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Ror Wolf: Fußballexperte.
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Ror Wolf: Fußballexperte.

Ror Wolf

Die Welt ist bodenlos

  • VonPeter Iden
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Der Eigensinn der Wörter: Der Autor Ror Wolf, der sich in seinem neuen Roman den Rissen in der Normalität widmet, feiert seinen 80. Geburtstag.

Da unlängst sogar die Bundeskanzlerin auf der Ehrentribüne eines polnischen Fußballstadions zur Feier deutscher Sieger über arme Griechen brüllend die Arme hochgerissen hat wie von Sinnen, tun wir recht daran, nicht weniger jubilierend eines Autors zu gedenken, der wie kein anderer sich eingelassen hatte auf die Wörter und Sätze, durch welche die Vorgänge der Spiele auf dem Rasen und was an Erregung von ihnen ausgeht sich vermitteln als eine Realität von noch einmal anderer Art.

Ror Wolf war nach zwei bemerkenswerten Romanen, „Fortsetzung des Berichts“ und „Pilzer und Pelzer“, seit etwa 1970 geradezu obsessiv zu einem Sammler von Satzmustern und herumfliegenden klischierten Jargon-Brocken der Reportagen, Spielberichte und Kommentare im Radio, im Fernsehen und in den Zeitungen geworden. In Prosatexten und Hörspielen collagierte er sie zu Zeugnissen für eine gegenüber dem Anlass „Fußball“ sich verselbstständigende, autonome Wirklichkeit. „Punkt ist Punkt“ (1971) wurde zu einem grandiosen Beispiel für den Irrwitz, die Komik und die Abgründe, welche die Ausbildung sekundärer Vermittlungsformen noch an den banalsten Zusammenhängen erkennbar werden lässt. So sehr die spielerisch montierten Fundstücke von Fußball handelten, waren sie in Wahrheit Belege für das Erschrecken darüber, wie weit die Sprache der Wörter, über die wir im Umgang mit jedweder Erfahrung selbstverständlich meinen verfügen zu können, sich entfernen von dem, was „wirklich“ ist.

Mit allen Sinnen

Dieses Erschrecken an den Rissen, die sich auftun in dem, was Normalität heißt, hat Ror Wolf in dem soeben bei Schöffling & Co. erschienenen Horrorroman „Die Vorzüge der Dunkelheit“, weitab vom Kontext Fußball, jetzt verdichtet zu einer Beschreibung der Welt als generell bodenloser Gegebenheit. Immerzu ansatzlos die Orte vorübergehender Aufenthalte wechselnd – Hotelzimmer, Wirtsstuben, Caféhäuser, Bahnhofshallen, Zugabteile und die Landschaften ganzer Kontinente –, erlebt sich ein seiner Identität niemals gewisser, dem eigenen Verschwinden als Erlösung wie als Bedrohung ständig naher Ich-Erzähler mit allen Sinnen als Augen-, Ohren- und Empfindungszeuge einer explodierenden Welt fürchterlichster Zusammenbrüche, plötzlich hereinbrechender Katastrophen und Untergänge. Ror Wolf steigert sie bis in wahrhaft apokalyptische Visionen. Nichts hat Bestand, es gibt da keinen Halt, nur immer neue Einbrüche von fantastisch maßloser Entsetzlichkeit. Dabei bleibt der Erzähler selbst gegenüber alledem, die erotischen Schreckensszenen, in die er gerät, nicht ausgenommen, seltsam gleichmütig: „Es könnte so sein, vermutlich wahrscheinlich vielleicht, sagte ich, möglicherweise, ich weiß aber nicht, ob es so ist.“

Wort- und bildmächtig

Die 29 Kapitel des Bandes sind durchsetzt von Bild-Collagen (unter dem Pseudonym Raoul Tranchirer schon früh eine Ausdrucksmittel von Ror Wolf), in deren surreale Kompositionen, wie in den Texten, unversehens horrible Details einbrechen in scheinbar arglose Situationen. Der literarische Gehalt dieser Erzählungen vom Ende der trostlos sich selbst verschlingenden Welt – obwohl: „Bis zum Schluss, also bis zum vollkommenen Ende, wird noch eine Weile vergehen“ – verbindet den Dichter Ror Wolf mit Lautréamont, auch mit Soupault und Vitrac, das Raffinement der korrespondierenden Bild-Montagen den Collagisten mit einer Linie, die von Max Klinger bis zu Max Ernst reicht. In jeder Hinsicht wort- und bildmächtig ist „Die Vorzüge der Dunkelheit“ ein großer Wurf.

Seinem Autor, der heute 80 Jahre alt wird, ist zu gratulieren – dankbar, dass es ihn gab und gibt.

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