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Tauben überfliegen ein ausgetrocknetes Wasserreservoir südlich von Tunis.

Klimawandel

"Was nicht spürbar wird, motiviert schwer zum Handeln"

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Der Philosoph Dieter Birnbacher spricht im Interview über Moral und Verantwortung, wenn es um die verheerenden Folgen des Klimawandels geht.

Professor Birnbacher, es gibt einen Unterschied zwischen den Verursachern und den Betroffenen des Klimawandels. Muss man von einem moralischen Gesichtspunkt her eher den Betroffenen helfen als den Verursachern?
Es gibt eine Reihe von Prinzipien, die sich in der Umweltdiskussion bewährt haben, etwa wenn es um die Verschmutzung von Luft und Wasser, die Zerstörung von bebaubarem Boden oder den CO2-Ausstoß geht. Eines der wichtigsten Prinzipien ist das Verursacher-Prinzip, das den Verursacher für Schäden haftbar macht, unabhängig davon, ob der Verursacher besser oder schlechter dasteht als andere oder nicht.

Das ist ein elementares Prinzip der Gerechtigkeit, das weithin akzeptiert wird. Das wird im Falle des Klimaproblems ergänzt durch ein Prinzip der Leistungsfähigkeit. Wenn derjenige, der Probleme verursacht, etwa wirtschaftlich, aber auch politisch stärker ist als der Geschädigte, ist das ein zusätzlicher Grund, den Schädiger haftbar zu machen für die Kompensation der Schäden und möglicherweise sogar für einen zusätzlichen Ausgleich, der die moralische Seite der Schädigung erfasst. 

Wie steht es aber mit der historischen Verantwortung der Industrieländer?
Die Klima-Problematik ist die Spitze einer Entwicklung, die schon im 19. Jahrhundert angefangen hat, allerdings ohne dass die damalige Spitze der Politiker und Unternehmer eine Vorstellung davon hatten, wie sich ihre Industrie-Politik langfristig auf das Klima auswirkt. Daher erscheint es mir nicht gerechtfertigt, jene Nationen, die diese Entwicklung vorangetrieben haben wie zum Beispiel Großbritannien, für die Schäden, die aus den historischen Emissionen erwachsen sind, haftbar zu machen. Faktisch ist es aber so, dass der allergrößte Teil der Klimaeffekte erst seit dem Jahr 1990 zu verzeichnen ist, also seit dem Zeitpunkt, zu dem der Weltklimarat deutlich gemacht hat, dass die Weltklimaveränderungen zum größten Teil durch Treibhausgasemissionen zustande kommen. 

Es gibt das Prinzip der Nächstenliebe, wir wissen aber, dass es mit der Fernstenliebe schon schwieriger wird.
Das ist das große Problem, das man das Motivationsproblem nennen kann. Was uns nicht auf den Nägeln brennt und als eigene Belastung spürbar wird, motiviert uns nur sehr schwer zum Handeln, vor allem dann, wenn es uns selber Einschränkungen in unserem persönlichen Lebensstil auferlegt.

Das ist das Hauptproblem, dem wir uns moralisch und politisch gegenübersehen. Bei der Umweltverschmutzung im engeren Sinne: schlechte Gerüche, dreckiges Wasser, Vernebelung der Stadtlandschaft durch Smog sind wir sensorisch konfrontiert. Wir empfinden es als Störung, es schränkt uns ein. Bei den Fernwirkungen, die an anderen Stellen des Globus oder in der weiten Zukunft anfallen, empfinden wir das nicht.

Daher haben wir hier eine Motivationslücke, die auch durch die noch so lebhafte Darstellung der Folgen in den Medien nicht geschlossen wird. Eine mögliche Gefahr, die wir heute schon sehen, ist allerdings die verstärkte Migration aus durch den Klimawandel beeinträchtigten Gebieten der Welt. Der Druck der Migration wird mit dem Klimawandel erheblich zunehmen. Davon bekommen wir schon jetzt einen Vorgeschmack. Insofern sind wir mit den ferneren Folgen zu einem Teil auch heute schon konfrontiert. 

Die Migration schärft unser moralisches Bewusstsein?
Nicht die Moral, aber die Betroffenheit. Unsere Moral ist ja weitgehend in Ordnung. Die Frage ist eher, warum es für uns so schwierig ist, unsere Moral in die Tat umzusetzen und daraus praktische Schritte werden zu lassen. Es ist leicht, Moral zu proklamieren, wie das Pariser Abkommen zu schließen, aber es ist schwierig, daraus Konsequenzen zu ziehen. Und für alle Beteiligten, ob Politiker, Produzenten oder Konsumenten ist es schwer, sich von liebgewordenen Handlungsweisen zu verabschieden.

Wer ist denn der Träger der moralischen Pflichten beim Klimawandel? Der Einzelne oder große Unternehmen und Staaten?
Der Grad der moralischen Verantwortung hängt ganz wesentlich von der Beeinflussbarkeit der Entwicklungen ab. Und da trifft die Hauptverantwortung selbstverständlich die Hauptakteure – also sowohl die Regierungen der Welt, vor allen Dingen die mächtigen, aber auch die Führer globaler Unternehmen. Sie tragen mehr Verantwortung als der Einzelne, weil sie mehr ausrichten können. Wenn die Hauptakteure keine konsequente Klimapolitik betreiben, sieht der Einzelne kaum ein, warum er als Einzelner Benzin sparen soll.

