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Lebhaftes kulturelles Gedächtnis: Francesco Granacci malte 1516 das Bild: "Joseph stellt seinen Vater Jakob und seine Brüder dem Pharao vor".

Jan Assmann

"Was ist der Mensch?"

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Ein Gespräch mit Jan Assmann, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, über das kulturelle Gedächtnis, den Sinn von Geschichte, das Vermächtnis des alten Ägypten sowie Thomas Manns "Joseph"-Romane.

Herr Professor Assmann, Sie und Ihre Frau Aleida erhalten am Sonntag in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausdrücklich für Ihre Erinnerungsarbeit. Wie wichtig ist das kulturelle Gedächtnis gerade in unserer hochpolitisierten Gegenwart? 
Für die Frage nach dem, was das kulturelle Gedächtnis gerade in unserer Zeit so wichtig macht, würde ich drei Antworten hervorheben, die Aleida Assmann in ihrem Buch „Ist die Zeit aus den Fugen?“ entwickelt hat: Erstens den seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts beobachtbaren und analysierten Geltungsschwund des Konzepts Fortschritt. Zweitens den Bedeutungswandel der Zukunft von einem Heilsversprechen zu einem Gegenstand der Sorge. Und drittens den ungeheuren Bedeutungswandel der jüngeren Vergangenheit mit ihrem Imperativ des „Nie wieder“ und des ständigen Eingedenkens, der sich – von Deutschland ausgehend – inzwischen weltweit verbreitet hat. Hiermit verbunden ist das Aussterben der Zeitzeugen und die damit einhergehende Aufgabe, die Erinnerung an den Nationalsozialismus und Holocaust aus dem „kommunikativen“ in das „kulturelle Gedächtnis“ zu überführen. 

Sie haben als Ägyptologe die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ entwickelt. Was hat Sie daran in Ihren Anfängen als Wissenschaftler so fasziniert?
Die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ habe ich zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann entwickelt. Wer von uns beiden diesen Begriff zuerst gefunden und geprägt hat, lässt sich auch für uns selbst nicht mehr feststellen. Was mich als Ägyptologen daran fasziniert hat, sind – und auch hier muss ich wieder mit erstens und zweitens arbeiten – erstens die ungeheuren, in die Augen springenden Investitionen der Alten Ägypter in ihr Nachleben sowie die Sorge, die sie auf ihre kulturellen Medien, Traditionen und Institutionen verwandten, um zu verhindern, dass die Inschriften unlesbar würden oder nach Jahrhunderten nicht mehr wiedererkennbar wären. All das sind Investitionen ins kulturelle Gedächtnis. Zweitens die Grenze, die zwischen den Hinterlassenschaften verläuft, mit denen sich die „klassischen“ Altertumswissenschaften und die Bibelwissenschaften beschäftigen, und jenen, mit denen es Fächer wie Ägyptologie und Altorientalistik zu tun haben. Diese Grenze bezeichnet exakt die Umrisse unseres kulturellen Gedächtnisses. Zu ihm gehören die Hinterlassenschaften der Griechen, Israeliten, Juden und Römer, deren Texte seit Jahrtausenden gelesen, kommentiert, ausgedeutet, beherzigt und nachgeahmt wurden und unsere deutsche, europäische, westliche kulturelle Identität geformt und geprägt haben. Die Welt der Keilschrift und der Hieroglyphen dagegen ist erst seit 150 Jahren wieder teilweise zugänglich geworden und ist Gegenstand unseres wissenschaftlichen Interesses, aber nicht unseres Gedächtnisses, weil sie keinen Bezug zu unserem kulturellen Selbstbild hat. Freilich ist diese Grenze nicht unverrückbar, und ich habe meine Aufgabe darin gesehen, möglichst viel von der altägyptischen Welt in unser kulturelles Gedächtnis einzuführen. 

