Wolf Biermann und Uschi Brüning

Nix wie weg, aber hierbleiben

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Wolf Biermann und Uschi Brüning erzählen, lesen, musizieren an historischer Stätte in Leipzig.

An den Giraffen und Blümchen im bühnenumrankenden Ornament kann man sich nicht sattsehen (oder erst nach vielen Jahren), dazwischen sitzen aber Wolf Biermann und Uschi Brüning und machen Späße und erzählen aus ihrem Leben. Das ist noch besser und die Kongresshalle am Leipziger Zoo nicht nur groß genug dafür, sondern auch ein Ort, an den die Sängerin viele Erinnerungen hat. Ihre alleinerziehende Mutter hat als „Kaffee- und Kaltmamsell“ in der Zoogastronomie gearbeitet, vorwiegend in Nachtschicht, erzählt Brüning, eine Schikane gegen die parteilose, mit zwei Kindern schwer geforderte Frau. Dass sie selbst nicht davon zermahlen wurde, dürfte mit ihrer dann steilen Karriere als DDR-Jazzerin zusammenhängen. Brüning erzählt von den Anfängen parallel zu einer Ausbildung als Gerichtssekretärin und von dem Ärger, als sie den Lieblingsschlager der Mutter vortrug, „Junge, komm bald wieder“.

Das war offenbar ein Westhit zu viel für ihre Vorgesetzten. Ein Vorsingen bei dem Ostberliner Jazzer Klaus Lenz bringt den Einstieg in die große weite Welt der professionellen Musik. Das Wort Jazzen reimt sich heute Abend konsequent auf „patzen“, so sprachen auch unsere Väter, so klingt es richtig.

Wolf Biermann, 1936 in Hamburg geboren, stellt seinen neuen Band „Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“ vor, Uschi Brüning, 1947 in Leipzig geboren, ihre Autobiografie „So wie ich“. Beide sind im Ullstein Verlag erschienen, dessen verlegerischer Geschäftsführer Gunnar Cynybulk zwischen den beiden sitzt und ein paar Fragen stellt, wenn man ihn lässt. Brüning erzählt von einem Privatkonzert, das Biermann für sie gegeben habe. Biermann sagt, das habe er oft gemacht, einfach um in Übung zu bleiben. Das legendäre Kölner Konzert 1976: Dreieinhalb Stunden, sagt Biermann, das bekomme man nicht einfach so hin. „Du hast mich benutzt“, sagt Brüning.

Brüning liest selbst ein paar frühe Passagen aus ihrem Buch, unsicher liest sie von der Unsicherheit, rasant authentisch. Der Schauspieler und Theatermacher Manuel Soubeyrand liest aus „Barbara“, darunter eine Manfred-Krug-Geschichte, die einer Wiederlebendigmachung sehr nahe kommt. Was fällt Biermann leichter, Prosa oder Dichtung? Am einfachsten sei Prosa, gefolgt von Dichtung, gefolgt von guter Prosa, sagt Biermann. Er singt das alte Lied „Und als wir ans Ufer kamen“, mit der Zeile: „Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“. Das sei genau dieses Gefühl gewesen, damals in Ostberlin, sagt er, „nix wie weg, aber hierbleiben“. Sie singen „Ermutigung“ und „Summertime“, Brüning singt „Son of a Preacher Man“ mit Gerulf Pannachs deutschem Text „Der Sohn meiner Nachbarin“.

Gerulf Pannach. Ein hellwacher Abend über früher. Dass früher der Schlüssel fürs Heute zu finden ist, läuft so mit. Die Selbstironie verhindert Sentimentalität. Ach, Uschi, kann Wolf Biermann sagen, ach, Wolf, kann Uschi Brüning sagen.

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