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Deutsche Soldaten in Oslo, April 1940, kurz nach dem Einmarsch. Hinten der verlassene Königspalast.

Simon Stranger

„Warum wurde er ermordet, Papa?“

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Simon Stranger erzählt in „Vergesst unsere Namen nicht“ eine Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen.

Ein Buch wie ein Stolperstein. Der Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ des Norwegers Simon Stranger ist ein historisches Puzzle, das vor allem dazu dient, die Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit in Norwegen und das Leid der Opfer in Erinnerung zu behalten. Anlass dazu war dem Ich-Erzähler, den wir wohl mit Simon Stranger gleichsetzen dürfen, jener Moment, als er seinem zehnjährigen Sohn erklären wollte, was es mit einem Stolperstein auf sich hat, den der deutsche Künstler Gunter Demnig in Trondheim verlegt hatte, einem von vielen zehntausenden Gedenksteinen.

Dort steht auf der zehn Zentimeter breiten Messingplatte geschrieben: „Hier wohnte Hirsch Komissar, Jg. 1887, Verhaftet 12.1.1942, Falstad, Ermordet 7.10.1942“. Hirsch Komissar gehörte zur Familie des Erzählers, war der Urgroßvater seiner Frau Rikke. „Warum wurde er ermordet, Papa?“ fragte der Junge.

Wie erklärt man einem Kind, wie erklärt man überhaupt, dass es zu dieser äußersten Verrohung kommen konnte? Wo anfangen mit der Erzählung, wo abbrechen? Simon Stranger, 1976 geboren und in Oslo zu Hause, hat sich entschlossen, einfach das Alphabet durchzugehen. Von A bis Z. Dabei hat er nicht den jungen, sondern den erfahrenen Leser im Blick. Mal belässt er es bei einem „A wie Anklage“, mal folgt auf ein „B wie Bandenkloster“ eine seitenlange Erzählung. Mal gibt es nur einen Text zu einem Buchstaben (Q, X, Y), mal sind es sehr viele Texte.

Bei alledem springt der Autor durch die Zeit und den Raum, er arbeitet die Geschichte der Judenverfolgung bis zurück zum Konzil von Nicäa auf und er liefert O-Töne von Familienmitgliedern. Beim Lesen gilt es aufmerksam zu bleiben, weil sich die Teilchen des Puzzles erst nach und nach zusammenfügen und der Familienstammbaum eine Herausforderung für sich ist.

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht. Roman. A. d. Norweg. v. Thorsten Alms. Eichborn, 350 S., 22 Euro. 

Eine zentrale Person in diesem Roman ist der norwegische Gestapo-Mitarbeiter Henry Rinnan. Stranger folgt der Spur der historischen Schreckensfigur. Er erzählt dabei die Geschichte eines zunächst kaum beachteten, zum eigenen Entsetzen „nicht kriegstauglichen“ Mannes, der dann allerdings als Informant und Agent der Nazis und brutaler Bandenführer die Macht zu genießen lernt. Ein Mörder aus dem Komplex der Minderwertigkeit, so scheint es.

Dass ausgerechnet in jenem Haus, in dem Rinnan foltern und modern ließ, selbst folterte und selbst mordete, eine Weile Mitglieder der Familie des Erzählers wohnten, dass dort Kinder spielten und dass dort gefeiert wurde, ist eine der Bizarrerien, die das Leben schreibt. Als der Erzähler das Haus besichtigt, um für seine Geschichte zu recherchieren, sagt der Gastgeber, dass er doch bestimmt auch den Keller sehen wolle. Ja, schon. Was in diesem Keller an Brutalitäten vorging, erzählt Stranger mit unerbittlicher Deutlichkeit. Man möchte als Leser die Zeilen so schnell wie möglich hinter sich lassen, weil sie kaum zu ertragen sind.

So sehr sich Stranger an die Fakten hält, soweit sie bekannt sind, so bereitwillig lässt er sich auf seine Imagination ein. Dass er auch die letzten Stunden des Hirsch Komissar ausführlich schildert, trifft gewiss nicht jedermanns Geschmack. Aber Stranger genügt es nicht, die Erschießung im Wald in ihrer Schrecklichkeit zu benennen. Nein, er beantwortet auch die Frage, was das Opfer als Letztes gespürt habe: „Ein Zweig, der in die Wange sticht.“

Gleichwohl gelingt diesem historischen Roman, was er sich vorgenommen hat, nämlich die Erinnerung an die Verbrechen im Nationalsozialismus zu bewahren: „Wir werden weiter ihre Namen sagen.“ Denn in der jüdischen Tradition heiße es, so lesen wir, dass ein Mensch zweimal sterbe. Das erste Mal, wenn das Herz aufhöre zu schlagen, das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht werde. Diesen zweiten Tod des Hirsch Komissar kann der Roman jetzt weit hinausschieben .

Zudem ist diese Geschichte für Leser, die mit der deutschen Besatzung in Norwegen nicht vertraut sind, eine lehrreich-lohnende Annäherung. Schließlich passt dieser Roman in eine politische Gegenwart, in der der Rechtsextremismus keine Nebensache ist: „F wie früher, die Vergangenheit, die es immer noch gibt, und wie der Faschismus, der sich hineinfrisst, wie ein Furunkel in die Kultur.“

Tatsächlich ist Simon Strangers „Vergesst unsere Namen nicht“ in vielerlei Hinsicht ein Buch wie ein Stolperstein.

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