Gibt es eine Grundfrage, auf die sich Ihre Untersuchungen stützen?
„Was ist der Mensch?“ Das war in den Fünfzigerjahren die Grundfrage der philosophischen und historischen Anthropologie. Ungezählte Bücher mit dem „Menschen“ im Titel sind damals erschienen. Für mich waren das prägende Jahre. Unsere Vorstellungen von den Möglichkeiten des Menschseins und Begriffen wie „Mythos“, „Religion“, „Staat“ oder „Gerechtigkeit“ beruhen sehr weitgehend auf der biblischen und griechischen Tradition. Ganz anders nehmen sich diese Fragen aus, wenn man sie von außereuropäischen Kulturen und in meinem Fall vom alten Ägypten aus in den Blick nimmt. 

Wie wichtig ist die Rückbesinnung auf die Anfänge der großen Weltreligionen gerade in unserer Zeit, in der es zu Radikalisierungen in den Konfessionen kommt?
Die Frage, wann was angefangen hat, ist wichtig, weil sich vieles aus den historischen Umständen der Anfangsphase erklären lässt, die heutzutage längst jede Geltung verloren haben. Der besondere Vorteil des altägyptischen Blickpunkts liegt darin, dass sich von hier aus die Anfänge der großen, das heißt der auf der Bibel basierenden Weltreligionen anders und manchmal deutlicher zeigen als im Rückblick von heute. Das betrifft insbesondere die Rolle der Gewalt in den Texten von Religionen, die sich in ihrer Entstehungsphase gegen große Widerstände durchzusetzen hatten oder selbst Widerstandsbewegungen darstellten, wie etwa die prophetische „Jahweh-allein-Bewegung“ in Israel, aus der im und nach dem Exil das frühe Judentum hervorging; die christliche Religion, deren Anfänge im Zeichen der römischen Christenverfolgung standen; und der Islam, dem ebenfalls in seiner Entstehungszeit starker Widerstand entgegengebracht wurde. 

In Ihrem neuen Werk „Achsenzeit“ blicken Sie auch auf ihre Tage als Schüler zurück, als Sie in Karl Jaspers Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ eifrig Notizen machten und Passagen unterstrichen. Wieviel steckt in dem Schüler von damals in dem heutigen Wissenschaftler Jan Assmann?
Frühe Prägungen, die lebenslang wirksam bleiben, können tief ins Unterbewusstsein reichen und sind bewusster Reflexion nicht voll zugänglich. Dazu gehört eine ganz bestimmte Art von Musik, der ich mit sieben Jahren in den Lübecker Kirchenkonzerten begegnete und die Art von Kulturphilosophie, die den Siebzehnjährigen im Heidelberger Gesprächskreis um Gustav Friedrich Hartlaub faszinierte. Diese Prägung war für 25 Jahre vollkommen verdeckt von ganz anderen Fragen, Aufgaben und Methoden der ägyptologischen Philologie und Archäologie und kam erst in den Achtzigerjahren allmählich wieder zum Tragen, als Aleida und ich die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ entwickelten. In meinem Buch „Achsenzeit“ versuche ich, aus heutiger Sicht an meine damaligen Fragen anzuknüpfen. 