Man muss von den Hauptakteuren also eine Vorreiter-Rolle erwarten?
Vor allen Dingen von den Regierungen. Wenn sie das C02 mit einer Steuer belegen oder das System des Emissionshandels so umstellen, dass es tatsächlich zu einem ernstzunehmenden Handel mit Emissionsrechten kommt, dann können sie sehr viel bewirken. Aber gerade weil sie so viel bewirken können, wird die vernünftige Politik nicht durchgesetzt. Denn diese zieht möglicherweise unangenehme Konsequenzen nach sich, die von der Politik als unzumutbar angesehen werden, etwa der Verlust des Jobs für den Einzelnen, Umstellungskosten für die Industrie, Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. 

Können die Handlungen von Menschen im Westen in Bezug auf den Klimawandel überhaupt egoistisch sein, oder müssen sie nicht zwangsläufig altruistisch werden?
Aus einer rein egoistischen Sicht überwiegen die Vorteile der Klimaveränderung wohl die Nachteile. Wenn es nach unserem Eigeninteresse ginge, würden wir wahrscheinlich einige Unwetter in Kauf nehmen, wenn dadurch die Winter milder wären. Zumindest würden viele so denken.

Wir haben im Sommer schon italienische Verhältnisse, der Winter ist kaum mehr Winter zu nennen. Insbesondere im Rheinland werden wir im Winter inzwischen mit sommerlichen Temperaturen verwöhnt. Das reicht nicht aus für ein Umdenken. Die Idealisten, die die Bangladeschi vor dem Ertrinken bewahren wollen, sind einfach zu wenige. Man kann nicht erwarten, dass so viel Altruismus in so viele Bereiche vordringt, in denen wir gewöhnt sind, nach dem Prinzip des homo oeconomicus zu agieren, etwa als Konsument oder als Steuerzahler, der eben nicht so gerne zu viel zahlt. Also überall, wo es ums Geld geht. 

Das Prinzip, nach dem wir uns ausrichten sollten, ist aber, den größten Nutzen der größtmöglichen Zahl zu verfolgen, oder den kategorischen Imperativ, dass die eigene Handlung jederzeit ein allgemeines für alle geltendes Gesetz sein sollte.
Dem Prinzip des größtmöglichen Nutzens folgen in der Tat sehr viele Hochrechnungsmodelle der Klimaentwicklung. Sie kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass wir das Nutzenmaximum verfehlen und große Nutzeneinbußen vor allem bei künftigen Generationen haben werden. Vor allem aber auch, weil der Nutzen auf der Welt extrem ungleich verteilt ist. Den Industrieländern geht es von Jahr zu Jahr besser, nicht nur was die Wirtschaftsleistung betrifft, sondern auch in Bezug auf immaterielle Werte wie Frieden, soziale Sicherheit und Zufriedenheit. In anderen Ländern sind die Werte weitaus schlechter oder verschlechtern sich gegenwärtig noch.

Helfen hier die Prinzipien einer idealen Klimaethik?
Die ideale Klimaethik ist etwas für Denker. Sie ist eine Konstruktion, die sich in Modellen und Hochrechnungen findet. Für konkrete Fälle ist eine ideale Ethik unbrauchbar, weil sie nicht die soziologischen und psychologischen Möglichkeiten und vor allem die Grenzen sieht, die menschlichem Handeln und menschlicher Motivation gezogen sind. Man kann gerne im Sinne der idealen Ethik den kategorischen Imperativ oder das Nutzenmaximierungsprinzip postulieren.

Damit hat man aber noch keine für die Praxis taugliche Ethik. Deshalb muss man von der idealen zur realen Ebene, zur anwendungsorientierten Ebene weitergehen und sich überlegen, welche Prinzipien für reale Menschen vernünftig sind. 

Was wäre das?
Hier vertrete ich eine Menschenrechtsethik, die besagt: Es kommt nicht in erster Linie darauf an, Menschen glücklicher oder besser zu machen, als sie es sind. Sondern es kommt darauf an, für alle Menschen elementare Rechtspositionen zu sichern. Und die Klimaentwicklung ist dabei, die Rechtspositionen von vielen Menschen zu verletzen. Damit hat man eine weniger anspruchsvolle und weniger utopische Ethik, die allerdings der Konkretisierung auf der politischen Ebene bedarf. Denn wir müssen davon ausgehen, dass Politiker primär ihren nationalen Vorteil verfolgen. Die Ethik darf also nicht davon ausgehen, dass die großen Emittenten wie die USA, China oder Indien sich von Solidaritätsgefühl mit der Weltgemeinschaft leiten lassen. 

Warum ist es besser, in Fragen des Klimawandels moralisch zu handeln?
Es ist immer besser, moralisch zu handeln. Es ist nicht immer besser für einen selbst. Das Moralische hat nun einmal eine vom Eigennutz absehende Komponente. Das ist das Eigentümliche der Moral, dass sie das Ganze im Blick hat. Das Prinzip der Universalität, wie es sich auch in den Menschenrechten dokumentiert, können wir nicht überspringen. Das universale Moment bedeutet, von dem, was uns selbst wichtig ist, ein Stück weit abzusehen. 

Führt denn mehr Moral zu einem besseren Leben?
Moral ist eine ganz wichtige Bedingung für ein gutes Leben. Menschen, die sich für andere einsetzen, haben in der Regel ein besseres Lebensgefühl. Das gilt aber auch für ganze Nationen. Die Nationen, denen es am besten geht, sind häufig dieselben, die sich um anderen am meisten sorgen. Hier liegen gerade die wohlhabendsten Nationen wie die skandinavischen Ländern oder die Niederlande oder auch Deutschland weit vorne. 

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