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„Was geht’s dich noch an?“

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Erwin Strittmatter (1912-1994) im Jahr 1992.
Erwin Strittmatter (1912-1994) im Jahr 1992. © imago stock&people

Erwin Strittmatters Tagebücher 1974-1994 zeigen unter dem Titel "Der Zustand meiner Welt" einen brüsken und knappen Mann.

Von Cornelia Geissler

Unvermutet findet sich eine Fabel in diesem Buch. Sie beginnt so: „Jemand schlägt sein Deckbett zurück und findet darunter einen jungen Löwen kauern, der zum Sprung ansetzt. Er schlägt das Deckbett wieder zu und tröstet sich, zunächst muss sich der junge Löwe mal vom Deckbett befreien, dann erst kann er zuspringen. Die Zeit bleibt uns noch.“

Erwin Strittmatter entwickelt diese Löwen-Gedanken in seinem Tagebuch am 13. November 1978. Das Tier ist hier eine Metapher, wenn es weiter heißt: „Einige hoffen vielleicht, dass der junge Löwe unterm Deckbett einschläft. Die ganz ,Mutigen‘ und Unbelehrbaren aber denken: Immerhin bleibt uns noch die Möglichkeit, einen Panzer vorm Bett auffahren zu lassen.“

Panzer spielten im 20. Jahrhundert, der Lebenszeit des Schriftstellers Erwin Strittmatter, oft eine Rolle. Das war so, als er selbst im Zweiten Weltkrieg Dienst tat, als die Proteste des 17. Juni 1953 erstickt wurden, als sich nicht lange nach dem Mauerbau sowjetische und amerikanische Militärs am Checkpoint Charlie gegenüberstanden.

Er lebte und arbeitete in einer Zeit der Konfrontation, hatte sich für die eine Seite entschieden, die DDR, sah sie aber mit dem Älterwerden zunehmend kritisch. Das zeigt das Löwen-Gleichnis, das belegen die Aufzeichnungen der Jahre 1974 bis 1994, die Almut Giesecke unter dem Titel „Der Zustand meiner Welt“ jetzt herausgegeben hat. Der erste Band (1954-1973) erschien vor zwei Jahren.

Früh geißelt er die in der DDR Wahlen genannte Pflicht: „Eine Farce von Wahl nur noch, und man macht als Sechzigjähriger die Zeremonie mit, damit man seine Ruhe hat.“ Wenig später beschreibt er eine Veranstaltung der Künstlerverbände zu Ehren der SED-Führung: „Wahrlich, eine Parade des Personenkults war das“.

Und im März 1975: „Der Begriff Ideologie fängt an, mir Brechreiz zu verursachen.“ Von allen Funktionen hat er sich verabschiedet. Auszeichnungen wie den Nationalpreis nimmt er dennoch geschmeichelt entgegen.

Ein Hin-und-her-Gerissener

Strittmatter erscheint in diesem Buch als ein Hin-und-her-Gerissener. Er ist der DDR treu und gleichzeitig enttäuscht von ihr. Kritiker des Staates sind ihm suspekt wie der junge Löwe: Als er von der „Berliner Anthologie“ erfährt, schreibt er: „Eine Gruppe Plenzdorf, Becker, Stade sammelt Leute aus Berlin um sich, auch ,Schriftsteller‘, die noch niemand kennt. Sie wollen ,in eigener Zensur‘ einen Sammelband mit Erzählungen zusammenstellen.“

Die Stasi wird den Band schließlich verhindern. Und obwohl Erwin Strittmatter es für plump hält, dass die Regierung Wolf Biermann im November 1976 ausbürgert, diesen „politischen Querkopf, der unsere selbstherrlichen Politiker in Liedern verspottete“, geht ihm dann bald die „Hysterie“ um Biermann zu weit. „Man möchte seinen Namen schon nicht mehr schreiben. Er hat kein Werk aufzuweisen.“

Der Alltag in der DDR mit seiner Langeweile und dem Mangel an so vielem kommt kaum vor in den Aufzeichnungen. Die Strittmatters lebten recht bescheiden in Schulzenhof, investierten in ihre Tiere, auch mal in ein Auto. Erst mit dem Auftauchen Michail Gorbatschows in der Sowjetunion gerät verstärkt Politik in die Seiten. Als 1989 immer mehr Menschen über Ungarn aus der DDR flüchten, ist er 77 Jahre alt und „weiß keinen Rat. Immer wieder muss ich mir vor Augen halten: Was geht’s dich, der du mit einem Bein im Grabe stehst noch an?“

Seine Frau ist die kritische Begleiterin

Im Wesentlichen beschäftigt sich der Tagebuchschreiber mit dem eigenen Werk. Das ist erhellend in zweierlei Hinsicht. Zum einen lässt er an der Ideensuche teilhaben, am Ringen um einen guten Anfang, an der Anstrengung, einen Stoff über Monate im Blick zu behalten. Andererseits quält auch er sich mit der Zensur herum.

Besonders demütigend erlebt er das mit dem dritten Band des Romans „Der Wundertäter“. Fast ein Jahr dauert es nach Abgabe des Manuskripts, bis der „Bücherminister“ Klaus Höpcke Ende September 1979 die Druckgenehmigung erteilt.

Sein größter Erfolg als Schriftsteller wird erst noch folgen, mit dem Romanzyklus „Der Laden“. Dass er mit dessen dritten Band, erschienen 1992, auch im westlichen Teil des vereinigten Landes beachtet wird, macht ihn froh.

Seine Frau Eva Strittmatter, die Germanistin, bleibt die kritische Begleiterin seiner Arbeit. Wiederholt hilft sie ihm, wenn er nicht weiter weiß. Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass sie selbst schreibt.

„Deine Frau, die du einst liebtest, denkt nur an sich und die Ausstattung ihrer Dichterinnen-Rolle“, notiert er im Juli 1975. Im Januar 1982 stellt er fest, dass sie inzwischen viel mehr Post von Lesern erhält als er: „Es ist, als hätte ich meine Post-Blüte-Zeit gehabt, und als hätte sie nunmehr Eva. Blüht man in dieser Hinsicht als Schriftsteller ab?“ Erwin Strittmatter läuft noch immer anderen Frauen nach, beklagt aber bald das Schwinden seiner Potenz.

Der junge Löwe hat nur einen einzigen Auftritt in den Tagebüchern. Oft aber schreibt Strittmatter über sein Leben mit Pferden, die Ausritte, die Zucht, die Pflege, die Verzweiflung, als er zu gebrechlich wird zum Reiten.

Und seine Hunde hat er geliebt. Da erscheint der Mann, der oft brüsk und knapp über seine Kinder schrieb, warmherzig. Als er seinen Dalmatiner Assan nach der Begegnung mit einem Fuchs töten lassen musste, notiert er unter Tränen: „Und der Schuss fiel und alle Wälder, die Assan in den elf Jahren seines Lebens bei uns und zwischen uns durchstreift hatte, erzitterten im Widerhall.“

Erwin Strittmatter: Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974-1994. Aufbau Verlag, Berlin 2014. 622 Seiten, 24,95 Euro.

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