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Die „obskure Schriftstellerin und Essayistin“ Siri Hustvedt.

Siri Hustvedt

Wer die Welt blutig beißen will

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Die große Maskerade und ihr Scheitern: Siri Hustvedt erzählt in ihrem brillanten neuen Roman „Die gleißende Welt“ vom New Yorker Kunstbetrieb und einer ungewöhnlichen Frau. Obwohl sie gar nicht so ungewöhnlich ist. Aber das ist eben gerade das Besondere.

Siri Hustvedt spielt ein soziologisch-psychologisches, den Kunstbetrieb wie den Feminismus betreffendes, theoretisch also schwer aufgeladenes Thema sinnlich durch. Sie löst die offenkundige Überfüllung genial mit einer Flucht nach vorne. „Die gleißende Welt“ ist nicht nur der Titel ihres neuen Romans, sondern auch eines Buches, das eine gewisse I. V. Hess zusammengestellt und herausgegeben hat. Gegenstand dieses Buches ist die Geschichte einer Künstlerin, der wiederum der gleichnamige Roman der als reichlich spleenig geltenden englischen Aristokratin Margaret Cavendish (1623-1673) nicht aus dem Sinn will.

So dass „Die gleißende Welt“, wie sie uns jetzt in der eleganten und nach Bedarf auch brüsken Übersetzung von Uli Aumüller vorliegt, eine randvolle Schachtel ist, in der sich jedoch nicht unbedingt subtil etwas verbirgt. Eher springt allerhand heraus. Von der Nonchalance des Autorinnen-Anagramms bis zur überakkuraten Fußnotenschwemme (in der Hustvedt selbst vorkommt, als „obskure Schriftstellerin und Essayistin“), von der Frage, wie viel Ironie sich untermischt – eine Frage, die sich auch I. V. Hess gelegentlich stellt –, bis zur weit grundlegenderen Frage, was nun eigentlich passiert und beweisbar ist, scheint das meiste vage und offensichtlich zur gleichen Zeit. Ein Versteckspiel eigener Art und nicht unähnlich dem, das die Hauptfigur spielt, nein, exerziert.

Harriet Burden, eine Frau, die schon im Nachnamen eine Last, eine Bürde trägt, ist als Künstlerin anscheinend mäßig erfolgreich. Erst nach dem Tod ihres Mannes, eines bekannten, wohlhabenden Kunsthändlers, bemüht sie sich noch einmal, ihre eigene Karriere in Gang zu setzen. Da sie davon ausgeht, dass sie als Frau auf dem New Yorker Kunstmarkt (hier der neunziger Jahre) notorisch unterschätzt und missachtet wird, bringt sie nacheinander drei Männer dazu, ihre Kunst unter ihren eigenen Namen auszustellen.

Drei ganz unterschiedliche Typen spricht sie an: Einen unbedarften Anfänger, der „nicht wusste, wer Giorgione ist, aber Warhol für den bedeutendsten Künstler aller Zeiten hielt“ (Harriets Worte), einen sympathisch quirligen Homosexuellen, hinter dessen „Mulatten-Tunten-Selbst“ (seine Worte) man sich wahrlich gut verstecken kann, und schließlich einen bereits erfolgreichen Künstler, selbstbewusst, ehrgeizig, neugierig genug. Dreimal gelingt das für Harriet nicht zuletzt märchenhafte Spiel mit den „Masken“ (und eben um der Märchenhaftigkeit willen müssen es auch drei sein), dreimal bekommen die „Künstler“ für Harriets Arbeiten geradezu überschwängliche Kritiken.

Nicht hingegen gelingt es ihr, aus dem dritten Spiel heil herauszukommen. Der sich „Rune“ nennende Künstler lässt sich von ihr auch zu einem regelrechten Maskenspiel überreden, das sie zum Mann und ihn zur Frau („Ruina“) macht, eine Maskerade, die sofort entgleist. Archaisch und psychologisch fundiert sorgen die von Harriet hergestellten Gesichtsmasken sofort für eine Verwandlung. Aber nicht als starke Frau tritt „Ruina“ der in einen Mann transformierten Harriet entgegen, sondern als aufgeregtes, weinendes, sie bitter kränkendes Spiegelbild. „Ich wollte darüber sprechen, aber er sagte, ich wolle immer alles interpretieren, und genug sei genug. Es habe doch Spaß gemacht, oder?“

So dass also ausgerechnet Harriet, die Frau, die es gewissermaßen allen beweisen wollte, in die blödesten Rollenklischees zurückgeworfen wird. Als sie sich zu den Kunstwerken bekennt, die unter Runes Namen präsentiert worden sind, leugnet er das schlichtweg ab. „Sie ist eine nette Dame, aber hin und wieder ein bisschen verwirrt, und dabei wollen wir es belassen“, gibt er in einem älteren Interview zu Protokoll (auch Rune überlebt die Geschichte nicht und kann von I. V. Hess nicht mehr selbst befragt werden).

