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Welt, gebündelt im Geist eines kleinen Mädchens

Jerome D. Salinger nahm die Mystik ernst genug, um mit dem Publizieren aufzuhören: Sein Klassiker "Fänger im Roggen" in neuer Übersetzung

Von Daniel Kehlmann

Holden Caulfield, angewidert vom verlogenen Milieu seiner teuren Privatschule und seines Elternhauses, wird von der Schule verwiesen, zieht räsonierend durch New York, trifft eitle Frauen und verlogene Männer, forscht den vom Eis vertriebenen Enten im Central Park nach, setzt zuletzt seine kleine Schwester auf ein Karussell, dessen Betrachtung ihm einen seltenen Moment völligen Einsseins mit sich selbst ermöglicht, und hat bald darauf einen Zusammenbruch, der ihn geradewegs in die Nervenheilanstalt bringt - das ist die Handlung des bis heute wirkungsmächtigsten Romans der fünfziger Jahre.

Obwohl der Fänger im Roggen sein Leben von unzähligen scharf beobachteten Details, von seinem Humor und der grandios eingefangenen Jugendsprache des Protagonisten erhält, verdankt er seine Grundmotive einer recht abstrakten Philosophie. Unsere Kindheit, schrieb Friedrich Schiller, sei die einzige unverdorbene Natur, die wir in der Menschheit anträfen: "Kinder sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen." Damit umreißt er die Weltsicht Salingers und die Sehnsucht seines verirrten jungen Helden.

Das Kind ist der Hauptdarsteller jeder Entfremdungstheorie. Wir Menschen, sowohl in der Geschichte als auch im Lebenslauf jedes Einzelnen, waren Natur, plötzlich aber sind wir Künstelei und Verstellung, alles um uns wird zur Lüge, und der Weg zurück ist versperrt. Sich damit abgefunden zu haben, mit allen Kompromissen, aller Falschheit des verlogenen Lebens, das wäre das Erwachsensein. Die Übergangszeit, wenn solch ein Kompromiss noch unmöglich scheint, ist die Adoleszenz. Gerade in ihr, meinte Schiller, ist die Betrachtung von Kindern besonders schmerzhaft: "Das Gefühl, von dem ich rede, ist eher demütigend als begünstigend für die Eigenliebe; und wenn ja ein Vorzug dabei in Betrachtung kommt, so ist dieser wenigstens nicht auf unserer Seite."

In einer Traumphantasie möchte Holden die physische Überlegenheit des Erwachsenen einsetzen, um Kinder vor jenem "verrückten Abgrund" zu schützen: "Also, wenn sie rennen und nicht aufpassen, wo sie hinlaufen, dann muss ich irgendwo rauskommen und sie fangen. Und das würde ich den ganzen Tag lang machen. Ich wär einfach der Fänger im Roggen und so." In diesem Roman hat jeder Erwachsene unrecht und jedes Kind recht, und wie so oft bei Salinger, diesem mystischen Autor, der die Mystik ernst genug nahm, um das Publizieren aufzugeben, konzentriert die Weisheit der Welt sich auf den Geist eines kleinen Mädchens, Holdens Schwester Phoebe.

Dass die Ursprünglichkeit allein nicht unsere Befreiung sein kann, dass der Weg zur Wiedergewinnung des Naiven durch das Sentimentalische führt, dass die Erkenntnis, wie Kleist es im Traktat über das Marionettentheater ausführt "gleichsam durch ein Unendliches" gehen muss, von diesem Dilemma handeln Salingers drei Bücher nach dem Fänger im Roggen. So ist die Hauptfigur der buddhistischen Erzählung "Teddy" die Synthese zwischen Kindlichkeit und größtmöglicher Erfahrung, nämlich ein Junge, der nach Milliarden von Wiedergeburten mit seinen kleinbürgerlichen Eltern eine Ozeanüberfahrt macht und nebenher sein Wissen über den wenige Stunden entfernten eigenen Tod preisgibt. "Ich gehe zum Schwimmbecken hinunter, und vielleicht ist überhaupt kein Wasser drin. Doch könnte es zum Beispiel geschehen, dass ich bis an den Rand trete, vielleicht nur, um auf den Grund zu schauen, und meine Schwester kommt hinter mir her und stößt mich hinein: dann könnte ich mir den Schädel brechen und würde auf der Stelle sterben. Meine Schwester ist erst sechs, uns sie hat noch nicht sehr viele Leben als menschliches Wesen verbracht, und sie liebt mich nicht besonders."

Wie unmenschlich scheint plötzlich die Erleuchtung, wie sicher und bequem das von Holden so verachtete entfremdete Leben. "Teddy" beschließt Salingers eigentliches Hauptwerk, den Erzählband Neun Geschichten, in dem er die Grundlinien eines Familienepos der Geschwister Glass umreißt, deren ältester, Seymour, einen eigentümlich heiteren Selbstmord begeht und deren zweitältester, Buddy, einen Erfolgsroman über einen voll Weltekel durch New York irrenden Jugendlichen schreibt. Es ist wohl nicht falsch, diese Eingliederung des Fänger im Roggen in den Glass-Kosmos als partielle Rücknahme zu verstehen, - ebenso wie es richtig ist, Salingers Verweigerung einer Buchpublikation seiner letzten Erzählung "Hapworth 16, 1924" als Ablehnung nicht des Schreibens, aber des Publizierens überhaupt zu begreifen.

Mag auch seither jedes programmatische Verstummen eines Schriftstellers schon etwas Epigonales haben, so liegt der Fall bei Salinger selbst doch anders. Das Verlogene im Dasein des souveränen, Perfektion anstrebenden Künstlers war von Anfang an ein Hauptthema dieses perfekten Artisten; nicht umsonst graut es Holden vor Laurence Olivier, vor guten Jazzpianisten und brillanten Drehbuchautoren, also vor allem selbstbewussten Virtuosentum. "Und ich bin heute abend überzeugt", lässt er Seymour Glass zu Buddy sagen, "dass alle ?guten' literarischen Ratschläge so sind, als wünschten Louis Bouilhet und Maxime Du Camp Flaubert die Madame Bovary auf den Hals. Jaja, diese beiden mit ihrem ausgezeichneten Geschmack haben ihn dazu gebracht, ein Meisterwerk zu schreiben. Und er starb als eine Weltberühmtheit, und das war das einzige, was er nicht war."

Auch Salinger, der Weltberühmte, entschied sich mit Kierkegaardscher Konsequenz gegen die Spaltung zwischen Werk und Existenz und wurde einer der einflussreichsten Schriftsteller seiner Zeit - sowohl durch seine vier Bücher als auch durch sein Schweigen danach. Fänger im Roggen liegt jetzt in einer sehr guten Neuübersetzung vor.

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