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Wehe dem, der an die Sahne muss

Klassisches Thema, ganz neu arrangiert: Christina Griebels Erzählungen meistern das Fremdsein mit Bravour

Von Steffen Richter

Der französische Schriftsteller Jules Renard hat einmal bemerkt, dass der Anblick eines Krustentiers den Betrachter von der Fremdartigkeit des Lebens überzeugen müsse. Fremdartig kann das Leben aber auch werden durch den Blick, der es trifft. Wenn ein Heizungsmonteur eigentlich nur einen Thermostat sucht, aber durch ein etwas zu heftiges Ausatmen die Ordnung aller Dinge aus dem Gleichgewicht bringt, dann ist das wahrhaft befremdlich. Selbst dann, wenn es sich um ein altes Haus in einem von Bergwerksstollen unterhöhlten Gebiet bei Dresden-Neustadt handelt. Hier könnte sämtliches Inventar "eines Tages in die Tiefe fahren, wie alles hier in der Gegend, in einen unerwartet sich öffnenden Schacht, immer weiter hinunter".

Christina Griebel hat diesen fremden Blick, wie ihr Debüt mit zehn Erzählungen eindrücklich belegt. Sie hat in Karlsruhe, Norwich und Moskau Malerei und Germanistik studiert, wohnte in Island sowie Frankfurt am Main und lebt heute in Berlin. Außerdem war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. Im Unterschied zu Lesewettbewerben, in denen die Performance mitbewertet wird und Preise zu vergeben sind, handelt es sich hier um ein literarisches Gütesiegel.

Es wird viel gerannt in diesen Erzählungen, die unter dem lakonischen Titel Wenn es regnet, regnet es immer auf den Kopf versammelt sind. Mal ist es ein Hinterherlaufen, dann ein Davonlaufen. Hier verlässt jemand einen anderen, da wird jemand verlassen. Einer verspürt Eifersucht, ein anderer begeht Verrat. Und jeder Augenblick birgt verpasste Gelegenheiten. Immer geht etwas verloren - auch wenn man nicht immer weiß, was im Einzelnen es gewesen sein könnte. Statt die Partys ihrer Generation abzulichten, erzählt Griebel vom Fremdsein. Sei es bei der Betrachtung eines Gemäldes von Matisse im Moskauer Puschkin-Museum, beim Kühemelken und Traktor fahren in Island oder beim Warten auf die Fähre in Finnland. Denn alles ist gut, "solange man irgendwie heißt und irgendwo herkommt".

Problematisch wird es erst, "wenn man schlingert, weil man eigentlich gar nicht irgendwie heißen und irgendwo herkommen wollte, dann öffnet sich das weiße Gesprudel zwischen hier und dort und die Öffnung wird schnell größer". Absonderlich geht es auch in einer Schmelzkäseverpackungsanlage zu. Vor der alltäglichen Arbeitsverteilung herrscht Furcht. Neben der Kühlabteilung, dem Automatensaal sowie dem privilegierten Platz an der Stanzmaschine gibt es den Champignon-, den Kräuter- und den Naturplatz.

Am schlimmsten aber ist der Sahneplatz, der letzte in der Reihe. Hier, wo schon alle anderen Käseecken in der Verpackung liegen, kann einer leicht die Nerven verlieren, seinen Sahnekäse unterm Geschwindigkeitsdiktat des Bandes in die verbliebenen Freiräume quetschen und dabei das Goldpapier beschädigen. Wer an den Sahneplatz eingeteilt wird, befindet sich immer im Vorhof zum Angstraum Keller. Und dort "arbeiten jene, die aufgefallen sind und außerdem einige Menschen, die keine Zähne im Mund haben oder einen Klumpfuß, die einen Buckel oder einen Kropf mit sich herumtragen, durch eine Hasenscharte gezeichnet sind oder durch ein drittes Auge, die zur Fettsucht neigen oder zu Hautunreinheiten". Den Phantasmen aus diesem Kosmos ist man zuletzt bei Georg Klein begegnet.

Immer erzählt Christina Griebel aus der Perspektive eines weiblichen Ich, von narrativem Exhibitionismus aber kann keine Rede sein. Vielmehr sind dieses Ich und seine Umstände derart verschleiert, dass sein Dasein in der Welt wie eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten erscheint - unmöglich, hier irgendetwas zu lösen oder auch nur zu klären. Alle Selbstverwirklichungsprojekte, wie sie zumal weibliche Erzählerinnen in den 70er und 80er Jahren transportierten, liegen weit hinter ihm. Die eklatante Fremdheit im eigenen Körper scheint nur teilweise männlicher Okkupationssucht geschuldet.

Mit jeglichen sanitären Anlagen verbinden sich Ekel und Scham. Gleichwohl verfolgt die Erzählerin sie geradezu besessen. Graues Toilettenpapier liegt vor dem Tschaikowski-Konzertsaal, eine verpasste finnische Fähre wird vor allem als WC wahrgenommen, "stark riechend, mit feuchtem Endloshandtuch". Eine isländische Badezimmertür lässt sich nicht verschließen, aber immerhin gibt es auf den Toiletten der Käseverpackungsfabrik ein blaues Desinfektionsmittel, das zur Beglückung geschnüffelt werden kann. Griebels Sprache scheint zuweilen tief aus dem Körper mit all seinen Aversionen und Obsessionen zu kommen. Weil dieser Körper kein Garant für Sicherheit und Identität ist, kann es auch die Sprache nicht sein. Ein Versuch, der Welt trotz allem habhaft zu werden, besteht in der Präzision ihrer Benennung. Von einem isländischen Fohlen heißt es, es "wurde ein Fünfgänger mit viel Tölt und guten Anlagen zum Pass". Die Einzelheiten der Welt sind wirken sehr nah. Auch wenn der Horizont dabei manchmal aus dem Blick gerät, bleibt doch die Sehnsucht nach "viel Blau im Himmel" intakt.

Sicherlich, dieses Schreiben bewältigt nichts. Es ist weit davon entfernt, das Leben in den Rahmen einer geschlossenen Fiktion zu spannen. Und dennoch bezeugen Christina Griebels Miniaturen, dass Literatur ein unerlässliches Mittel sein kann, der Unverhältnismäßigkeit von Ich und Welt beizukommen - und sei es auch nur für Momente eines äußerst prekären Glücks.

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