Welche Bedeutung hat die sogenannte Achsenzeit Ihrer Meinung nach für die Geschichte?
Als „Achsenzeit“ hatte Karl Jaspers die Jahrhunderte von 800-200 v. Chr. bestimmt, in denen unsere geistige Welt, „der Mensch entstand, mit dem wir bis heute leben“. Dieser Durchbruch sei in China, Indien, Persien, Israel, Griechenland gleichzeitig geschehen. Jaspers’ These beruht auf zwei Voraussetzungen: 1., dass es weder vorher noch nachher vergleichbare „Durchbrüche“ gab, und 2. dass sich die Ereignisse z.B. in China und Israel wirklich vergleichen lassen. Echnaton lebte im 14. Jh. v. Chr., auch Zarathustra wird heute ins 2. Jahrtausend datiert, Jesus und Mohammed traten lange nach der „Achsenzeit“ auf. In meinen Augen ist die Achsenzeit keine historische Epoche (wie die Bronzezeit, die Eisenzeit, die Goethezeit), sondern entspringt dem durchaus berechtigten Versuch, den Begriff einer normativen Vergangenheit (wie das „klassische Altertum“ für das Abendland, den „Auszug aus Ägypten“ für das Judentum, die Hedschra für den Islam usw.) in einem transkulturellen und transreligiösen Sinne für die gesamte Menschheit zu entwickeln, um eine „grenzenlose Kommunikation“ (Jaspers) und ein globales Denken zu befördern. Die Achsenzeit ist von Jaspers als die „Klassik“ einer globalisierten Menschheit gedacht. Nicht im Sinne einer historischen Epoche, aber als eine Hypothese und kulturanalytische Heuristik hat sich der Begriff bewährt. Darüber darf aber auch Jaspers’ Appell für einen neuen, universellen Humanismus nicht aus den Augen verloren werden.

Hat Geschichte überhaupt einen Sinn – oder legen wir nur eine Kategorie unseres Denkens in Ereignisse hinein?
Sinn ist eine kulturelle Konstruktion, die aber nicht nur nachträglich den Ereignissen unterlegt wird, sondern bereits die Ereignisse selbst (soweit es sich nicht um Naturkatastrophen und Ähnliches handelt) und ihre zeitgenössische Wahrnehmung determiniert. Wir handeln, erleben und erinnern im Rahmen kultureller Muster. Typische frühe Sinnkonstruktionen sind zum Beispiel „die Verfugung allen Handelns“, wie es in der ägyptischen Lehre für Merikare heißt (das heißt alles Handeln hat Folgen) oder die Idee des „Tun-Ergehen-Zusammenhangs“ im Alten Testament. Andererseits kann die Geschichte in der Rückschau eine ganz andere Bedeutung gewinnen, als sie den Zeitgenossen bewusst oder auch verborgen war. Jaspers’ Konzept der Achsenzeit ist dafür ein Beispiel. Die Kulturen, in denen sich die von Jaspers und anderen beschriebenen „Durchbrüche“ ereigneten, wussten nichts voneinander. Ihre menschheitsgeschichtliche Bedeutung trat erst in den Rückschau hervor. 

Wann fängt für Sie Geschichte zeitlich an, die für uns Heutige Bedeutung hat?
Geschichte fängt für mich an, soweit wir sie in Form von Spuren, Botschaften und Erinnerungen zurückverfolgen können, wie ich das in meinem Buch „Ägypten: eine Sinngeschichte“ für Ägypten entwickelt habe. „Botschaften“ setzen Schrift voraus, Spuren archäologischer Art gehen weiter zurück, bleiben aber durch das Fehlen schriftlicher Botschaften mehrdeutig. Durch Erinnerungen späterer Zeit können sie aber eine retrospektive Deutung erfahren. Alle in dieser Form greifbare Geschichte hat für uns Heutige Bedeutung. Eine „normative Vergangenheit“, auf der heutige Kulturen im Sinne eines geistigen Referenzrahmens basieren, ist demgegenüber aber etwas anderes, das man nicht, wie Jaspers das getan hat, mit dem „Ursprung von Geschichte“ gleichsetzen darf. Wenn das 6./5. Jh. v. Chr. für uns eine normative Vergangenheit darstellt, dann müssen wir bedenken, dass sowohl die Griechen als auch die Juden dieser Zeit bereits auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurückblickten, die ihnen in Gestalt der babylonischen und ägyptischen Kultur als Altertum vor Augen stand.

