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Wer weiß, was Liebe ist?

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Junge Juden feiern am Tag der Staatsgründung, 14. Mai 1948.
Junge Juden feiern am Tag der Staatsgründung, 14. Mai 1948. © afp

„Die Schönheitskönigin von Jerusalem“, der Debütroman von Sarit Yishai-Levi, war in Israel ein enormer Erfolg. Kein Wunder. Der Autorin gelingt ein großartiger Familienroman, zugleich bietet sie einen eindrucksvollen Einblick in die israelischen Zeitläufte.

Von Petra Pluwatsch

Vater Mordechai Yishai erlebte die Fertigstellung von Sarit Yishai-Levis erstem Roman „Die Schönheitskönigin von Jerusalem“ nicht mehr. Wenige Monate vor Erscheinen des Buches 2013 in Israel starb er. Und so erfuhr er auch nichts vom großen Erfolg des Werks, von den „Publishers Association’s Gold and Platium Prizes“ und dem Steinamtzky Preis für das am besten verkaufte Buch des Jahres 2014.

Der Vater habe lange darauf gewartet, dass sie mit dem Schreiben fertig werde, damit er das Werk endlich lesen könne, erinnert sich die israelische Autorin im Nachwort ihres autobiografisch gefärbten Debüts. Viele Stunden hatten Vater und Tochter immer wieder zusammengesessen, und Mordechai Yishai hatte Sarit „die Geschichten seines Jerusalems“ erzählt. Hier, in Jerusalem, ist die sephardische – die spanisch-stämmige – Familie Yishai seit Generationen zu Hause. Hier wurde auch die Autorin 1947 geboren.

Luna mit den meergrünen Augen

Die Gespräche mit dem Vater und ihrer betagten Tante Miriam inspirierten die bald 70-Jährige zu einem opulenten und zu Recht gepriesenen Generationen-Roman. In dessen Mittelpunkt stehen die Frauen der fiktiven Familie Ermoza: Rebekka Merkada, Rosa, Gabriela. Und die schöne Luna mit den meergrünen Augen und den messingfarbenen Haaren: die Schönheitskönigin von Jerusalem. Keine von ihnen hat Glück in der Liebe, und das erzählt Sarit Yishai-Levi so spannend, so humorvoll und so einfühlsam, dass man diesen Roman mit seinen mehr als 600 eng bedruckten Seiten kaum mehr aus der Hand legen möchte.

Die Geschicke der weit verzweigten sephardischen Sippe, die ihre Wurzeln im spanischen Toledo hat, sind eng verwoben mit der blutigen Entstehungsgeschichte Israels. Umstandslos nimmt Sarit Yishai-Levi ihre Leserinnen und Leser mit auf eine Zeitreise durch mehrere Jahrzehnte und schildert anhand der Familiensaga der Ermozas das verzweifelte Ringen der Juden um einen eigenständigen Staat.

Als Urgroßvater Rafael in Jerusalem die blutjunge Rebekka Merkada heiratet, ist Palästina noch fest in türkischer Hand. Seit bald 400 Jahren gehört das karge, dünn besiedelte Territorium zum Osmanischen Reich. Im jüdischen Viertel von Jerusalem leben dicht an dicht Kaufleute, Händler, Handwerker und Goldschmiede, die regelmäßig mit den Arabern Geschäfte machen. So jedenfalls erzählt es in den 1960er Jahren die betagte Rosa Ermoza ihrer Enkelin Gabriela.

Vor langer Zeit kam man gut zurecht miteinander

„Vor langer Zeit herrschten respektvolle und gutnachbarliche Beziehungen zu den Ismaeliten, und die Spaniolen trugen Kleider wie sie, sprachen sogar Arabisch, und manche Araber konnten Spaniolisch.“ Im beginnenden 20. Jahrhundert wird sich dieses gute nachbarschaftliche Verhältnis stetig verschlechtern. Seit Ende des 19. Jahrhunderts strömen zigtausende Juden vor allem aus Russland und Polen nach Palästina, was auch innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Problemen führt.

