„Diana und Actaeon“ von Renaissance-Maler Tizian.
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„Diana und Actaeon“ von Renaissance-Maler Tizian.

Renaissance

Woraus die Moderne entstanden ist

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vielleicht das schönste Buch dieses Herbstes und zugleich ein Etikettenschwindel: Der opulente Band „Welt der Renaissance“, herausgegeben von Tobias Roth.

Ein überaus prächtiger Band. „Welt der Renaissance“ heißt er. Opulent bebildert, wunderbar gelayoutet. Mit großartigen Texten. Von 63 Autoren und fünf Autorinnen. Von Francesco Petrarca (1304–1374) bis Torquato Tasso (1544–1595). Zusammengestellt hat die Anthologie Tobias Roth, geboren 1985, ein ausgewiesener Kenner der Renaissanceliteratur, Mitgründer des mehrfach ausgezeichneten Verlages „Kulturelles Gedächtnis“ und Dichter.

2017 veröffentlichte er seine Dissertation über die Sonette Giovanni Pico della Mirandolas, 2018 den Gedichtband „Grabungsplan“ und im selben Jahr das Langgedicht „Grotesken von Sabbioneta“. Seine spektakulärste Lyrik aber war eine 1600 Meter lange Gedichtzeile, die sich, gemalt mit Schlammkreide, 2016 in fortlaufender Linie durch die Straßen von Moabit zog.

Der coronageplagte Blick bleibt natürlich zuerst an Baldassarre Bonaiutis (1336–1386) Bericht über die Florentiner Pest von 1348 hängen. Er steht in seiner Chronik seiner Heimatstadt, die er kurz vor seinem Tod schrieb. „Wenn die Krankheit erst einmal in einem Haus ausgebrochen war, kam es oft vor, dass kein Einwohner überlebte. ... Fast niemand, an dem sich das Zeichen gezeigt hatte, konnte geheilt werden. Das Zeichen war Folgendes: Zwischen Oberschenkel und Leiste oder aber unter der Achsel erschienen dicke Geschwüre, zugleich trat ein Fieber auf, und wenn die Geschwüre aufbrachen, floss Blut vermischt mit einer dünnen Flüssigkeit heraus, und wenn das Blut austrat, dann war es um die Leute geschehen.“

Das ist beneidenswert gut beobachtet und plastisch erzählt. Herausgeber Roth fügt hinzu: „Den drastischsten Eindruck des allgegenwärtigen Todes geben wohl die Metaphern und Vergleiche, die für Massenbegräbnisse gefunden werden. Boccaccio spricht davon, dass die Leichen gestapelt werden, eng wie Fracht in einem Schiff. Bonaiuti wählt das anschaulichere Beispiel der Lasagne.“

Die Leserin, der Leser geht durch die Anthologie wie in Begleitung eines kundigen Führers durch eine Ausstellung. Roth kennt alles, hat seine Vorlieben und versteht es, die Neugierde zu wecken, indem er den Blick mal auf Details des Textes, mal auf die Umstände ihrer Entstehung lenkt. Oder aber darauf hinweist, dass die Literatur der Humanisten mehr eine handwerklich-schriftstellerische Übung als eine Lebensbeichte ist. Empfindungen werden mehr dar- als ausgestellt.

Die bekannten Autoren im Band: Petrarca, Boccaccio, Leonardo, Michelangelo, Tasso usw. Aber natürlich gibt es jede Menge Entdeckungen zu machen. Da ist zum Beispiel ein Meisterwerk der pornografischen Literatur. Ein Lehrdialog, wie es sich für einen Humanisten gehört. „La Cazzaria“ heißt er. „Die Schwanzerei“ übersetzt Roth. Er meint: „Wenig überraschend ist, dass der Dialog seine heftig misogynen Momente hat, überraschender dagegen schon, dass er offen die männliche Homoerotik feiert.“ Sein Autor ist Antonio Vignali (1501-1559). Er entstand in den 20er Jahren, erschien 1531 in Venedig im Druck.

Der Streit der Geschlechter wird als einer der Geschlechtsteile dargestellt. Die Geschlechter sind freilich auch die um die Macht in Siena kämpfenden verschiedenen Fraktionen. Man stelle sich so etwas in einer unserer Tageszeitungen vor! Oder gar auf der Bühne! „Die Gelehrten kennen, abgesehen von der Sache selbst, noch tausend Streicheleien und tausend Schmeicheleien, von denen sie in Büchern gelesen haben. Da sie auch den inneren Aufbau der Fotze begreifen, wissen sie auch alle genussreichen und verborgenen Pfade aufzufinden. Ich glaube, wenn es für jede Frau möglich wäre, sich mit einem Studierten einzulassen und gehen zu lassen, so würden sie alle nie mehr wieder einen Idioten sehen wollen. Aber der Studierten sind wenige und die Geilheit der Frauen ist maßlos, und so müssen sie es eben so machen, wie sie können.“

