlichen, reichen, geordneten Stadt im Süden Österreichs, von der man glauben könnte, sie sei im Vergleich zum fünf Mal größeren Lubumbashi in jeder Hinsicht das andere Ende der Erde. Und gibt es hier etwas, das er auch nach sieben Jahren nicht versteht? Nein, gibt es nicht, sagt Fiston. Lubumbashi mag einem von Graz aus gesehen exotisch vorkommen. Umgekehrt ist das nicht so. Als Kind hat er zu lesen begonnen, erst Marx und Mao, die Favoriten seines Vaters, eines Händlers. Dann, in der Schule, Sartre, Camus, Aimé Césaire, Malraux, Guillaume Apollinaire. Später dann Böll, Grass, Siegfried Lenz. „Den Kongo muss man sich ähnlich wie Deutschland im Jahre 1945 vorstellen.“ Afrikaner ist man nur in Afrika, Europäer dagegen auf der ganzen Welt.

Vermisst er hier etwas? Ja, die Familie, sagt der 35-Jährige, und damit auch das, was man hier Heimat nennt: Die Erde, in der die Mutter nach kongolesischer Sitte seine Nabelschnur vergraben hat, und auf die er zwei, dreimal pro Jahr zurückkehrt. Heute nennt er sich einen „österreichischen Schriftsteller“. Er hat begonnen, auf Deutsch zu schreiben, in seiner sechsten Sprache nach Französisch, Lingala, Suaheli, Tschiluba und Englisch. Aber sich in einer neuen Sprache ausdrücken, das sei wie als Kind die Welt neu kennenlernen. Graz sei entsprechend nun seine „zweite Geburtsstadt“ und er somit „sieben Jahre alt“. Wie könnte ein Schriftsteller, für den die Bedeutung jedes Worts in dessen Musik verborgen liegt, es anders empfinden?

Dass er auf allen Lesungen und Terminen hier der einzige „schwarze Mann“ ist, irritiert Mujila nicht. Obwohl es in Graz eine nicht so kleine afrikanische Community gibt, gebe es hier doch, anders als in Frankreich oder Belgien, so gut wie keine schwarze „Intelligentsija“. Vor der extremen Rechten, die hier so stark ist, fürchtet er sich nicht, Rassismus ist ihm nicht der Rede wert. „Der beruht immer auf Ignoranz“, weiß er zu erzählen, nachdem er vielen Kindern erklärt hat, dass Afrika nicht ein einziges, sondern viele Länder ist. Und Erwachsenen, dass der Kongo so groß ist wie Europa und über die 2000 Kilometer von Lubumbashi in die Hauptstadt Kinshasa keine Straße und keine Eisenbahn führt – vor allem aber, dass er, Fiston, kein Flüchtling ist, sondern „einfach so“ hier geblieben ist, nachdem die Stadt ihn für ein Jahr als Stadtschreiber engagiert hatte.

Der Nachmittag in Graz endet oben in einem Café in der Mitte der Stadt. Als nachher die Sonne untergeht, weht es kalt von Westen. Fiston schaut auf die Lichter; nicht wie Polykrates auf das beherrschte Samos, sondern als einer von vielen Cafébesuchern. Sein Graz, das ist sein knapp zweijähriger Sohn, der hier geboren wurde, und das Café Stockwerk, wo abends Jazz gespielt wird und wo er „als einziger Mensch“ umsonst hereingelassen wird. Dort ist er eine Stimme in einem vielstimmigen Konzert.

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