Das klingt nur einfach. „Die gleißende Welt“ ist ein nicht nur vielstimmig, sondern auch vielfältig erzähltes Buch mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur, die wir durch jene Ausschnitte aus ihren Notiz- und Tagebüchern kennenlernen, die I. V. Hess ausgewählt hat. Und durch die Interviews und die Texte, um die Hess Burdens Umgebung bat. Schon die Beschreibung Harriets macht ratlos. „Sie sah aus wie eine Comicfigur, dicke Brüste und Hüften, gigantisch – 1,95 vielleicht – eine stampfende Braut von der Größe eines Basketballspielers mit langen, muskulösen Armen und Riesenhänden, eine unglückliche Kombination aus Mae West und Lennie in ,Von Mäusen und Menschen‘.“ – „Wissen Sie, als sie jung war, sah sie aus wie ein Gemälde, ein früher Matisse von circa 1905 oder das berühmte Bild von Modigliani, Frau mit blauen Augen.“ – „Sie hatte tolle Zähne, meine Harry …“.

Die zugegebenermaßen erwartbare Folge, dass im Roman und außerhalb des Romans keiner genau wissen kann, woran man ist, wird virtuos durchgeführt. Da ist die Galeristin, die darauf hinweist, dass Harriet gar nicht so erfolglos gewesen sei. Da ist I. V. Hess selbst, die schon im Vorwort den Eindruck nicht verhehlen kann, Harriet habe sich so gut maskiert, dass es an „Selbstsabotage“ grenze. Da ist die Galeristin, die darauf hinweist, dass Harriet gar nicht so erfolgreich gewesen sei (gleichwohl: „Kunst von Männern ist fast ausnahmslos sehr viel teurer als die von Frauen“). Andere Kunstexperten, alles Männer, aber hat das etwas zu sagen?, gehen davon aus, dass Rune im Recht ist. „Als sie die Urheberschaft für Runes Werk beanspruchte, ging sie zu weit.“ – „Sie war eine stille, elegante Dame mit etwas Talent ….“ – „Sie hörte sich an wie eine männerhassende Spinnerin.“

Harriet selbst räumt ein, dass sie ihren Männermasken das Gefühl geben wollte, selbst an den jeweiligen Projekten beteiligt zu sein. Und wenn sie sich irrt und ihre eigene Rolle überschätzt?

Dazu kommen die Ausstellungsbesprechungen, ihr Fach-Sprech und die oft hemmungslos biografische Deutung der Kunstwerke. Und die Schilderung der Ausstellungseröffnungen, überhaupt die Blicke auf eine Szene, in der es sowohl unmöglich ist, originell zu sein, als auch unoriginell zu sein. Alles ist bereits dagewesen, selbst das Verschwinden.

Entblößung durch perfekte Imitation

Hustvedt verspottet den Betrieb nicht, aber sie entblößt ihn durch perfekte Imitation. Ihr gelingt, was Harriet verwehrt bleibt (ebenso, wie es ihr gelingt, als Schriftstellerin neben einem berühmten Schriftsteller, Paul Auster, zurechtzukommen). Wenn etwa I. V. Hess im Vorwort aus Harriets Notizbüchern eine solche Wendung zitiert: „Ich bin eine Oper. Ein Aufruhr. Eine Bedrohung“, und man später selbst liest, wie unpathetisch Harriet zumeist schreibt, dann gerät der beruflich im Kulturbereich schreibende Mensch in Verlegenheit. Hustvedt ertappt ihn beim routinierten Durchforsten von Material auf imposante Zitate. Hoffentlich fällt das niemandem auf.

„Die gleißende Welt“ endet tragisch mit der Schilderung eines Krebstodes. Auch hier wählt Hustvedt einen brillanten Trick, der darin besteht, dass ein ganz naives, nervtötend spirituelles („Ich spürte sie wie einen roten Schrei. Ich musste echt einen Schritt zurücktreten“) Mädchen das erzählt.

Könnte man daraus und aus dem zutiefst menschlichen Ausgang auch schließen, dass Hustvedt die Gefahr eines überklugen Romans bannen will? Nötig hätte sie das nicht. Dass „Die gleißende Welt“ ein irritierend gebildetes, nicht bildungshuberisches Buch ist (Freuds Anna O., Aby Warburgs Pathosformel, Judith Butlers Performativität, keine Seite ohne Lesefrucht Harriets), irritiert nur angesichts einer unsinnigen Tradition. Sie besteht darin, dass Figuren eine Spur dümmer, ungebildeter, wenigstens unreflektierter zu sein haben als die Autorin. Hingegen ist uns noch die Verliererin Harriet über. „Ich wollte die Welt blutig beißen, aber ich habe mich selbst gebissen, mir meine eigene erbärmliche Tragödie geschaffen.“

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