Und noch ein Gedicht, „Das fast zerstörte Rom“. Autor ist Cristoforo Landino (1424-1498), Professor für Rhetorik und Poetik in Florenz, einer der berühmtesten Dichter und Gelehrten seiner Zeit. „Dass die Zeit verhängnisvoll alle Dinge vernichtet, / Ist die Lehre, die du, Rom, uns Menschen erteilst. / Rom, du lehrst uns: Die einst bestaunten, stolzen Gebäude / Liegen heute zerstört, Brocken begraben von Schutt. / Ach, was ist vom Großen Zirkus, außer dem Namen, / Übrig, wo ungestört Ziegen am Esquilin stehn? / Weder beschützten die Götter ihren tarpejischen Felsen / Noch selbst Jupiter sein kapitolinisches Haus. ... Wie beschämt sah ich die zertrümmerten Statuen des Skopas,/ Diese verlor ihren Kopf, jene den Fuß und die Hand. / Nicht einmal dich, Praxiteles, konnte dein Name beschützen, / Ah, begraben auch du, eine verfaulte Gestalt./ Auch die Kunst des Phidias, Stein ein Leben zu geben, / War vergebens: Der Rat Mentors ist überall tot. / Dürfte sich Augustus erheben aus stygischen Sümpfen,/ Käme wieder zurück in die lebendige Welt, / Um die ganze Stadt zu erkunden und zu durchsuchen,/ Fände er keine Spur all seiner Denkmäler vor.“

Natürlich erläutert Roth jedes unbekannte Wort des gelehrten Landino. Der tarpejische Fels zum Beispiel bildet die südliche Spitze des Kapitols, des zentralen Hügels Roms. Aber wichtiger noch das: Landino hat „eine moderne Perspektive. Die Betrachter des Mittelalters und auch die meisten seiner Zeitgenossen sehen, sehr grob gesagt, in den Resten der antiken Stadt keine Ruinen, sondern Steinbrüche, Baumaterial. Der Humanist hingegen sieht keine Steine, er sieht gefallene Größe, den höchsten Ansporn und die tiefste Ernüchterung.“ Denn, so Roth, „das Aufblicken zur Antike ist aber nicht nur eine ästhetische Träumerei, die Überlegenheit der Alten ist handfest. Gewölbe, die die Römer mauerten, Materialien, die sie schnitten, Ingenieursleistungen, die sie vollbrachten – unvorstellbar viel davon vermögen die Menschen der Renaissance nicht mehr“. Scharf brenne „der Zorn über den Wissensverlust, die Zerstörung, die die Barbarenstämme aus dem Norden über die mediterrane Welt gebracht haben“.

Das Buch

Tobias Roth (Hrsg.): Welt der Renaissance. Galiani Verlag, Berlin 2020. 640 Seiten, 89 Euro.

Schon damals allerdings gab es Stimmen, die die Überlegenheit der Moderne nicht nur gegenüber dem Mittelalter, sondern auch der Antike registrierten. Der Streit über den Vorrang von Antike oder Moderne war schnell zugunsten der Moderne entschieden. Dazu trugen auch Maler und Bildhauer bei, die in diesem Band ein paar Auftritte haben.

Den entscheidenden Anteil allerdings am Aufstieg der Moderne hatten die Naturwissenschaften. Von ihnen ist bei Roth jedoch nirgends die Rede. Selbst Auszüge aus „Des Girolamo Cardano von Mailand eigener Lebensbeschreibung“ fehlen. Cardano (1501-1576) war einer der berühmtesten Ärzte seiner Zeit. Er war aber auch Astrologe, Ingenieur („Kardanwelle“) und Mathematiker („Cardanische Formeln“). Seine Erkenntnisse zur Wahrscheinlichkeitstheorie behielt er sein Leben lang für sich. Er soll sich damit beim Glücksspiel seinen Lebensunterhalt finanziert haben.

Wissenschaft war damals an vielen Stellen nicht von Geheimwissenschaft zu trennen. Sie entstand völlig neu aus alten Texten und neuen Erfahrungen und Theorien. „Algebra“ und „Algorithmus“ betraten abendländischen Boden. Man lernte, mit negativen Zahlen zu rechnen und Gleichungen dritten und vierten Grades zu lösen, neue Kontinente wurden entdeckt. Wie sollten die Menschen in Nord- und Südamerika von Adam abstammen? Wie hatten Flora und Fauna es aus Noahs Arche in die Neue Welt geschafft? Darüber diskutierte die Renaissance.

