Der weite Weg zum Weltbürger

Otfried Höffe sucht nach den Grundlagen einer "politischen Ethik im Zeitalter der Globalisierung"

Von THOMAS KREUDER

Für sein neues Buch hat sich der Tübinger Philosoph Otfried Höffe viel vorgenommen: Um nichts weniger als eine politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung geht es. Anzuerkennen ist, dass der Autor alle wesentlichen Aspekte einer an Gerechtigkeit orientierten Weltordnung auslotet. Nicht gelungen ist ihm jedoch, die einzelnen Teile zu einem kohärenten Werk zusammenzufügen; Höffe hätte besser daran getan, eine Essaysammlung vorzulegen.

Zunächst wird die Frage nach den Existenzvoraussetzungen der Demokratie behandelt, Ihr Fortbestehen könne zwar durch entsprechende Institutionen gesichert werden, sie floriere jedoch nur, wenn sich die Gesellschaftsmitglieder in ihr und für sie engagieren. Höffe ergänzt seine Überlegungen mit Ausführungen zu den wirtschaftlichen Grundlagen bürgerlicher Existenz. Dabei leitet ihn das Motiv, die aus oberflächlicher Betrachtung der klassischen griechischen Philosophie abgeleitete Trennung zwischen den politisch aktiven, keiner Erwerbstätigkeit nachgehenden und allen anderen Bürgern aufzuheben.

Dieser Versuch, wirtschaftlich erfolgreiches Handeln gleichsam philosophisch zu adeln und damit die wesentliche bereits global tätige Gruppe, nämlich Unternehmer und Manager, in den philosophischen Diskurs über das Gemeinwohl zu integrieren, ist durchaus verdienstvoll. Doch angesichts der Fülle von Belegen, Querverweisen und illustrativen Informationen, mit denen der Autor seine Argumentation stützt, verwundert, dass er einige zentrale Diskurse zu den von ihm behandelten Aspekten schlicht ausblendet. Dies betrifft etwa den Stellenwert von Arbeit als wesentliches Moment der Selbsterfüllung und die namentlich von André Gorz angestoßene Debatte zur Verringerung der individuellen Arbeitzeit, um möglichst viele am gesellschaftlichen Arbeitsvolumen teilhaben zu lassen.

Hinsichtlich der Frage, wie die motivationalen Vorbedingungen kapitalistischen Wirtschaftens und Demokratie bewahrt und reproduziert werden können, die beide ihre Existenzgrundlagen eher verzehren als erneuern, geht Höffe weder auf die von den Arbeiten Bells und Kristols geprägten Diskussionen zum Neokonservatismus noch auf die gerade für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft als eine ethisch gebundene Form des Kapitalismus maßgebende Freiburger Schule und die Katholischen Soziallehre ein. Stattdessen erklärt der Autor eher umstandslos auch bloß eigennütziges Erfolgs- und Profitstreben für moralisch einwandfrei. Unerwähnt bleibt dabei die gegenüber dem erstmals von Adam Smith entwickelten Modell durch A.O. Hirschman geäußerte Kritik, wie auch die Höffes Ansicht stützende calvinistische Lehre, die Erfolg und Reichtum als Ausdruck Gott gefälligen Tuns ansieht.

Warum überhaupt engagieren?

Folgenreicher für Höffes Konstrukt und die auch von ihm gesehene Notwendigkeit bürgerschaftlichen Engagements für eine florierende Demokratie ist die allerdings ungestellte Frage, weshalb erfolgreiche Wirtschaftsbürger sich überhaupt noch für das Gemeinwesen einsetzen sollten: Schließlich können sie, da sie bereits moralisch handeln, zu ihrer Selbstverwirklichung und zu ihrem Glück nichts mehr Zusätzliches gewinnen, was ihnen allein die Gesellschaft, etwa in Form von öffentlicher Anerkennung, Orden etc., gewähren kann.

Dies gilt umso mehr, als der Autor unter Berufung auf die klassische griechische Philosophie darauf Wert legt, dass nur solcher Einsatz für die Gemeinschaft gesellschaftliche Anerkennung verdient, der nicht der Befriedigung von Eitelkeiten dient oder unter Einsatz fremder Mittel, wie häufig bei unternehmensfinanzierten Sponsoringsprojekten, erfolgt. Darüber hinaus begibt sich Höffe mit der Diskussion über ordnungspolitische Rahmenbedingungen, die "richtige" Sozial- und Familienpolitik oder gar die Angemessenheit von Managergehältern auf schwieriges Terrain, das einer der Komplexität adäquaten Behandlung bedarf.

Der Autor aber stürzt sich in den betreffenden Kapiteln aus der lichten Höhe der Philosophie hinab auf die banalen Probleme des Alltages. Diese löst er sämtlich und kurzer Hand in dem von ihm ermittelten Sinne, etwa der Herbeiführung einer niedrigeren Staatsquote und mehr Wettbewerb, der Sprengung des Tarifkartells und einer Geburten orientierten Familienförderung. Dabei kommt, insbesondere bei der Auseinandersetzung mit den Verhältnissen an deutschen Universitäten, der Verdacht auf, der Autor reagiere aus persönlicher Betroffenheit und beherzige die eigenen gelehrten Ausführungen zur Bedeutung der Geisteswissenschaften für die Herausbildung kritischer Urteilskraft selbst zu wenig.

Die aufgezeigten Mängel schmälern leider den Wert von Höffes Buch und drängen die bedenkenswerten Darlegungen zum Weltbürgertum und den Existenzbedingungen von Weltbürgern in den Hintergrund. Hierzu entfaltet der Autor ein durchaus stimmiges Konzept, das wesentlich auf der Herrschaft des Rechts, der Austragung von Konflikten auf ausschließlich rechtlicher Basis und der strikten Wahrung der als universell anzusehenden Menschenrechte beruht.

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