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Arnold Zweig 1966, zwei Jahre vor seinem Tod am 26. November 1968.

50. Todestag Arnold Zweig

"Welcher Gemeinheit Menschen fähig sind"

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Ein Träumer zwischen den Stühlen, ein kluger Analytiker seiner Zeit, ein großer Romancier, dessen literarische Modernität nicht leicht zu entschlüsseln ist. Eine Erinnerung an den Schriftsteller Arnold Zweig.

Arnold Zweig lebte in einem mörderischen Zeitalter. Der Erste Weltkrieg machte aus dem schwärmerischen Nietzscheaner und preußischen Antidemokraten einen kämpferischen Republikaner und hellsichtigen Deuter des Untergangs der humanistischen Werte, die das westliche Europa seit der Aufklärung so vollmundig gepredigt hatte. Der Zweite Weltkrieg sah ihn als Flüchtling im fernen Palästina, in dem der einst begeisterte Zionist vereinsamte. In dieser ihm kulturell fernen Welt der mutigen Siedler und traumatisierten Flüchtlinge erreichten den 1887 im schlesischen Glogau geborenen Dichter die ersten Nachrichten vom Untergang des von ihm so hingebungsvoll bewunderten osteuropäischen Judentums.

In seinen letzten Lebensjahrzehnten geriet er zwischen die Fronten des Kalten Krieges, entschied sich für ein Leben in der DDR und verteidigte nicht nur den Sozialismus, sondern auch den Staat, der versprochen hatte, eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und des inneren Friedens zu errichten. Als Arnold Zweig vor 50 Jahren in Ostberlin starb, war auch dieser Traum längst einer harten politischen Realität gewichen. Drei Monate vor seinem Tod am 26. November 1968 hatten die Panzer des Warschauer Paktes den Prager Frühling beendet.

Zweig lernte den Krieg und das Massensterben in den Gräben von Verdun als einfacher „Schipper“ kennen. Diese dreizehn Monate an der Westfront brannten sich ihm ein und erschütterten seinen Idealismus zutiefst. „...ich habe gelernt, wie der Bodensatz der Kreatur aussieht, aus dem wir gemacht sind“, lässt er eine seiner Romanfiguren sagen, „welcher Größe und welcher Gemeinheit Menschen fähig sind...“.

Neun Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erscheint sein Roman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“. Er begründet nicht nur Zweigs Weltruhm, sondern steht auch am Anfang des sechsbändigen Romanzyklus über den „großen Krieg der weißen Männer“ (die letzten beiden, literarisch eher schwachen Teile entstanden in der DDR), der die gesellschaftlichen Hintergründe dieser europäischen „Urkatastrophe“ widerspiegelt. Nur zwölf Jahre nach der Veröffentlichung des Grischa-Romans beginnen die deutschen Vernichtungskriege gegen Polen und Russland und der Holocaust.

Es hat in der Flut der literarischen Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg nur wenige Werke gegeben, die vom Geschehen an der Front und vom Versagen der militärischen und politischen Eliten im wilhelminischen Reich so bedrückend und aufgeklärt erzählen wie Zweigs Geschichte über das Unrechtsurteil, das zur Hinrichtung des russischen Sergeanten und Kriegsgefangenen Grischa Paprotkin führt. Für Zweig ist dieser in das große Kriegsdrama eingebettete Fall exemplarisch, aktuell wirkt er bis heute: Ein Mensch wird geopfert aus Gründen der Staatsräson. – wie Millionen andere im Krieg, Millionen Einzelschicksale.