Hautnah erlebt die Familie Ermoza die Veränderungen im Land mit. Die schöne Luna wird bei einem Bombenattentat in Jerusalem schwer verletzt, ihre jüngere Schwester klebt heimlich Plakate für eine Widerstandsgruppe. Und als am 14. Mai 1948 die letzten britischen Soldaten endlich das Land verlassen, tanzt Oma Rosa vor Freunde beinahe auf dem Tisch. Am selben Tag ruft Ben Gurion den Staat Israel aus.

Die Ehe von Rafael und Rebekka Merkada, von den Eltern arrangiert, steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Rafael, so die Familienlegende, hatte sich kurz vor der Hochzeit in eine andere Frau verliebt: In eine Aschkenasi, eine Jüdin mit osteuropäischen Wurzeln und langen blonden Zöpfen. Eine Verbindung zwischen Aschkenasim und Sephardim jedoch galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Familienschande, und Rafael entscheidet sich gegen die Liebe. Er heiratet Rebekka Merkada.

Damals, erzählt Rosa der Enkelin, habe „die Sache“ angefangen: „Dass die Männer der Familie Ermoza andere Frauen wollen und nicht ihre eigenen.“ Den „Fluch der Ermozas“ nennt die Großmutter das unheilvolle Familienerbe, das auch sie nicht verschonen wird. Sie rät der Enkelin vorsorglich, „niemals einen Mann zu heiraten, bei dem du nicht spürst, dass er dich mehr liebst als du ihn, damit dein Leben nicht vorbeigeht und du eine vertrocknete Alte wirst wie ich“.

Vieles geht schief in dieser wohlhabenden sephardischen Kaufmannsfamilie, deren Geschichte von nun an geprägt ist von emotionalen Verhärtungen und gestörten Mutter-Tochter-Beziehungen. Auch Rebekkas und Rafaels Sohn Gabriel verliebt sich in eine Aschkenasi. Und auch er scheitert bei dem Versuch, diese Liebe gegen alle Konventionen auszuleben. Die Türken sind unter den Jubelrufen der Bevölkerung aus dem Land vertrieben worden, längst haben die Briten in Palästina das Sagen – die alten Animositäten zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden indes bestehen fort.

Meisterhaft und mit feinem Humor schildert Sarit Yishai-Levi, wie die emotionalen Verletzungen und Defizite innerhalb einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben werden. Manchmal möchte es einen schier gruseln ob dieser vererbten Beziehungskatastrophen.

Das böse Gift der Gleichgültigkeit zerstört auch die Ehe von Gabriel und Rosa. Die unscheinbare Rosa, die nach dem Tod der Eltern in den Häusern der „Ingländer“ Toiletten geputzt hat, wird Gabriel von seiner Mutter aufgezwungen. Die 16-Jährige ist schon früh Waise geworden. Ein rebellischer Bruder wurde von den Türken am Damaskus-Tor von Jerusalem aufgehängt, ein anderer schließt sich später einer Widerstandsbewegung gegen die Engländer an und wird zum Mörder. Ein dritter lebt in den USA.

Stoisch, getragen von einer unterschwelligen Wut, erduldet Rosa sie Gabriels Schweigen, seine Lieblosigkeit und seine seltenen sexuellen Annäherungen, aus denen drei Töchter hervorgehen.

Liebesgeschichten ohne Liebe

„Bei uns in der Familie ist Liebe ein Wort, das nie ausgesprochen wurde“, sagt sie einmal. „Was ist denn auch Liebe? Wer weiß es?“ Niemand hier. Nicht Rosa, die ihre Töchter nicht so lieben kann, wie eine Mutter das tun sollte. Nicht Luna, die verwöhnte Schönheitskönigin von Jerusalem. Sie wird später ihre Tochter Gabriela ebenso vernachlässigen, wie sie selber von Rosa vernachlässigt wurde. Nicht Gabriela, die nach London zieht, um der Liebe eines Mann zu entfliehen. „Geschichten über Liebe, die das Herz gebrochen hat, Geschichten über Liebe, in der keine Liebe vorhanden war, die gibt’s nun gerade bei uns in der Familie genug, daran hat Gott, gelobt sei sein Name, es uns nicht mangeln lassen.“ Besser als Oma Rosa kann man das Dilemma der Ermozas kaum zusammenfassen.

Ein großartiger Familienroman. Und ein ebenso gutes, informatives Lehrstück in israelischer Zeitgeschichte.

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