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Chaim Noll Erinnerungen

Wege aus dem Land

Mit der DDR im Dauerkonflikt: Chaim Nolls interessantes, aber auch arg flüchtig wirkendes Erinnerungsbuch „Schmuggel über die Zeitgrenze“.

Von Cornelia Geissler

Ein junger Mann mit Wuschellocken und dunklen Augen blickt einem vom Buch entgegen. Sein Lächeln wirkt zurückgenommen und sympathisch. Das müsste der Autor selbst sein, auch wenn das nirgends in Titelei oder Impressum vermerkt steht, doch ist es ja ein Erinnerungsbuch. „Der Schmuggel über die Zeitgrenze“ heißt es geheimnisvoll.

Chaim Noll, der Autor, hat eine besondere Geschichte. Er wurde in der DDR 1954 geboren als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll. Der war seit den sechziger Jahren durch seinen Roman „Die Abenteuer des Werner Holt“ eine Berühmtheit als sozialistischer Schriftsteller. Dass dieser Ruf auch belastend für ihn war, konnte man daran ablesen, dass er anderthalb Jahrzehnte brauchte, um ein nächstes Buch zu veröffentlichen. Das war der Roman „Kippenberg“ über einen Mathematiker. Der Sohn, damals Mitte zwanzig und Kunststudent in Berlin-Weißensee, hatte den Schutzumschlag gestaltet.

Davon schreibt er nicht in seinen Erinnerungen, wird doch das Erscheinen jenes Romans von einem wesentlich kürzeren Schriftstück seines Vaters begleitet, ja überlagert. Drei Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, als weitere Künstler der DDR bereits den Rücken gekehrt hatten, schickte Dieter Noll einen offenen Brief an Erich Honecker, der seine Schriftstellerkollegen Stefan Heym, Joachim Seyppel und Rolf Schneider als „einige wenige kaputte Typen“ diffamierte, „die da so emsig mit dem Klassenfeind kooperieren“.

Begrabene Hoffnungen

Chaim – damals noch Hans – Noll hatte vorher schon seine Probleme mit dem Staat und seinen Methoden, die Bürger zu bevormunden. „Wenn irgendetwas unser Weggehen aus der DDR beschleunigt hat“, schreibt er, „dann war es dieser Brief.“ Er ruinierte die Reputation seines Vaters und begrub für den Sohn die „Hoffnungen auf ein Leben ohne politische Konflikte“. Es ist diese Zeitgrenze, die er für den Titel wählte, das Leben im eingemauerten Staat. Detailliert, zuweilen mit anekdotischer Würze, erzählt er von den schicksalhaften Jahren, da er zwischen Humboldt-Universität, Kinderbuchverlag und Kunsthochschule seinen Weg suchte, seine Frau fand, verlässliche Freunde, verräterische Ratgeber. Mit einer Hungerkur schützte er sich vor der Einberufung zur Armee, schließlich stellte er einen Ausreiseantrag.

Doch man muss erst einmal bis dahin kommen, zu den 300er-Seiten, muss sich durch Nolls Beschreibungen seiner Kindheit und Erörterungen über die DDR und deren Umgang mit der Geschichte kämpfen. Auch hier gibt es aufschlussreiche Passagen, schöne Porträts, doch wirkt die erste Hälfte eher wie die Vorstufe zu einem Buch, so redundant und oft umständlich ist sie.

Mein „zwei Jahre jüngerer Bruder“ heißt es in einem Satz, der folgende lautet: „Mein Bruder war zwei Jahre nach mir geboren worden.“ Ach. „In der neuen Klasse hatte ich interessante Mitschüler, darunter Nina, die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen...“, steht auf Seite 83, zwei Seiten später: „Auch Nina Hagen war seit der ersten Klasse meine Mitschülerin.“ Inflationär gebraucht er Anführungszeichen für Wörter und Wendungen. Er springt von Erlebnissen zu Grundsatzerörterungen und zurück. Und warum muss er dreimal erzählen, dass die zweite Frau des Vaters diesen vor dem Absturz in Alkohol- und Tablettensucht rettete?

„Verschwunden sind auch die Lektoren“, schreibt Noll mit Blick auf die Vergangenheit, „Betreuer des Autors, nicht selten Freunde, die ihm hilfreich, aber auch gnadenlos gegenlesend zur Seite standen.“ In seinem Buch ist der Name einer Lektorin genannt. Hat sie versagt oder er sich nichts sagen lassen?

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