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Weiter gemacht

Matthias N. Lorenz sichtet Martin Walsers Judendarstellung

Von INA HARTWIG

Dass der Heidelberger Germanistik-Professor Dieter Borchmeyer in der SZ ziemlich gereizt gegen die umfangreiche Doktorarbeit aus der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lüneburg polemisierte, verwundert kaum: Er wird selbst in seiner Rolle als unerschütterlicher Walser-Verteidiger hart angegriffen in dem fraglichen Buch, das im Titel - vielleicht nicht allzu geschickt - das Walserzitat "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck" trägt. Nachdem bereits Micha Brumlik die teils befremdlichen, teils wirren Reaktionen auf Matthias N. Lorenz' Dissertation über Martin Walsers literarischen Antisemitismus kommentiert hat (FR vom 8. September), sei noch einmal, wenn auch nur kurz, auf das Buch selbst eingegangen.

Es ist eine neue Tendenz philologischer Forschung, die Medienresonanz zu berücksichtigen; doch was gelegentlich übertrieben wird - hier war es unvermeidlich. Denn was alles zum Fall Walser, von der Paulskirchenrede über Tod eines Kritikers bis zum wirkungsvoll inszenierten Verlagswechsel, in den Feuilletons veröffentlicht wurde, muss angesichts des Anspruchs dieser Arbeit letztlich unter dem Erkenntnisstand von Matthias N. Lorenz bleiben, geht er doch von der Beobachtung aus, dass die Kontinuität eines "literarischen Antisemitismus" bei Walser erstens gegeben und zweitens von der Forschung bisher nicht gewürdigt worden sei. Die Forschung stellt daher für diese Arbeit eine geringere Herausforderung dar als die kaum zu überschauenden Feuilleton-Debatten, die Walsers Provokationen zum Thema Deutschland, zum Thema Erinnerung, zum Thema Judenvernichtung in schöner Regelmäßigkeit auslösten.

Überlagerte Motive

Und so hat dieser fleißige Walser-Forscher erst einmal die Debatte um Tod eines Kritikers, jenes Schlüsselromans von 2002, in dem Marcel Reich-Ranickis Ermordung phantasiert wird, dokumentiert: Ein Zeugnis deutscher Befindlichkeit und eine interessante Bestandsaufnahme, die sich mühsam den eigenen Weg bahnt zwischen den politischen, psychologischen oder auch persönlichen Motivlagen der einzelnen Protagonisten dieses Streits. Weil Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, die Affäre durch seinen scharfen offenen Brief an Walser ausgelöst hat, und weil etliche der Diskutanten sich wiederum in einem schwierigen Verhältnis zu Schirrmacher befanden, muss Lorenz erst einmal sortieren. Krude gesprochen: Wer Walser damals vor Schirrmachers Antisemitismus-Vorwurf in Schutz nahm, tat es möglicherweise nur, um nicht Schirrmachers Position zu teilen.

Bedenkt man, wie zahm Jörg Magenau in seiner Walser-Biographie vom Frühjahr dieses Jahres der raffinierten Selbstdarstellung des Schriftstellers folgt (FR, 23. März), dann darf man Matthias N. Lorenz' penible Studie durchaus als Gegenrede begreifen. Auch wenn das Buch etwas steif zu lesen ist: Wer sich künftig mit Walsers Verhältnis zu den Juden auseinander setzt, wird um Lorenz nicht herumkommen. Eines seiner methodisch gesehen interessantesten Ergebnisse betrifft den gekränkten Patriotismus, der in Walsers Judendarstellung dominant sei. Wer Martin Walsers Aufsatz "Unser Auschwitz" von 1965 kennt, wundert sich allerdings kaum über Lorenz' These einer Kontinuität des literarischen Antisemitismus in Walsers Werk. Denn in diesem brillant formulierten Aufsatz legt Walser bereits Zeugnis seines Missbehagens an einer Instrumentalisierung von Auschwitz, an einem sozusagen negativen Patriotismus ab, dessen Kulminationspunkt dann das Berliner Holocaust-Mahnmal darstellen sollte. Vom Frankfurter Auschwitz-Prozess bis zum nationalen Holocaust-Mahnmal: Die Kontinuität sucht Lorenz zurecht in Walsers Abwehr, sich sein "Geschichtsgefühl" durch den Schandfleck Auschwitz vergiften zu lassen.

Insofern ist es konsequenz, wenn Walser sich permanent mit dem Holocaust beschäftigt - weshalb er sich moralisch nichts vorwerfen lassen möchte - und trotzdem das Gefühl verspürt, in seinem eigenen Opferstatus (die Jugend an Hitler verloren; die deutsche Kultur verunreinigt; schuldig sein zu sollen, ohne sich schuldig zu fühlen) nicht genügend gewürdigt zu werden. Lorenz: "Es geht Walser um das Kollektiv der Täter - allerdings paradoxerweise als ,Opfer'." Die von Walser geradezu zwanghaft unbeantwortete Frage, was schlimmer sei - das beschädigte (i.e. geteilte) Deutschland oder der deutsche Mord an an sechs Millionen Juden -, stellt Lorenz als Drama der Flakhelfer-Generation dar. Walser, so versteht man jetzt, ist wirklich nicht allein.

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