Lesley Nneka Arimah.

Lesley Nneka Arimah

„Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“: Von Müttern und Töchtern

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Magischer Realismus und harte Realität: Lesley Nneka Arimahs bemerkenswerte Erzählungen.

Wenn es ein Motiv gibt, das sich durch Lesley Nneka Arimahs bemerkenswerte Erzählungen zieht, dann ist es das einer problematischen Mutter-Tochter-Beziehung. Es gibt die vergleichweise leichten Fälle: Eine Mutter, die ihre rebellische Teenager-Tochter gegen deren Willen von den USA nach Nigeria schickt, damit sie vor Universitätsbeginn nicht über die Stränge schlägt, sondern sich lieber ein Vorbild an ihrer vermeintlich wohlerzogeneren nigerianischen Cousine nimmt („Wild“).

Eine andere Mutter, vor Jahren verstorben, entsteigt plötzlich einer vergilbten Fotografie und tritt wieder in das Leben ihrer Töchter ein, von denen die ältere damit ringt, vor dem Tod der nun Wiedergekehrten im Unguten mit ihr auseinandergegangen zu sein („Zweite Chancen“).

Und dann gibt es noch die richtig harten Fälle. Etwa jenen einer Frau, die man höchstens noch im biologischen Sinne eine Mutter schimpfen kann, da sie ihre Tochter von klein auf mutwillig stürzen und stolpern lässt – um sich mit eingeklagtem Schmerzensgeld und Versicherungszahlungen ein schönes Leben zu leisten („Fallobst“).

Wer sich ein wenig mit der nigerianischen Literaturszene beschäftigt, hat schon vor einer Weile auf die in London geborene, in Nigeria aufgewachsene und heute in den USA lebende Lesley Nneka Arimah aufmerksam werden können. Im vergangenen Jahr etwa bereicherte die Mittdreißigerin das Programm des ersten African Book Festivals in Berlin. Und dreimal war sie bereits mit einer ihrer Kurzgeschichten für den mit 10 000 Pfund dotierten Caine Prize for African Writing nominiert, den sie diesen Juli schließlich für ihre Kurzgeschichte „Skinned“ gewann.

Ein sicheres Gespür für packende Dramaturgie und überraschende Plottwists

Seit diesem Frühjahr nun liegt Arimahs Debüt-Erzählband „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“ auch auf Deutsch vor. Das ist einerseits der Litprom-Übersetzungsförderung zu verdanken. Der Frankfurter Verein, der sich der Förderung von Literatur aus dem globalen Süden verschrieben hat, hob das Buch diesen Sommer denn auch prompt an die Spitze seiner Weltempfänger-Bestenliste. Und andererseits der Verlegerin und Übersetzerin Zoë Beck, die bei Cultur Books mit Helen Oyeyemi im vergangenen Jahr schon eine weitere aufregende nigerianischstämmige Autorin verlegte – und als Übersetzerin auch bei Arimahs insgesamt 13 Erzählungen genau den richtigen Ton trifft.

Oder Töne vielmehr. Denn Arimah hat nicht nur ein sicheres Gespür für packende Dramaturgie und überraschende Plottwists. Sie weiß ihre Geschichten auch stilistisch originell und überaus vielfältig zu präsentieren. Über Genre-Grenzen gleitet sie dabei mühelos hinweg. Arimah schreibt über harte Realitäten, oft am Rande der Gesellschaft, ob in Nigeria oder den USA. Dann wieder streift sie den magischen Realismus oder bedient sich fantastischer Elemente – wenn sie beispielsweise in „Wer erwartet dich zu Hause“ von einer jungen Frau erzählt, die sich ein Baby aus Haaren webt und alsbald die Kontrolle verliert über das Wesen, das sie selbst schuf. Und in der titelgebenden Geschichte entwirft Arimah eine dystopische Vision einer Zukunft mit veränderter Weltordnung, in der Fluten große Teile der heute mächtigen Kontinente vernichtet haben – und Forscher die Gefühle der Menschen manipulieren.

Arimahs Protagonistinnen erweisen sich, wie verfahren ihre Lebensumstände auch sein mögen, als starke, zuweilen störrische und sture Persönlichkeiten, die sich ihrem Schicksal entgegenstemmen und doch nicht immer standhalten können. Die Autorin beleuchtet sie aus ganz unterschiedlichen Erzählperspektiven – lässt die jungen Frauen mal selbst erzählen, spricht sie dann wieder als Du an oder beobachtet sie aus der Distanz.

Dramaturgisch wie sprachlich weiß sie dabei immer wieder zu überraschen. Äußerst gelungen etwa, wie sie in der Auftaktgeschichte „Die Zukunft sieht gut aus“ mit Zeitebenen arbeitet: „Ezinma fummelt mit dem Schlüssel am Schloss herum und sieht nicht, was hinter ihr geschah“, heißt es hier wiederholt, ehe die Erzählerin zu einer Rückblende anhebt, die erklärt, was im Hier und Jetzt geschieht.

Happy Ends sind Arimahs Sache wahrlich nicht. Und doch erwischt einen das Böse, die Tragik des Lebens, die sich in seinen verpassten Chancen, bitteren Kompromissen und falsch getroffenen Entscheidungen zeigt, immer wieder aufs Neue unerwartet und wirkt nach dem Lesen noch lange nach. Man möchte in manches offene Ende eine Spur Hoffnung hineinlesen. Fürchtet aber, dass man es leider besser weiß.

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