Für die Leser in den späten zwanziger Jahren ist es zudem ein Schlüsselroman. Neben den fiktiven Figuren, in denen der Autor beispielhaft von den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen der wilhelminischen Jahre erzählt, lässt Zweig reale Gestalten der spätwilhelminischen Politik auftreten – darunter den Militärdiktator Erich Ludendorff oder den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Erich Maria Remarque beteuert in der Vorbemerkung zu seinem Weltbestseller „Im Westen nichts Neues“ seine unpolitische Haltung. Ernst Jünger feiert mit dem hohlen Männlichkeitspathos und dem zynischen Todesästhetizismus in seinen „Stahlgewittern“ (1920) einen Zeitgeist, der mitverantwortlich ist für den millionenfachen „Heldentod“ auf den Schlachtfeldern. Ernst Glaesers damaliger Sensationserfolg „Jahrgang 1902“ (1928) ist ein lesenswerter Generations- und Pubertätsroman. Zweigs Grischa-Geschichte dagegen zeichnet ein nicht zuletzt durch die Erkenntnisse des von ihm tief verehrten Sigmund Freud gespeistes breites gesellschaftliches Panorama einer Zeit der Gewalt, Ideologie und Lüge. Die Aktualität wird bedrückend bestätigt durch die Kriege, politischen Verwerfungen und nationalistischen Rückwendungen am Beginn auch des 21. Jahrhunderts. Kurt Tucholsky schreibt über den Grischa-Roman in der „Weltbühne“: „Endlich einmal wird der Krieg gar nicht diskutiert, sondern mit einer solchen Selbstverständlichkeit abgelehnt, wie er und seine Schlächter es verdienen.“

Und doch: Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist der Schriftsteller Arnold Zweig nahezu ein Vergessener. Zehn Romane hat er geschrieben – neben dem Grischa so bedeutende Werke wie „Junge Frau von 1914“ (1931), „Erziehung vor Verdun“ (1935) oder „Das Beil von Wandsbek“ (1948 – eine Widerstandsgeschichte aus der NS-Zeit). 70 Erzählungen hinterließ er, sechs Dramen, zahlreiche Essays über das Judentum, über die Literatur, über Sigmund Freud. Auf dem aktuellen Buchmarkt gibt es jedoch derzeit keine preisgünstige Taschenbuchausgabe mehr, sondern nur noch die bislang unvollendet gebliebene Gesamtausgabe des Aufbau-Verlages, von der elf Bände erschienen sind.

Die Gründe für das Verschwinden eines der großen deutschsprachigen Schriftstellers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nur schwer zu erkennen. Linksliberale jüdische Autoren, die ins Exil fliehen mussten, hatten es im westlichen Deutschland nach 1945 bald ohnehin schwer. Hitlers Ideologie wirkte noch lange in die bundesrepublikanische Gesellschaft hinein. Zweigs Bekenntnis zur DDR – die Adenauer-Republik bot ihm nach seiner Rückkehr aus dem gerade gegründeten Israel keinen Willkommensgruß – war für sein Werk zweifellos nicht sehr förderlich. Seine literarische Modernität ist nicht ganz einfach und auf den ersten Blick zu entschlüsseln.

Während sein Freund Lion Feuchtwanger heute immer noch einen beachtlichen Leserkreis findet, Hans Falladas Romane derzeit eine wunderbare Renaissance erleben und Thomas Mann erst in jüngerer Zeit wohl nicht mehr so viel gelesen wie seine Familie diskutiert wird, erleidet Zweigs Werk ein Schicksal, das in der Literaturgeschichte eigentlich die Regel ist: Neue Zeiten, neue Blicke auf die Welt und ihre umtriebigen Bewohner, neue Bücher – auch andere große Werke der Literaturgeschichte sind den Weg in die Vergessenheit gegangen.

Und doch gilt, was der große Exilforscher Hans Albert Walter einmal über „Das Beil von Wandsbek“ schrieb: „Ein Schriftsteller von europäischem Rang ... Ein Spitzenwerk der deutschen Literatur, (doch) welcher Kritiker (würde) es Thomas Manns ,Doktor Faustus‘ an die Seite stellen?“ Vielleicht ist es das Entsetzen unserer Zeit und das an die Jahre des Grischa-Romans erinnernde neuerliche Versagen der gesellschaftlichen (und kapitalistischen) Eliten, vielleicht sind es abendliche Fernsehbilder von Krieg und Hunger, die zur Wiederentdeckung eines Autors führen, der seinem letzten Roman den Titel „Traum ist teuer“ gab. Und über dessen Werk die zeitlose Wahrheit steht: „Wer das Recht verlässt, ist selbst erledigt“.

Der Autor hat 1998 im Aufbau Verlag die Arnold-Zweig-Biografie „Um Deutschland geht es uns“ veröffentlicht.

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