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Warum ich nie Nein sagen konnte

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Der Plot von Tobias Hülswitts Roman wirkt seltsam anachronistisch und irgendwie "90er". Er kommt ohne erkennbaren Dämon aus - und damit in Schwierigkeiten. Von Johannes Schneider

Von JOHANNES SCHNEIDER

Auf seltsame Weise wirkt der Plot von Tobias Hülswitts Erzählung "Dinge bei Licht" anachronistisch, irgendwie "90er": Martha besucht ihren Freund Alexander, einen Schriftsteller, bei einem internationalen Sommer-Workshop in einer Künstlervilla irgendwo in Polen. Dort fällt sie vom Pferd und später - auf ihrer Heimfahrt nach Deutschland - ins Koma, was Alexander nicht merkt, weil er in Polen bleibt, dort mit der Litauerin Ljuba anbandelt und sein Handy ignoriert. Hätte das ein Schreibschulstudent kurz vor dem Millennium geschrieben, man hätte das gewiss sehr gut gefunden: die sanfte Steigerung des Künstleralltäglichen durch Unfall und polyamouröse Anwandlungen, die seltsame Gruppensituation, die fein geführte Drift des Erzählers von Martha zu Ljuba und zurück, der Osteuropabezug, das Handy - super.

Dieser Student hätte Tobias Hülswitt selbst sein können, und man hätte ihn, damals Leipziger Literaturinstitutler, gewiss gelobt. Zehn Jahre später ist das schwierig geworden: nicht nur, weil um ihn herum allenthalben Generationskollegen und Kolleginnen Mut zu größeren Stoffen und weniger autobiographischer Unmittelbarkeit beweisen. Auch, weil Hülswitt, mittlerweile gestandener Autor, mit seinem vierten Buch hinter den Vorgänger "Der kleine Herr Mister" zurückfällt. Da hatte er versucht, dem allzu Nahen durch die Einführung eines Dämons Faustische Tiefe einzugeben. Nur durch einen Pakt mit dem kleinen Herrn Mister, einem Traumbild, kommt da ein junger Maler zu Popularität - und Hülswitts Schaffen heraus aus der eigenen Altbauwohnung.

"Dinge bei Licht" kommt ohne erkennbaren Dämon aus - und damit in Schwierigkeiten. Im Modus einer Gelegenheitsarbeit werden auf 150 Seiten zahlreiche Konflikte und Themen lediglich angerissen. Besonders augenfällig wird die Halbherzigkeit, wenn ein derart großes Thema wie die Vielweltentheorie, von Hülswitts Leipziger Kommilitonin Juli Zeh in "Schilf" für die Gestaltung eines aufwändigen Konflikts zweier Physiker genutzt, seinem Erzähler Alexander lediglich zum larmoyanten Geschwafel über polygame Neigungen dient:

"Plötzlich wusste ich, warum ich nie Nein sagen konnte. Ich hatte schon immer die Gegenwart mindestens zweier Welten gespürt, die eine, in der ich Nein sagte, und die andere, in der ich Ja sagte", plappert es da, und: "Um die andere nicht zu vernichten, wollte ich mich für keine von beiden entscheiden und wartete deshalb immer, bis irgendetwas von alleine geschah, und letztlich wollte ich, dass alles gleichzeitig wahr würde."

Man wird das Gefühl nicht los, dass hier der Autor im Modus der Sex-Reflexion sein eigenes poetisches Dilemma darlegt. Anstatt einen der angelegten Konflikte zum machtvollen Motiv auszubauen, koexistieren Erzählschnipsel: die seltsame Lähmung, die Alexander nach Marthas Pferdesturz befällt und ihn nicht helfen lässt, seine von versteckten Aggressionen und offener Brutalität geprägte Beziehung zum polnischen Schriftsteller Adam, der Martha in dieser Situation an Alexanders Statt hilft und ihn später - das durchaus köstlich - mit überkonstruierten Lagerfeuergeschichten nervt.

Schließlich die Kindheits-Rückblenden, in denen Hülswitt einen Topos seiner vorangegangenen Bände - ein ungeliebtes Stiefkind im eigenen Elternhaus - dazu benutzt, die unterschwellige Aggressivität in der Künstlergruppe der Erzähl-Gegenwart zu doppeln. All das wirkt unter der Oberfläche geschickter Schnitte seltsam unverbunden und tut den Potentialen der einzelnen Figuren Gewalt an: Speziell der Topos des von der Mutter misshandelten Stiefbruders, hier ein verwaister Cousin des Erzählers Alexander, hätte in Hülswitts Werk langsam mehr verdient als gelegentliche Gastspiele.

Vielleicht ist das, was unfertig scheint, aber auch Konzept. Darauf könnte man verfallen, weil Hülswitt seinen Erzähler neben so vielem anderen auch über aristotelische Poetik sinnieren lässt; darüber, dass ein Text laut Aristoteles in der Geschlossenheit seiner Handlung ein Lebewesen nachahmen sollte: "Warum aber sollten Lebewesen so sein, wie Aristoteles sie beschrieb? Was, wenn sie keine selbständigen Einheiten, sondern lose Verbände flüchtiger Elemente waren, die nur den Eindruck von Einheit erzeugten? Einer Einheit, die in verschiedenen Momenten ganz unterschiedliche Charakteristika aufwies und niemals in einer geschlossenen, einheitlichen Erzählung zu beschreiben wäre?"

Sollte die vermeintliche Halbherzigkeit also in Wirklichkeit bewusste Verweigerung falscher Geschlossenheit sein? Ein Meta-Kommentar zur Großbuchsucht? Dann wäre "Dinge bei Licht" kein Anachronismus, sondern Avantgarde.

Tobias Hülswitt:

Dinge bei Licht.

Erzählung.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 152 Seiten,

8,95 Euro.

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