RüDIGER ZILL

Tut das weh?

Susan Sontag wendet sich mal wieder der Fotografie zu und nimmt eine Kurskorrektur vor

Manche Büchern haben schon eine Rezeptionsgeschichte, bevor sie noch erschienen sind. Als Susan Sontags neuer Essay Regarding the Pain of Others im Frühjahr in die amerikanischen Buchläden kam, tobte gerade der Irak-Krieg, ein Krieg, der - zumindest hierzulande - von einer wohl bisher einzigartigen öffentlichen Reflexion über die Bedingungen der Möglichkeit von Kriegsberichterstattung begleitet war. In den ersten Tagen der Invasion gab es unzählige Artikel und Berichte in den deutschen Medien über die prekäre Glaubwürdigkeit von Bildern und wie man dennoch mit ihnen umgehen müsse. In dieser Situation erschien Sontags Essay wie das Buch zum Krieg. Susan Sontag, die amerikanische Ausnahmeintellektuelle, die im belagerten Sarajevo ausgeharrt und sich nach dem 11. September mit regierungskritischen Artikeln weit aus dem Fenster gelehnt hat, ist nicht nur eine moralische Autorität, sie ist auch eine fachliche, haben ihre Essays Über Fotografie doch seit ihrer Veröffentlichung 1977 wie wenige andere Texte definiert, wie wir über Fotos öffentlich reden. Wie Kinder berühmter Eltern steht daher das neue Buch, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, im Schatten seines Vorgängers.

Auch in Das Leiden anderer betrachten arbeitet Sontag wieder daran, uns zu zeigen, wie Bilder die Welt erscheinen lassen. Die Passion Christi, Goyas Radierungen aus den Napoleonischen Kriegen, Fotos aus dem Krimkrieg, dem amerikanischen Bürgerkrieg, Spanien, Vietnam, Jugoslawien sind die Stationen auf dem visuellen Kreuzweg der Gräueldarstellungen. Indem sie beschreibt, wie im Laufe der Geschichte die technischen und die gesellschaftlichen Bedingungen, das Leiden erst malerisch, dann fotografisch darzustellen, sich ändern, zeigt sie auch, wie unsere Wahrheitskriterien sich gewandelt haben. Wie selbstverständlich übernehmen die ersten Fotografen das malerische Verfahren, die dargestellte Szene zu konstruieren. Die Verwüstungen und die Toten, die sie aufnehmen, werden vorher arrangiert. Heute dagegen gilt nur der Schnappschuss als authentisch. Unsere Erwartungshaltung ist dabei ins Gegenteil umgeschlagen. Das Imperfekte einer Aufnahme erlangt sogar besondere Glaubwürdigkeit.

Aber selbst die scheinbar authentischen Fotos, die unmittelbar Vorgefundenes aufzeigen, haben einen Doppelcharakter. Obwohl das Objektiv der Kamera seinem Namen Ehre macht und unanfechtbar Reales rein mechanisch und unparteilich aufzeichnet, ist es andererseits doch auch ein Subjektiv, denn jede Szene ist buchstäblich und im übertragenen Sinne aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen. Wahrscheinlich können Fotos gerade deshalb zu Totems für Zeitfragen werden, zu Ankern für die Gefühle. Denn auch wenn wir heute vor allem mit den bewegten Bildern des Films und des Fernsehens konfrontiert sind, arbeitet unser Gedächtnis doch - davon ist Sontag überzeugt - mit Standbildern. Sie sind das visuelle Pendant zu den sprachlichen Maximen: Sie strukturieren unsere Erfahrung.

Dennoch versucht das Kind der Mutter, der neue Essay dem alten, zu entkommen. Sontag präsentiert ihre Überlegungen selbst als Kurskorrektur. Hatte sie vor über 25 Jahren nach einer Ökologie der Bilder, nach einem maßvollen Umgang mit ihnen gerufen, weil die Bilder des Leidens inzwischen inflationär auftreten und uns gegen ihre Wirkung abstumpfen lassen, so gesteht sie heute zu, dass wir nun einmal nichts Wirkungsvolleres haben, um uns mit dem Leid von anderen Menschen zu konfrontieren.

Sontags Kurswechsel ist aber noch radikaler, als ihre Selbstkritik es erscheinen lässt. Über Fotografie war ein Frontalangriff auf das Medium. Vielstimmig verurteilte sie die Fotografie mit einer Reihe von phantasievollen Argumenten und Unterstellungen. Damals ließ sie sich zu nachgerade ontologisch überhöhten Behauptungen hinreißen wie der, dass jedem Zücken der Kamera Aggressivität innewohne oder dass - ein ebenso schwerer Vorwurf, obwohl vielleicht nicht ganz mit dem ersten vereinbar - es "seinem Wesen nach ein Akt der Nicht-Einmischung" sei. Wer fotografiert, kann dem Schlächter nicht ins Messer fallen.

Da Sontag das Foto nun rehabilitieren will, muss sie sich von solch einer Fundamentalkritik heute - wenn auch stillschweigend - verabschieden. Dementsprechend wird der Ton insgesamt leiser. Die einzelnen Passagen ihres alten Buchs begannen mit Posaunentönen, die welthistorische Grundsätze verhießen. Das Leiden anderer betrachtet fängt verhaltener an, mit einem Beispiel, das in sich widersprüchlich ist. Virginia Woolf antwortete 1938 in ihrem Essay Drei Guineen auf die Frage ihres männlichen Dialogpartners, wie "wir" denn den Krieg verhindern sollten, indem sie bestritt, dass es solch ein selbstverständliches Wir zwischen Männern, die nun einmal den Krieg führen, und Frauen, die ihn erleiden, überhaupt gebe. Und dennoch fand Woolf eine versöhnende Antwort, die das gemeinsame Wir wieder herstellte: Angesichts der Fotografien von Kriegsgräueln könnten wir alle - Männer und Frauen - nicht anders, als mit Abscheu reagieren und wünschen, dass es nie wieder Krieg gebe.

Dieser schnellen Versöhnung misstraut Sontag. Sie erinnert vielmehr daran, dass jedes Bild kontextabhängig ist. Je nachdem, von wem es in welcher Situation mit welcher Vorinformation betrachtet werde, würde es auch anders verstanden. Tote Kinder auf der Straße können eine Absage an den Krieg insgesamt bedeuten oder doch eher demonstrieren, wie unmenschlich der spezielle Gegner sei.

Sontag nimmt Woolfs widersprüchliche Haltung zum Ausgangspunkt, um von dort aus die ethische Problematik der Schreckensbilder in ihren Einzelheiten zu beleuchten. Am Ende aber kommt sie zu der Frage des unmöglichen Wir zurück, zu der unumstößlichen Tatsache, dass bestimmte Erfahrungen jemandem, der sie nicht gemacht hat, nicht völlig zu vermitteln sind. Das macht den Essay zu mehr als lediglich einem weiteren Buch über Bilder. Er thematisiert die prinzipielle Unüberwindbarkeit von Erfahrungsschranken. Wer nicht im Krieg war, kann seinen Schrecken - aber auch seine unglaubliche Normalität - nicht wirklich nachvollziehen, sei er auch allerbesten Willens. So endet Sontag dann bei einer ähnlich ambivalenten Haltung wie Virginia Woolf: Was bleibt, sind doch die Bilder - als Krücken des Mitgefühls.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare