Christian Kracht

Warum die Pepsi nehmen?

  • Judith v. Sternburg
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Christian Krachts Bekenntnisse und Camouflagen bei den Frankfurter Poetikvorlesungen.

Wird man die Romane von Christian Kracht nach seinem Bericht, wie er als Kind in einem kanadischen Internat missbraucht wurde (FR v. 16. Mai), anders lesen? Das ist schwierig zu sagen und eher unwahrscheinlich. Wer die Verbindung von Autorenbiografie und Literatur nicht besonders schätzt – wie zum Beispiel Christian Kracht, jedenfalls konnte man das bisher annehmen –, wird sich zurückhalten. Und wird sich vielleicht sogar darüber wundern, dass Christian Kracht bei seiner Frankfurter Poetikvorlesung so deutlich durchblicken ließ, wie sehr er sich offenbar von Kritik und Lesern missverstanden fühlt. Dass ihm, dem sich der Peiniger von einst in die Romane hineindränge als ausschweifende, unbarmherzig harte Figur, nun seinerseits der Vorwurf gemacht werde, er sei ein Faschist.

In einer humoristischen Volte fand sich der Vorwurf, ihm, Kracht, werde gehässig begegnet, nun auch noch einmal in der dritten und (nach einem neuen, eigentlich doch beklagenswerten System) bereits letzten Vorlesung: Er las ein Stück aus einem bombastischen Verriss seines Romans „Faserland“ vor, und auch wenn sich der Kollege wirklich penetrant bemüht hat, möglichst gemein und pfiffig zu sein, so muss man doch sagen, dass es ihm auch weitgehend gelang. Im sehr vollen Saal wurde gekichert, auch Christian Kracht schien fast zu kichern (ein sympathischer Moment und subtil, weil der Schrecken der Blamage seit jeher nahe am verzweifelten oder auch entspannten Mitlachen liegt).

Eigentlich ging es aber um die Überleitung zum „Körperpanzer“ aus der ersten Vorlesung. Noch einmal schilderte Kracht sich als Internatsschüler von einst, der sich in einem selbsterrichteten Zelt und Daumen lutschend – und längst den Schulunterricht nicht mehr besuchend – „zombifiziert“. Die schon an gängige Foltermethoden erinnernden „Strafen“, die Mitschüler dem „Heidi“ genannten blonden und zarten Schweizer auferlegten, kamen ebenfalls noch einmal zur Sprache. Auch erzählte Kracht von den Schweizer Pralinen, von der Mutter aus der Ferne nach Kanada geschickt, die er habe betrachten, aber nicht essen können, im Wissen darum, dass sich das Begehren nur durch das Nichtessen erhalten lasse. Abgrundtief sei die Trauer gewesen, als die Süßigkeiten schließlich nicht mehr genießbar waren und entsorgt werden mussten.

So kam zum offensichtlich Erschütternden das aufpolierte Banale, und so blieb auch schillernd offen, was Kracht damit vorhatte, dieser Freund sonst eher von Nichtbekenntnissen und Camouflagen. Der aber auch lapidar bekannte: Mit den Tellkamps und ihrer Ablehnung des Fremden habe er nicht das Geringste zu tun.

Kracht kam unterdessen auf Religion zu sprechen. Die anglikanische Kirche ziehe ihn an und er frage sich, ob das auf „sonderbar verdrehte Weise“ mit Keith Gleed (dem Peiniger von einst) zu tun habe, ein „Begehren der bebenden Seele des Subjekts“ nach einer „Vereinigung mit der Kirche Englands“. Für ihn jedenfalls habe es immer das Mystische sein müssen. Konfessionen, die den Menschen ins Zentrum stellten, seien der „Sündenfall“. „Naphta war mir immer näher als Settembrini.“ Einst sei er fast Katholik geworden, als ihn Julia in Brooklyn gefragt habe, warum er die Pepsi (die anglikanische Kirche) bevorzuge, wenn er die Coke haben könne.

Warum, fragte Kracht schließlich, sei er nach Amerika emigriert? Dafür gebe es keine Erklärung außer vielleicht die Erinnerung an einen Provinzflughafen, an dem er mit seiner Mutter gewesen sei, er wisse nicht wo. Wegen Maine vielleicht auch, sagte er, wegen Kalifornien, wegen Allen Ginsberg, den er dann ausführlich zitierte.

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