Literatur

Was und wohin wir wollen

  • vonAndrea Pollmeier
    schließen

Zum ersten Mal findet im Haus am Dom in Frankfurt das viertägige Literaturfestival unter dem Namen „stromern“ statt.

Das Hessische Literaturforum in Frankfurt ist in normalen Zeiten ein heimeliger Ort, an dem sich die schreibende Zunft auf fast familiäre Art zusammenfindet, um mit geschultem Ohr neuen Nuancen der Sprache nachzuspüren. Für diesen empfindlichen Austausch in Corona-Zeiten einen geeigneten Raum zu finden und dort gar ein ganzes Literaturfestival zu absolvieren, war für Programmleiter Björn Jäger – der eher auf die Einzigartigkeit einer Lesung als auf die Sogwirkung des Events setzt – eine Herausforderung. Im touristischen Epizentrum der Neuen Altstadt ist er glückhaft fündig geworden. Zum ersten Mal fand im Haus am Dom das viertägige Festival „stromern“ statt.

Abschirmung und Offenheit

Im Schatten der Kirche gab es nicht nur genügend Platz, um Abstandsregeln zu wahren, sondern auch die entsprechende Mischung aus Abschirmung und Offenheit, in der ein Austausch gedeihen konnte. Eines der ersten Themen galt der zunehmend brenzlig werdenden Diskussion um das Reisen und das Daheimbleiben. „Der Tourist zerstört sein Ziel, indem er es aufsucht“, sagt etwa Harriet Köhler, die gerade eine „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ publiziert hat. Sie beschreibt darin, wie sie in den eigenen vier Wänden reist und dabei auf der Suche nach Selbsterkenntnis von Zimmer zu Zimmer zu zieht.

Als Liebhaber von Reiseliteratur kennt sich Björn Jäger in Texten über das Reisen besonders gut aus. Zum Gespräch mit Harriet Köhler hat er als Pendant einen Autor eingeladen, der seit vielen Jahren das Reisen zu seiner Lebensgrundlage gemacht hat. Gerade ist von Michael Roes im Schöffling Verlag ein Buch über die „Melancholie des Reisens“ erschienen. Reisen ist für ihn nicht Urlaub, sondern eher ein Weg der Selbst-Erkundung. Mehrjährige Aufenthalte im Jemen, in Israel, Afghanistan, Algerien und Mali bilden den Hintergrund für viele seiner Bücher, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Filme. Vor der Dom-Kulisse wirkt Roes nicht wie jemand, der das Abenteuer sucht. Er spricht leise und ist – wie er sagt – anfällig für Krankheiten. Ein Mensch, der hinhört, bevor er selbst spricht.

Um europäische Lyrik geht es am dritten Festivaltag. Im Rahmen einer Reihe, die von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über die Lyrik Europas herausgegeben wird, hat unter dem Titel „Licht überm Land“ Peter Urban-Halle dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute zusammengeführt. Der äußerst bibliophil gestaltete Sammelband enthält auch zahlreiche Werke des ebenfalls eingeladenen Lyrikers Morton Søndergaard. Im Gespräch mit Peter Urban-Halle gibt er einen kundig-kurzweiligen Einblick in die dänische Sprachwelt und beschreibt die außergewöhnlich experimentelle Vielfalt, die man in der dänischen Lyrik antreffen kann. Gerade weil Dänisch neben weitverbreiteten Sprachen wie Deutsch und Englisch nur eine Randsprache sei, habe sie, so Søndergaard, besonders viel Freiheit und könne – frei nach Pessoa – am Rand der Tanzfläche stehend mit allen großen Sprachen zugleich tanzen.

Krankheit und Wortapotheke

Wichtiger zeitgenössischer Dichter sei Yahya Hassan (geboren 1995), dessen Werk „Ghetto-Guide“ (2013) auch in der Anthologie (Übersetzung: Annette Hellmut und Michel Schleh) enthalten ist. Morton Søndergaard selbst hat u.a. eine „Wortapotheke“ entwickelt, die humorvoll Nutzen und Risiken beim Gebrauch von Sprache unter die Lupe nimmt. Am Ende des Gesprächs über die dänische Lyrik tritt Nora Gomringer von der Zuschauerseite aus zum Podium. Sie hat gerade in ihrem Buch „Morbus“ über 25 Krankheiten und ihre Symptome geschrieben, jetzt sucht sie nach Gegenmitteln und trägt nicht nur ihre Gedichte, sondern auch entsprechende Passagen aus Søndergaards Wortapotheke vor.

Neben solch humoristischen Elementen und klassischen Einzellesungen von Autorinnen und Autoren wie Leif Randt, Nell Zink und Anna Katharina Hahn gab es auch Diskussionen zu sorgenvollen Zeitthemen. So sprachen der Autor Christoph Heubner und der stellvertretende Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, Werner Hanak, über die Frage, wie die Erinnerung an die Shoa künftig wachgehalten werden könne.

Eng verbunden mit diesen Fragen war das von Silke Hartmann (text & beat) organisierte Abschlusspodium, das Untersuchungen zur Ausbreitung von Verschwörungstheorien vorstellte. Die Journalisten Christian Alt und Christian Schiffer haben zu diesem Thema unter dem Titel „Angela Merkel ist Hitlers Tochter“ aktuelle Recherchen publiziert und die wachsende Bedrohungslage transparent gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare