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Daro Sulakauri, "Tschiatura", aus der Serie "Black Gold", 2014?2015.

Georgien

Weckruf einer Generation

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Junge georgische Fotografie im Fotografie Forum Frankfurt.

Das Fotografie Forum Frankfurt widmet seine neue Ausstellung einem Land, das durch die Sowjet-Diktatur erst spät mit einer künstlerischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte beginnen konnte. Jung und sich selbst überlassen versucht Georgien, seine Identität und den Platz in der neuen Weltordnung zu finden. Zwölf georgische Fotografen und Fotografinnen werfen ihren Blick auf ein Land voller Gegensätze und Probleme, aber auch voller Hoffnung und neu gefundenem Nationalstolz. Mit Werken, die in den späten 1990ern und frühen 2000ern entstanden sind, öffnet sich ein Spektrum, das die Umbruchszeit und folgenden Krisen des Landes facettenreich darstellt. 

Überschrieben mit dem passenden Titel „Picture Languages. Photographic Art From Georgia“ ist diese Ausstellung das Sprachrohr der ersten Generation, die ohne die Diktatur aufgewachsen ist, beeinflusst von einem einerseits schier unbändigen Freiheitsgefühl, andererseits von einer über allem schwebenden Angst. Die Angst, nicht zu wissen wohin mit sich selbst, die Angst vor Armut und Hunger und die Angst vor einem drohenden Krieg. Mit dem Ende der Sowjetunion verschwanden noch lange nicht die Spannungen zwischen Georgien und Russland. Diese prekäre Situation führte 2008 zur Eskalation und dem Kaukasuskrieg. Auch diese Zeit der Gewalt und des Schreckens findet Platz auf den Werken der jungen Künstlerinnen und Künstler. 

In der Reihe „Tbilisi Portraits“ bildet der Fotograf Beso Uznadze zum Beispiel ab, wie es seiner Familie und seinen Freunden während der kriegerischen Auseinandersetzungen in Georgien erging. Uznadze selbst war schon zu Beginn des neuen Jahrtausends nach London gezogen und fungierte so als Medium zwischen der georgischen Wirklichkeit und dem Leben abseits des Konflikts. Auf den Bildern stehen seine Angehörigen manchmal alleine, manchmal mit Kindern in ihren Wohnräumen. Aus einer Froschperspektive schauen sie in die Kamera, ihre Blicke sind gezeichnet von einer tiefen Traurigkeit und fast unerträglichen Furcht. 

Die Werke von Daro Sulakauri zeugen von einer ganz anderen, aber genauso lähmenden Angst. „The Black Gold“ erzählt die Geschichte der Manganminenarbeiter in der Stadt Tschiatura. Zu sehen ist beispielsweise die Frau eines Kumpels, die mit ihren fünfzehn Kindern zu Hause darauf hofft, dass ihr Mann lebend von seiner Schicht zurückkehrt, oder ein in Schwarz gehüllter Bergbautunnel, der nur erahnen lässt, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet werden muss.

Nuanciert ist die Ausstellung auch durch den Kontrast zwischen der eben beschriebenen Verzweiflung und einer neu gewonnenen Hoffnung. Diese Hoffnung lässt sich auf den Bildern von Mariam Sitchinava finden. Als Mode- und Portraitfotografin hält sie in ihren Aufnahmen Momente des Reizes und der Intimität fest. Es zeigt sich sowohl eine sinnliche als auch körperliche Befreiung und mit ihr ein Moment der Friedlichkeit. Eine junge Frau dreht sich in ein durchsichtiges Tuch der Sonne entgegen, eine andere schmückt ihre entblößte Brust mit Blättern - losgelöst von einer Sexualisierung, ist hier pure Lebensfreude zu sehen. 

Eine ganz andere Sprache beherrscht dagegen die Arbeit von Dina Oganova. „Frozen Waves“ beschreibt den verschwunden geglaubten Brauch, Frauen zu entführen, um sie dann zu heiraten. Wer nach so einer Entführung wieder heimkehrt, wird oft von der eigenen Familie verstoßen, da nicht mehr klar ist, ob die Entführte noch eine Jungfrau ist und sie nun als entehrt gilt. Unwirkliche Motive werden bei der Installation Oganovas Erfahrungsberichten von Opfern und Tätern gegenüber gestellt. Anders als bei Mariam Sitchinava, ist hier keine sexuelle Befreiung, sondern nur Unterdrückung und Entmachtung des weiblichen Geschlechts zu spüren. 

Was die zwölf georgischen Künstlerinnen und Künstler in dieser Ausstellung verbindet, ist sowohl die gemeinsame Heimat, als auch eine bedingungslose Liebe zur selbigen. Teils tragen die Bilder eine kaum bekannte Kultur nach außen, teils sind sie ein Weckruf an die eigenen Landsleute. Gemeinsam repräsentieren sie eine Nation, die den Weg nach vorne sucht, aber noch lange mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat. 

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