Und natürlich auch über die Juden. 1492 waren wohl an die 300 000 von ihnen aus Spanien vertrieben worden. Sie flohen auch nach Italien. Bartolomeo Senarega (1444-1514), Kanzler der Republik Genua, schreibt in der Geschichte seiner Heimatstadt über die Ankunft der Flüchtlinge im Hafen von Genua. „Die meisten von ihnen waren halbtot vor Hunger und Durst ... .“ Auch das ein hochaktueller Text aus der Renaissance. Aber für ihn ist kein Platz in der „Welt der Renaissance“.

Der Titel, zeigt sich also, ist ein Etikettenschwindel. Es geht nicht um die Renaissance. Tobias Roth hat eine sehr lesenswerte Anthologie von italienischer humanistischer Dichtung (Prosa und Lyrik) zusammengestellt. Die fünfeinhalb Seiten, auf denen einer der Briefe Amerigo Vespuccis (1454-1512) über die Neue Welt abgedruckt ist, ist alles zu diesem Thema. Und dann: eine Renaissance ohne Kopernikus! An Italienbezug fehlt es ja nicht. Kopernikus hatte immerhin in Padua Medizin studiert und war in Ferrara promoviert worden. Im Juni 1542 widmete er sein Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ („Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären“) Papst Paul III. Der gründete einen Monat später – aus ganz, ganz anderen Gründen – die „Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition“.

Bücher spielen in Roths Anthologie eine riesige Rolle. Das „Buch der Natur“ und seine Entzifferung dagegen kommen nicht vor. Die Renaissance liebte Bücher, aber das Spezifische jener Epoche war, dass sie nicht mehr die einzige Autorität waren. Der Hinweis auf Aristoteles genügte nicht mehr. Überprüfbare Experimente traten an die Stelle der Autorität eines Autors. Diese Haltung beeinflusst die Literatur.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind nur fünf Frauen mit Texten vertreten. Das ist, niemand weiß das besser als Roth, zu wenig. Er weist selbst darauf hin, dass an Höfen und in den Stadtrepubliken „Salons“ entstehen. Frauen laden zu Geselligkeiten ein, bei denen die intellektuelle Auseinandersetzung, die Diskussion, die Begeisterung für neue Einsichten im Vordergrund stehen und nicht die soziale Herkunft. Ein paar Frauen mehr hätten dem Band nicht geschadet. Zumal keine einzige der von ihm ausgewählten eine Lanze brach für ihr Geschlecht. Mit Beiträgen von beispielsweise Laura Cereta, Isotta Nogarola und natürlich Modesta Pozzo wäre auch etwas Rebellion gegen die Männerherrschaft im Band.

Noch einmal zurück zu den Juden. Im Band kommen sie nicht vor. Dabei war die Epoche brennend interessiert am jüdischen Wissen. Der Babylonische Talmud wurde vor 500 Jahren von 1519 bis 1523 vom flämischen Drucker Daniel Bomberg in Venedig in 15 Folio-Bänden erstmals gedruckt. Dem folgte der Jerusalemer Talmud und zweihundert weitere hebräische Werke. Das Wort von der „christlichen Kabbala“ fällt nicht einmal bei Giovanni Pico della Mirandola.

Aber ganz und gar unverständlich ist, wie in einem so umfangreichen Buch mit Texten italienischer Renaissance-Literatur die „Dialoghi d’amore“ des Leone Ebreo (1460-1521) fehlen können. „Dialoge über die Liebe“, verfasst von einem aus Lissabon nach Neapel geflohenen Juden namens Jehuda ben Isaak Abravanel. Der gelehrte Autor spielt auf Platon an, auf christliche und jüdische Traditionen. Hier doziert niemand. Hier reden zwei gleichberechtigt über die Liebe: ein Mann und eine Frau.

1449 erklärte das Statut von Toledo, die Voraussetzung für die Übernahme staatlicher und kirchlicher Ämter in Kastilien sei die „limpieza de sangre“ (die Reinheit des Blutes). Die Reconquista war kriegerischer Rassismus. Es ging nicht um den richtigen Glauben. Es ging um die richtigen Vorfahren. Schon wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Statuts reagierte Papst Nikolaus V. (1397-1455) mit der Bulle „Humani generis inimicus“ („Der Feind des Menschengeschlechts“). Darin erklärte er: „Wer Juden tötet und beraubt, darf sich nicht Christ nennen, denn Christus, die Madonna, die Apostel – sie waren alle Juden, und die ganze christliche Religion baut auf der jüdischen auf: Es widerspricht dem Willen Gottes, den Vater für den Sohn, den Sohn für den Vater zu strafen, den Ehemann für die Ehefrau. Noch schlimmer ist es Unschuldige zu strafen, nur weil sie von einem bestimmten Volk abstammen.“

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