Wege in den Untergang

Jared Diamond erklärt, warum manche Gesellschaften Wirtschaftskrisen zu meistern lernen - und andere nicht

Von FRANK UFEN

Der US-Geograph, Genetiker und Anthropologe Jared Diamond hat vor einigen Jahren die Erforschung der Geschichte der menschlichen Zivilisation revolutioniert - mit seinem Buch Arm und Reich, das den Entwicklungsvorsprung der Gesellschaften Asiens und Europas auf ihre privilegierten ökologischen Ausgangsbedingungen am Ende der letzten Eiszeit zurückführt.

Mit seinem jüngsten Buch lässt sich Diamond auf ein nicht minder ehrgeiziges Unterfangen ein: Er will in allen Einzelheiten erklären, was Gesellschaften immer wieder dazu veranlasst, dermaßen zerstörerisch in ihre Umwelt einzugreifen, dass sie Gefahr laufen, sang- und klanglos unterzugehen, und warum manche Gesellschaften schwere wirtschaftliche Krisen überstehen, andere hingegen nicht.

Japans Gesellschaft vor dem Kollaps

Die japanische Wirtschaft beispielsweise wuchs im 17. Jahrhundert ebenso rapide wie die Bevölkerung, und das Land geriet in die schwerste Umweltkrise seiner Geschichte. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts hatte es ein Viertel seines Territoriums abgeholzt. Doch nur 150 Jahre später hatte der Raubbau an der Natur derart verheerende Ausmaße angenommen, dass die Wälder bis auf einige klägliche Überbleibsel vernichtet waren. Schuld daran war der ungeheure Holzbedarf in der Blütezeit der Tokugawa-Dynastie. Holz wurde gebraucht für die Salz- und Hüttenindustrie, den Bau von Schiffen, Städten und Schlossanlagen. Holz diente als Brennstoff für die Herde und Öfen. Die Landwirtschaft benötigte immer mehr Acker- und Weideland, und die Bauern verwendeten fast ausschließlich Dünge- und Futtermittel, die aus den Wäldern stammten.

Im selben Maße, in dem die Zerstörung der Wälder fortschritt, gingen aber die Erträge der Landwirte zurück - immer wieder gab es Hungersnöte. In dieser katastrophalen Lage beschlossen der Shogun und die Daimyos, den Holzverbrauch massiv zu verringern und die Aufforstung der Wälder voranzutreiben. Sie schufen ein ausgeklügeltes Forstverwaltungssystem, das detailliert regelte, wer, wo, wann, wie viel Holz, wofür und zu welchem Preis nutzen durfte. In allen Wäldern Japans patrouillierten fortan Wächter, die das illegale Fällen von Bäumen mit Waffengewalt verhinderten. An Landstraßen und Flüssen wurden Wachen postiert, die keinen Holztransport durchließen, ohne ihn gründlich inspiziert zu haben. An Stelle der traditionellen klobigen Holzhäuser traten grazile, aus Leichtbauelementen errichtete Behausungen, die Ofenheizungen wurden durch tragbare Kohlebecken ersetzt. Und um die Landwirtschaft zu entlasten, intensivierte man die Fischerei, dehnte sie auf die Tiefsee aus und erfand neue Fangmethoden.

Dass es Japan schließlich gelang, seinen Untergang abzuwenden, führt Jared Diamond auf mehrere günstige Umstände zurück. Begünstigt ist das Land durch die Beschaffenheit seiner Böden, die jung sind, auf die viel Regen fällt, auf die reichlich Vulkanasche niedergeht und die zusätzlich aus der Atmosphäre mit Nährstoffen versorgt werden. Außerdem gab es in Japan keine Ziegen- oder Schafshaltung. Und die Waldbewirtschaftung war so organisiert, dass sie außer den Machtinteressen des Shoguns und der Territorialfürsten auch den langfristigen Wirtschaftsinteressen der Kaufleute, Dorfvorsteher und Bauern diente.

Eine ganz andere Geschichte weiß Diamond von der Osterinsel zu erzählen. Als sich zu Beginn des 10. Jahrhunderts polynesische Auswanderer auf der Osterinsel niederließen, fanden sie dort paradiesische Verhältnisse vor. Einige Jahrhunderte später waren die einstmals üppigen Nahrungsquellen nahezu versiegt. Alle einheimischen Landvogelarten waren ausgerottet worden, und von den Seevogelarten hatte eine einzige überlebt. Die Jagd auf Delfine, Robben oder Meeresschildkröten war nicht mehr möglich, denn für den Bau von Kanus fehlte das Holz. Meeresfrüchte wurden kaum noch erbeutet, und den wesentlichen Teil der fleischlichen Nahrung lieferten Hühner und Ratten. Aber auch die Erträge der angebauten Nutzpflanzen verringerten sich ständig, weil die Böden immer mehr verkarsteten und erodierten.

Steingärten statt Forstwirtschaft

Vergeblich versuchten die Inselbewohner, mit gigantischem Aufwand eine Steingartenkultur zu betrieben, um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern. Schuld an der ganzen Misere war der exzessive Holzverbrauch, der mit der restlosen Vernichtung der Wälder enden sollte.

Die Bäume wurden nicht nur gefällt, um sie zu verfeuern, Boote zu bauen oder Ackerland zu gewinnen. Aus Baumstämmen wurden die Schlitten, Schienen, Hebel und Seile hergestellt, mit denen die tonnenschweren Monumentalstatuen vorwärts bewegt und aufgerichtet wurden. Weil sich die Sippen und Häuptlinge einander im Bau immer kolossalerer Statuen und Plattformen zu übertrumpfen versuchten, verschleuderten sie die letzten Ressourcen.

Dass die Osterinsel-Gesellschaft ihrem eigenen Untergang tatenlos zusah, hat laut Diamond im Wesentlichen drei Gründe. Erstens die ruinösen Macht- und Prestigekämpfe, in die sich die herrschenden Kasten verstrickt hatten. Zweitens die Abgeschiedenheit der Insel, die die Bewohner daran hinderte, auszuwandern oder durch Handel mit benachbarten Gesellschaften oder Kriege an Ressourcen zu gelangen. Drittens der Umstand, dass die Osterinsel-Gesellschaft das Pech hatte, mit einer äußerst empfindlichen Umwelt zurechtkommen zu müssen. Da die Insel arm an Niederschlägen ist und ihr kaum neue, von außerhalb stammende Nährstoffe zugeführt werden, konnte sie ihre Entwaldung und Auslaugung nicht verkraften.

Was Diamond auf diese Weise zutage fördert, dass er Gesellschaften der Gegenwart und der Vergangenheit im Hinblick auf Dutzende von Ausgangsvariablen miteinander vergleicht, ist immer wieder verblüffend. Merkwürdig ist nur, dass in fast sämtlichen Fallanalysen, die Diamond präsentiert, die Zerstörung der Wälder und ihre unmittelbaren Folgeschäden im Zentrum stehen. Außerdem ist es fragwürdig anzunehmen, die Gesellschaften der Gegenwart könnten Entscheidendes aus dem ökologisch bedingten Niedergang der Kultur der Maya, Amasazi oder Normannen lernen. Aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Diamond hat eines der aufschlussreichsten Bücher über die Vorgeschichte, die Geschichte, über die Ursachen und die Auswirkungen der Umweltzerstörung überhaupt vorgelegt.

Jared Diamond:Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005,703 Seiten, 22,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion