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Warum ist sie weggegangen, warum?

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Gert Loschütz, der auch um das Schicksal seiner Eltern kreist.
Gert Loschütz, der auch um das Schicksal seiner Eltern kreist. © Bogenberger/autorenfotos.com

"Ein schönes Paar": Gert Loschütz erzählt diskret und doch ganz schonungslos die Geschichte einer Trennung.

Zuerst beschreibt der Erzähler ein Stereoskop, einen Apparat, durch den eigens dafür aufgenommene Bilder beim Anschauen räumlich erscheinen. Der Erzähler hat Erfahrung, später zeigt sich, dass er als Fotograf arbeitet. Ihm ist klar, dass der Blick durch ein Stereoskop den Rest der Umgebung ausblendet und das Betrachtete dadurch umso schärfer und plastischer hervortritt. 

Freilich, ließe sich hinzufügen, handelt es sich dabei um eine Illusion, eine Illusion, die für den Augenblick womöglich realistischer ist als die reale Welt. Dem Erzähler wiederum fällt auf, dass das Stereoskop getrennt voneinander sich aufhaltenden Liebenden sowie Kriminologen nützlich sein mag. Der Entfernte ist umso näher, auch fühlten sich einst technisch aufgeschlossene Polizeiermittler zur unabgelenkten Spurensuche auf dem künstlich wieder dreidimensionierten Tätergesicht (der Verbrechervisage) eingeladen. „Und beide“, die Liebenden und die Kriminologen, „wurden am Ende enttäuscht.“ 

Der neue Roman von Gert Loschütz, „Ein schönes Paar“, erzählt nun seinerseits von einer Spurensuche, einer Spurensuche über Bande, einer mittelbaren und außerdem nachträglichen. So wie es naheliegender wäre, dem Geliebten oder dem Verbrecher ins Auge zu schauen und zweiterem ein paar Fragen zu stellen, so staunt man beim Lesen darüber, wie hier die Objekte der Untersuchung über Jahrzehnte umkreist worden sind. Buchstäblich umkreist und nachgezeichnet, indem der Erzähler Strecken von einst abfährt, Orte aufsucht.

Eine Mutter ist verschwunden, der Sohn sehnt sich, aber doch ohne die Mittel auszuschöpfen, die ihm – auch vor der Zeit der Internet-Telefonbuch-Recherche – zur Verfügung gestanden hätten, um wenigstens die Adresse der Mutter herauszufinden. Man will etwas wissen und man will es nicht wissen. Lieber betrachtet man die Dinge durch ein Stereoskop, wo sie selbst in (sicherer) Distanz bleiben und doch scharf gestellt sind. Loschütz ist es ernst damit. „Ein schönes Paar“, das Züge eines nicht nur beunruhigenden, sondern aufregenden Buches hat, hält sich in einer ruhigen Ausgewogenheit zwischen intensivem Detail und kaum befragter Unerklärlichkeit. Dem entspricht eine literarische Form und Sprache, die so ehrlich und bei aller Zurückhaltung geradlinig ist, dass die Leerstellen zunächst kaum auffallen. Auf Dauer erst stellt sich heraus, wie undeutlich die Motivationen im Kern der tragischen Handlung bleiben. Das gibt dem sanft daherkommenden Roman einen harten Realismus auf den zweiten Blick.

Philipp, der Mann mittleren Alters, der sich mit Stereokameras und Stereoskopen auskennt, ist also Fotograf. Daher sein Interesse, daher denkt er in Bildern. „Das ist der Moment, in dem ich sie am deutlichsten sehe, dieses Bild, in dem ihre Verletzlichkeit am größten ist“, heißt es dann, oder: „Auch in diesem Bild sehe ich sie, sodass man vielleicht sagen kann, dass das ganze Erzählen nur einen einzigen Sinn hat: die auf keinem Film überlieferten Bilder aufzubewahren.“ Wohingegen der Erzähler ausgerechnet an einer Stelle der Geschichte, an der er selbst  Akteur war, keine konkrete Aussage treffen kann: „Über das, was dann geschah, gibt es zwei Versionen, von denen ich, obwohl doch beteiligt, nicht sagen könnte, welche der Wahrheit entspricht. Oder ob nicht am Ende beide erfunden sind.“

Das „schöne Paar“ aus dem Titel sind seine Eltern. Am Anfang des Romans, der vornehmlich zurückschauen wird, sterben sie in dichter Folge, aber zur Irritation des noch uneingeweihten Lesenden gänzlich getrennt voneinander. Bei der Beerdigung der Mutter hat der Erzähler, kein verträumt wirkender Mann, den Eindruck, der Vater sei anwesend, wie die Mutter es bei seiner Beerdigung war. „Sie war im dunkelroten Taftkleid gekommen und er als Kaninchen.“

Es hilft, sich in der Romanwelt zurechtzufinden, wenn man sich vorstellt, dass die Wendung „ein schönes Paar“ hier weder ironisch, noch sarkastisch gemeint ist, nicht einmal doppeldeutig oder -bödig. Georg und Herta, wie der Erzähler sie nennt, sind einfach ein schönes Paar, das sagen auch die Leute. Kurz nach Kriegsende lernen sie sich kennen, finden zueinander, heiraten und lassen sich im Osten des gevierteilten Landes nieder. Sie hätte auch Modell werden können. Er war Soldat, jetzt arbeitet er gerne mit den Händen. 

Komplizierte Umstände, selbst herbeigeführt, aber in völliger Unschuld, lassen Georg glauben, dass er politisch Ärger bekommen könnte. Hals über Kopf flieht er nach Westen. Herta kann ihm bald folgen, der kleine Sohn ist schon dabei, alles scheint sich zu fügen. Dann trennen sich die Eltern nach hochdramatischen Vorgängen, die trotzdem nicht wirklich einen Trennungsgrund erkennen lassen. Unter den Ereignissen ist eine Festnahme des Vaters daheim in Tautenburg „unter dem Beifall der Zuschauer, will ich sagen, aber so war es nicht oder nicht nur“. Denn Loschütz wirft im Vorübergehen einen kalten, klaren Blick auf in diesem Fall hessische kleinstädtische Verhältnisse in den fünfziger, sechziger Jahren. Auch lässt sich die lebenslange Verwundung für ein Kind, das das erlebt – den Ruin und die Demütigung des Vaters vor den Augen der zufrieden glotzenden Nachbarn –, nicht knapper und diskreter in Worte fassen.  Dann geht die Mutter einfach weg, hinterlässt keine Adresse, meldet sich selten und freundlich-unverbindlich. Der Erzähler ist zehn Jahre alt. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Gert Loschütz’ Mutter starb, kurz nachdem die Familie 1957 vom sachsen-anhaltinischen Genthin (im Roman: das fiktive brandenburgische Plothow) ins hessische Dillenburg (im Roman: Tautenburg) gezogen war. Das ist eine Möglichkeit, das Unerklärliche und Unerklärte im Roman nicht zu erklären, aber zu begründen. Eine seltsame, faszinierende Konstruktion. 

Obwohl „Ein schönes Paar“ eine autobiografisch grundierte Geschichte ist – schon einmal anders 1990 im Roman „Flucht“ erzählt –, lässt sie sich damit zwar nicht einhegen. Aber der unerwähnt bleibende Tod ist dabei, wenn Philipp erzählt, wie damals – unsere Worte – eine zweifache, eine vertikale und horizontale Teilung sein persönliches Leben im geteilten Land durchkreuzten. Der Auszug der Mutter aus dem gemeinsamen Zuhause, zunächst ganz in die Nähe, teilt auch Tautenburg in zwei Hälften, „in die eine, die zu ihrem, und die andere, die zu seinem Terrain gehörte, und als sei das Flüsschen, die Taute, die Grenze, die nicht überschritten werden durfte“.

Eines Tages erfährt er von der mürrischen Vermieterin der Mutter, dass diese adresslos weggezogen ist, die wirklich sehr mürrische Vermieterin zieht die Schultern hoch. „Mit diesem Hochziehen der Schultern begann das Danach“ – nach der geografischen die zeitliche Teilung. Loschütz beharrt nicht auf dem Schweigen seiner Figuren, der Unmöglichkeit von Aussprachen, Klärungen. Aber er findet Bilder dafür. Der verlassene Vater erlebt eine „Verletzungszeit“, in der Missgeschicke ihn verfolgen. Das erste ist eine blutende Lippe, weil ein Papiertaschentuch an der rauen Haut hängengeblieben ist. „Nanu“, sagt der Vater. Der Sohn erlebt, dass auch die Erwachsenen dem Schicksal ausgeliefert sind, im Kleinen und im Großen.

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