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"Das Ministerium für besondere Fälle"

Zum Weinen und zum Lachen

Nathan Englanders todkomischer Buenos-Aires-Roman.

Von SUSANNE SIMOR

Nathan Englander, der mit seinem Debüt "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" 1999 über Nacht literarischen Ruhm erlangte und vom New Yorker zu einem der "20 Autoren für das 21. Jahrhundert" gekürt wurde, erhielt viele Auszeichnungen und Stipendien. Für seinen Roman "Das Ministerium für besondere Fälle", an dem er zehn Jahre gefeilt hat und der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, hat der 1970 in New York geborene Autor viel Lob geerntet und ist mit Gogol, I.B. Singer und Saul Bellow verglichen worden.

Doch während seine Erzählungen fast alle in einem New York oder Israel der Gegenwart angesiedelt sind und eine hintergründig-ironische, wenn auch liebevolle Abrechnung mit seiner orthodoxen Herkunft darstellen, wendet er sich in seinem neuen Roman Buenos Aires, als einem "fiktionalen Ort" zu, zur Zeit des "schmutzigen Krieges". Als Motiv für diesen Szenenwechsel gab Englander die ständige Konfrontation mit dem Tod während seines Aufenthaltes in Israel an. Die erste fertige Seite seines Romans habe vom Recoleta-Friedhof gehandelt, schrieb er. Hatte er seinen Erzählband im Untertitel den "komischen Seiten der menschlichen Tragödie" gewidmet, so steht der Roman ganz im Zeichen von Verlust und Trauer. Dennoch, auch hier kommt das Erzählte wieder ganz leichtfüßig daher, "wir alle scherzen auch in unseren dunkelsten Stunden", kommentiert Englander, der es versteht, seine Figuren dem Leser greifbar nahe zu bringen.

"Als vier Angehörige der Marine einen Karrieresoldaten aus dem Fenster warfen, dachte dieser seine letzten Gedanken…eine Uniform voller Orden und Ordensbänder wurde zusammen mit ihm selbst, auf den Kopf gestellt, während ihm das Blut in den Schädel schoss. Eine Ehrenmedaille löste sich und schepperte auf die Straße. Eine ganze Brust voller Orden, doch was hatte er nun davon?... Damit schlug er auf der Avenida del Libertador auf; und im Einklang mit den zahllosen Bewegungen, aus denen sich eine Nacht in Buenos Aires zusammensetzt, aus denen der Herzschlag einer jeden Stadt besteht, drehte Lilian Poznan den Kopf auf ihrem Kissen, um ihren letzten tiefen Schlaf zu genießen."

Solche abrupten Szenenwechsel wirken durchaus filmisch. Doch die Spannung, die Englander auch über messerscharfe Dialoge aufbaut, federt er immer wieder ironisch ab, so dass man zugleich lachen und weinen muss und sich dadurch an Melvin Jules Bukiet oder den Film "La vita è bella" erinnert.

Die Militärjunta terrorisiert die Stadt, die Angst ist allgegenwärtig. "Jeden Tag sterben Menschen, ihre Häuser brennen um sie herum ab,…es rutschen ihnen dicke Oliven in die falsche Röhre. Sie werden auf viele verschiedene originelle Arten ermordet. Aber von allen, die Angst vor einem blutigen, gewaltsamen, vorzeitigen Tod haben, gelingt es nur wenigen, tatsächlich umgebracht zu werden. Auf diese Art wurde bei Lilian im Büro Geld verdient. Sie arbeitete im Versicherungsgewerbe. Die Leute zahlten ihnen Prämien gegen ihre schlimmsten Ängste."

Mitten drinnen, im Herzen von Buenos Aires, einen Katzensprung entfernt von dem Rosa Haus, dem Regierungssitz, befindet sich Once, das Jüdische Zentrum der Stadt, in der die drei Hauptfiguren Kaddisch und Lilian Poznan mit ihrem gemeinsamen Sohn Pato leben. In besseren Zeiten haben die "Vereinigten Jüdischen Gemeinden von Argentinien" und die "Gesellschaft des Wohltätigen Ich", der nur Zuhälter und Nutten angehörten, dort friedlich neben einander gelebt. Auch im Tode sind sie eng beieinander, getrennt nur durch eine vier Meter hohe Mauer. Doch den Nachfahren der aus Russland stammenden Ganoven, allesamt Anwälte und Ärzte, reicht diese Barriere nicht. Sie wollen die Spuren ihrer unebenen Vergangenheit beseitigen, als sei Stromlinienförmigkeit für sie eine Überlebensgarantie. Sie beauftragen Kaddisch damit, die Namen ihrer Eltern von den Grabsteinen zu schlagen. Nomen est omen.

Kaddisch, benannt nach dem Totengebet, ist selbst kein Glückskind. Da er sich als einziger hijo de puta (Hurensohn) weigert, die Vergangenheit auszublenden und das Grab seiner Mutter weiterhin im abgetrennten Teil des Friedhofs besucht, wird er gemieden. Um besser integriert zu sein, unterzieht er sich gemeinsam mit seiner Frau einer Schönheitsoperation ihrer als überdimensional, als jüdisch empfundenen Nase. Während die anderen die Gräber ihrer Vorfahren zerschlagen, lassen sich die Poznans ihre Nasen zertrümmern, um ja nicht aufzufallen.

Englander versteht es meisterlich, in seinem Roman am Beispiel eines Familienschicksals Buenos Aires zu einer Chiffre zu verdichten, die über dieses individuelle Schicksal und auch seinen historischen Kontext hinausweist. Er zeigt, wie Menschen mit radikalen Systemen kollaborieren, indem sie aktiv an ihrer eigenen Entmachtung mitarbeiten und sich selbst erniedrigen - und wie in Zeiten der Angst antisemitische Klischees (die große Nase) als jüdische Konzepte weitergesponnen werden.

Nur Pato, der Sohn, lehnt den Eingriff ab und fremdelt am Ende vor dem neuen Gesicht seiner Eltern. Als er nachts - ohne Angabe von Gründen - zu Hause festgenommen wird und für immer verschwindet, beginnt für seine Eltern ein endloser Marsch durch Institutionen wie eben dem "Ministerium für besondere Fälle", dessen Aufgabe sich darin erschöpft, Menschen zum Schweigen zu bringen. Während Pato von den meisten rasch vergessen wird, kann seine Mutter einzig in der Hoffnung auf seine Rückkehr überleben.

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