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Dante und Vergil reiten auf dem Drachen Geyron aufwärts. Illustration von Gustave Doré.
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Dante und Vergil reiten auf dem Drachen Geyron aufwärts. Illustration von Gustave Doré.

Sibylle Lewitscharoff „Das Pfingstwunder“

Warum ich nicht?

Der Kongress fliegt: Am Montag erscheint Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman „Das Pfingstwunder“, der es bereits auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Sibylle Lewitscharoffs nagelneuer Roman scheitert von ehrgeiziger Warte aus. Das hat er mit seinem Erzähler gemeinsam, so dass es Teil des Plans der Autorin sein könnte. Erfahrungsgemäß ist das unwahrscheinlich.

Die Büchnerpreisträgerin von 2013, die der deutschen Literatur in „Blumenberg“ bereits eine enorm plastische Löwen-Materialisierung in einem Gelehrtenarbeitszimmer hinzugefügt hat, erzählt in „Das Pfingstwunder“ von einem noch unorthodoxeren Vorgang, sofern das möglich ist. Aber sie überlässt die Perspektive auf die Himmelfahrt einer quietschfidelen Runde dem einzigen in der Gruppe, dem dieses Wunder nicht zuteil wird. Der „Aufflug“, der 30 in Rom versammelte Dante-Expertinnen und -Experten aus aller Welt, drei Hausangestellte sowie einen Hund wie Luftballons im Himmel verschwinden lässt, lässt allein ihn am Boden zurück.

Wobei dem Erzähler der traditionell pfingstliche Teil des „Vorkommnisses“ – nicht gleich will er von einem Wunder sprechen – nicht entgangen ist: Auch er versteht ad hoc, was die aufgekratzte Truppe zuvor kauderwelscht. Das heißt, nicht kauderwelscht, sondern in Zungen redet. „Sie wurden zwar nicht zu Adlern, flügelten nicht der Sonne entgegen, sondern dem Mond und den Sternen, denn die Phantome der herannahenden Nacht waren über uns gekommen, in der die Stimmgabel Gottes in winzigen Bruchstücken in unsere Kehlen praktiziert wurde, in der ein glückseliges Gelalle anhob, glückselige Wörterstürze sich in Kaskaden ergossen, Wörter wie Schaumflocken durch die Gegend geblasen wurden, hochmögendes Silbenschwingen aufflog, köstlicher Silbensalat durcheinandergewirbelt wurde, ein beschwingtes Herumgehopse aufkam, wanddurchdringendes Blickgeschieße sich Bahn brach, Leichtigkeit, Loslösung von der verdammten Erdenschwere uns emportrug – nur mich nicht.“

So weit die Ausgangslage. Der Kongress fliegt. Gottlieb Elsheimer, Mitinitiator, 62, Schuhgröße 48, etablierter Dante-Forscher und, obgleich dadurch mit dem „geistigen Aufschwunggeschäft“ vertraut, nach eigenem Bekunden „ein knochenharter Realist“, fliegt nicht mit. Ein „Realitätsrest“, heißt es einmal, hat ihn gezwungen, sitzen zu bleiben. Vielleicht kann er deshalb auch seinen Lesern keinen Schwung für das Ereignis vermitteln. Stattdessen bleibt er im sprachlich zugleich Hochgestimmten und Drolligen stecken. Und irrt umher, vom Wege abgekommen wie Dante zu Beginn seiner „Commedia“, „aber nicht im Wald, sondern in meiner dunklen Frankfurter Wohnung“. Kein Vergil aber steht ihm auf seiner Höllenfahrt zur Seite.

Anfangs, jedoch nicht lang, kokettiert er damit, dass er alles erst nach und nach wird erzählen können. Aber er hält dann nicht lange hinter dem Berg mit dem römischen, nun doch schon: Wunder, das auch jahreszeitlich auf Pfingsten gefallen ist und ihn in größter Verlegenheit zurücklässt. Abgesehen davon, dass die Polizei Fragen hat, die Medien berichten und Verwandte der Verschwundenen sich an ihn wenden – logische Folgen, die Lewitscharoff allerdings kaum interessieren, bedauerlicherweise, muss man sagen –, versteht auch Elsheimer selbst ja die Welt nicht mehr. „Warum verdammt noch mal ich nicht?“

Das ist an sich eine kuriose Fragestellung, ginge es doch nach herkömmlichen Maßstäben eher darum, warum es den anderen „passiert“ ist. Aber behauptet wird in „Das Pfingstwunder“ eine Zwangsläufigkeit, die diesen Aspekt unnötig machte. Der Lesende wird da noch äußerst willig sein, es ist ja immerhin eine spektakuläre Ausnahmesituation. Als treulicher Akademiker und Dantist geht Elsheimer davon aus, dass des Rätsels Lösung in der „Commedia“ selbst – der Kraft der Literatur und Fantasie – und im Verlaufe jener Tagung zu finden sein wird, für die Experten aus aller Welt im Malteser-Saal auf dem Aventin in Rom 2013 zusammengekommen sind.