Welchen Beitrag leistete das alte Ägypten für die europäische Geistesgeschichte?
Was vom alten Ägypten nach dem Untergang der pharaonischen Religion durch die Christianisierung und dem Verschwinden der Schriftkenntnis übrig blieb und auf die europäische Geistesgeschichte einwirken konnte, verdankt sich biblischen, griechischen, lateinischen und arabischen Quellen. Das biblische Bild des alten Ägypten zeichnet das Modell einer Sklavenhaltergesellschaft als Folie eines Ideals der Freiheit von menschlicher Unterdrückung durch Bindung an Gott. Die griechischen Quellen zeichnen das Bild einer Religion, die sich die Welt nicht von einem transzendenten Schöpfer geschaffen, sondern aus einem Ur-Gott entstanden denkt. Griechische und arabische Quellen wiederum entwickeln aus diesem Weltbild die praktische Philosophie der Alchemie, die auf dem Prinzip der Verwandelbarkeit und Veredelbarkeit der Elemente beruht, das aus dem Gedanken der All-Einheit abgeleitet ist. Neue, in der Renaissance aufgetauchte Quellen wie das „Corpus Hermeticum“ und die Hieroglyphenbücher des Horapollon haben diese Überlieferungen enorm bereichert. 

Gibt es einen religiösen oder philosophischen Kerngedanken dieser alten Kultur?
Ein Kerngedanke der altägyptischen Kultur ist sicher die Verehrung des Beständigen, Unvergänglichen als Inbegriff von Heiligkeit. Ma’at, der Zentralbegriff der altägyptischen Ethik, der zugleich „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ bedeutet, verheißt dem, der nach ihren Grundsätzen lebt, Beständigkeit über den Tod hinaus, ja, Unsterblichkeit. Ein religiöser Kerngedanke ist die Nichtunterscheidung von Gott und Welt, die nicht von Gott geschaffen, sondern aus Gott entstanden gedacht wird. Demgegenüber hat der Kerngedanke des biblischen Monotheismus, der auf der strikten Unterscheidung von Gott und Welt basiert, einen ganz anderen Begriff von „Ewigkeit“ entwickelt, der die Ewigkeit Gottes der Zeitlichkeit der Welt gegenüberstellt. 

Sie haben 15 Jahre an einem Kommentarband zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ gearbeitet. War Thomas Mann ein großer Kenner des Altertums?
Thomas Mann hat sich in die Welt des 14. Jahrhunderts v. Chr. sehr gründlich, wenn auch unkritisch eingelesen, vor allem aber sehr tief eingedacht und ist dabei zu Theorien über den archaischen Menschen und das mythische Denken gekommen, die seiner Zeit weit voraus waren.

Es ist eine wunderbare Ausgabe geworden. Wann haben Sie Thomas Manns Romane das erste Mal gelesen und welche Bedeutung hatte das für Sie?
Mein Lieblingsroman von Thomas Mann war und ist „Doktor Faustus“. Das hängt mit meiner Liebe zur Musik zusammen. Auch den „Zauberberg“ habe ich wiederholt gelesen und immer wieder die Dialoge zwischen Naphtha und Settembrini bewundert wegen der Fülle brillanter Einsichten, Einfälle und Formulierungen. Meine Beziehung zu den Josephsromanen war wegen meiner „déformation professionelle“ als Ägyptologe eher gebrochen. An Thomas Mann liebe ich die einzigartige Verbindung von Humor, Humanität und Klugheit. Wie weit diese Liebe zurückreicht, wann ich was zum ersten Mal gelesen habe, kann ich nicht sagen. Thomas Mann spielte schon in meinem Elternhaus eine große Rolle. Ich bin ja in Lübeck aufgewachsen und meine väterliche Hamburger Familie wies manche Ähnlichkeiten mit den „Buddenbrooks“ auf. 

Würden Sie sich als Atheisten bezeichnen? 
Nein. Ein Atheist ist in meinen Augen jemand, der die Frage nach Gott für sich definitiv entschieden hat. Auch das halte ich für eine Form von Fundamentalismus. Für mich ist diese Frage offen und die Antworten, die die Religionen auf diese Frage gefunden haben, sind für mich Gegenstand höchsten Interesses und Respekts. 

Interview: Michael Hesse

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