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Schön, frisch und inspirierend ist es in den Bergen. Dachte der Erzähler. Vorher.
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Schön, frisch und inspirierend ist es in den Bergen. Dachte der Erzähler. Vorher.

Daniel Kehlmann

In den Wellen der Zeit

„Du hättest gehen sollen“: Daniel Kehlmann hat eine Schauergeschichte geschrieben, die ganz einfach und doch kaum zu überblicken ist.

Daniel Kehlmann hat zur Abwechslung eine Schauergeschichte geschrieben. Sie hat es in sich. Es ist enorm, wie wenig Aufwand er dafür treiben muss. Scheinbar treiben muss. Denn Daniel Kehlmann war es auch, der in seiner Frankfurter Poetikvorlesung von hunderten nutzlos geschriebenen Seiten berichtete. 95 sind in diesem Fall übriggeblieben. Auf den hinteren drei Seiten steht allerdings bereits nichts mehr. Das hat seine Gründe, und wie Sie sich denken können, sind es sinistre.

„Du hättest gehen sollen“ spielt mit dem Gruselgenre, hat merklich Spaß daran, gibt sich auch gar keine Mühe, zu raffiniert zu sein. Dadurch entsteht eine Raffinesse eigener Art, als würde ein Zauberer nachlässig langsam machen und die Trickserei nicht einmal leugnen, aber man fiele dann im entscheidenden Augenblick eben doch wieder darauf rein. Wie sich auch die unbedarfte Leserin bald erschreckt.

Obwohl das Konstrukt durchleuchten darf, ebenso das Zitat, denn wenig wird ausgelassen: Das Haus, in dem seltsame Dinge passieren – war das Bild eben schon da? Und wo ist es denn jetzt geblieben? Der vernünftige, im Leben stehende Mann, der den Boden unter den Füßen verliert – und unglücklicherweise hat er auch noch seine kleine Familie dabei. Die Begegnungen mit kuriosen Einheimischen.

„Gerade ist etwas Seltsames passiert“

Der Erzähler aber gerät in mehrfacher Hinsicht in einen Alptraum. Vor dem veritablen Grusel steht der Stress des Drehbuchautors, der sich mit Frau und Tochter in ein Bergidyll zurückgezogen hat, um endlich die Fortsetzung seiner erfolgreichen Komödie „Allerbeste Freundin“ zu schreiben. Jetzt also „Allerbeste Freundin II“. Dem Erzähler fällt nichts ein, aber er bemüht sich. Er notiert Szenen, Dialoge: uninteressante Einfälle, aber zweifellos aus dem Stoff, aus dem Komödien gemacht sind. Kehlmann kann sich die verzweifelten, tapferen Versuche zunutze machen, um sie nun mit dem Einbrechen des Unheimlichen zu kontrastieren.

Auch dies verläuft klassisch. Der Erzähler denkt über seine Ehe nach. „Das Geheimnis ist, dass man sich ja doch liebt. Ich würde nicht ohne sie sein wollen – selbst ihr Schauspielerlachen würde mir fehlen. Und sie nicht ohne mich. Wenn man einander nur nicht unterdessen so auf die Nerven fiele. Geh weg, solang“ – sonderbar, fehlt da was?

Oder, noch einfacher: „Gerade ist etwas Seltsames passiert.“ Aber schon bemüht sich der Erzähler, weiterzukommen im Skript, weil er eben auch so wahnsinnig unter Druck ist. Der Produzent ruft an, will sich schon mal was Lustiges erzählen lassen. Nur Menschen, die beruflich schreiben, können das Ausmaß der Pein ganz begreifen, aber jedermann weiß, was es heißt, bei der Arbeit auf dem Schlauch zu stehen. Und schon werden auch wir hineingezogen in die Bemühungen voranzukommen, während die Dinge beginnen, sich im Kreis zu drehen.

Gewissermaßen im Kreis. Während Kehlmann frech genug ist, den Erzähler seine Notizen auch noch datieren zu lassen (2. bis 7. Dezember), ist die Richtung, die das Ganze in Wahrheit nimmt, schwer mit Worten zu fassen. Der Erzähler wird später die Formulierung benutzen: „eine Richtung, von der ich nicht geahnt hatte, dass es sie gab“.

Er wirkt ja angesichts von 92 beschriebenen Seiten recht verplappert. Auch hierfür gibt es früh eine simple Erklärung. Wobei eben „später“ und „früh“ Begriffe sind, die allmählich vage werden. Die Erklärung also, notiert, als Frau und Tochter ihn bei der Arbeit stören: „... ich kritzle weiter, damit sie meinen, ich würde arbeiten, denn wenn Susanne nicht meint, dass ich arbeite, sagt sie nur wieder: Hör auf zu jammern, du arbeitest ohnehin nicht. Also schreibe ich und schreibe und schreibe und tue so, als wäre ich beschäftigt, und das bin ich ja auch, denn schließlich wartet die ganze Produktion auf mich.“ Das Weiterschreiben, ohne dass man weiß, was man schreiben soll: Auch dies ein Trick, den beruflich schreibende Menschen in ihrer Ratlosigkeit bisweilen anwenden. In „Du hättest gehen sollen“ tut sich dabei – wiederum später, „später“ – noch eine andere Lesart auf, eine existenziellere.

Daniel Kehlmanns Erzählung geht mit dem Thema Spannung beunruhigend entspannt um. Dem Erzähler bleibt Zeit, über die Liebe zu reflektieren, das Autofahren zu problematisieren (aber „man hat sich nun mal darauf geeinigt, dass Autofahren etwas Harmloses ist“), und auch die Selbstbeobachtung stellt er vorerst nicht ein. „Ich dachte immer, der Satz, dass der Schreck einem die Haare aufstellt, wäre nur ein Spruch. Aber genau so fühlt es sich an.“ Er ist ein kluger Junge und nicht so ideenlos, wie er denkt und wir ihm glauben. Aber das hilft ihm alles nicht.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Erzählung. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 95 Seiten, 15 Euro.

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