An dieser Stelle muss man einerseits dankbar dafür sein, dass sich daraus keine „Da Vinci Code“-Verwicklungen ergeben. Andererseits rekonstruiert und referiert Elsheimer im Folgenden arg geruhsam und             chronologisch – kein „Cantogehupf“ mehr, befiehlt er sich bald – die Kongressvorträge, was einem gemächlichen, detailreichen Durchgang durch die Gesänge gleichkommt. Aus diesem müsste sich seiner Ansicht nach alles ergeben und erklären. Aber das ist nicht der Fall. 

Tatsächlich bestehen weite Teile von „Das Pfingstwunder“ aus Lesefrüchten und eigenen Überlegungen infolge einer extensiven Beschäftigung mit Dante und seinem Werk; aus einer – satirefrei enthusiasmierten – Kongressberichterstattung; aus einer losgelöst vom Versuch, einen Roman zu schreiben, nicht gerade faden, aber auch, sagen wir einmal: zusammenfassenden Abhandlung über die „Commedia“.

In der Sache säkular und ohne maßlose Blutrünstigkeit. Im Ton beschwingt, zumal Elsheimer nicht müde wird zu betonen, wie lebhaft und natürlich die Vorträge der Europäer, Amerikaner, Asiaten gelingen – es soll wohl kein Missverständnis über die überkonfessionelle und -kulturelle Dimension des Wunders geben. Auch ein Türke ist dabei, „unser Türke“, wie überhaupt das Possessivpronomen zu den strapazierten Elementen gehört.

Dass es Elsheimer nicht graust vor solcher Kumpelhaftigkeit, erstaunt nicht. Viele Gruppen behandeln das unter sich so. Aber was Lewitscharoff damit bezweckt, sofern sie ihren Helden nicht diskreditieren will – müsste sie dann nicht deutlicher werden? –, ist ungewiss.

Wie auch dieser Pep, diese glänzende Laune der Teilnehmerinnen und -teilnehmer, Behauptung bleibt. Mehr als ein Bäckchen errötet, ein Fingerchen wird gehoben und insgesamt werden auch Freunde des Diminutivs nicht zum ersten Mal bei Lewitscharoff herausgefordert. Allenthalben hopsen die Vortragenden, manches Scherzwort sorgt für Fröhlichkeit. Aber der Funke springt nicht über. „Schwatzschwatz, ich rede hier so betulich vor mich hin“, fällt Elsheimer auf, bevor er betulich weiter vor sich hinredet mit „bumsfallera, sakermentsakra“ (da hat er einen Schwips), mit „Mei o mei, der Kopf“ (anschließend), mit „Jesusmariaundjosef“ und „Herrgottzack“ (andauernd).

Lewitscharoff schickt ihren Gottlieb – ein ironischer Name, hält er seinerseits doch Gott für einen „Schnarchsack“, auch dies könnte ein Fehler sein, wird aber nicht weiter verfolgt – auf eine vertikale und horizontale Fahrt: Die Himmelfahrt, die ihm, als die anderen sich aufs Fensterbrett schwingen, missrät. Und die Irrfahrt durch den Text, die dann aber doch geheimnis- und ertraglos verläuft. Die Autorin muss sich etwas versprechen von dem Kontrast zwischen Dantes Fahrt in die dunklen Gefilde der göttlichen Vergeltung und der dauerpossierlichen Heiterkeit. Aber was?

Etwas bitter wird es, wenn das Buch ins Romanhafte zurückfindet. Elsheimer scheint dann kaum mehr als ein mattes Alter ego der meinungsfreudigen Schriftstellerin zu sein. Seine scharf linke Vergangenheit hat er, übrigens (2013) just genau so alt wie die Autorin heute, weit hinter sich gelassen.

Der „Tatort“ bekommt zum wiederholten Male einen mit, „schlechtes Skript, miserable Schauspieler, grauenhaftes Licht, grauenhafte Kamera. Füße auf dem Tisch. Leere Pappbecher werden geworfen, verfehlen aber den Papierkorb. Tatort eben“.

Fra Angelicos „goldrauschende Verkündigung“ wird flugs gegen Jeff Koons’ „lächerliche Blasebalgobjekte“ in Stellung gebracht.

Elsheimer malt sich einmal aus, er könnte eigentlich einen Flüchtling bei sich aufnehmen, auch hier natürlich „mein Flüchtling“. Alles liefe prima, der Lokalteil würde berichten, „ich wäre gerührt“, aber dann besinnt er sich: „Jessas, nei, ich muss verrückt sein.“ Das verschroben zu nennen, ist die gutmütige Lesart, an sich ist es peinlich und fast schon quasi testweise spielerisch stinkkonservativ.

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