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Der Krake, intelligent, aber kurzlebig. Illustration aus "Wahre Monster".
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Der Krake, intelligent, aber kurzlebig. Illustration aus "Wahre Monster".

Caspar Henderson Bestiarium "Wahre Monster"

Warum der Krake nicht herrscht

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Caspar Hendersons herrliches, unglaubliches Bestiarium „Wahre Monster“ über allgegenwärtige wie auch rare Tiere

Bei diesem Buch weiß man von Seite zu Seite nicht, wohin es einen als Nächstes führen wird. Zum Beispiel vom Quetzalcoatlus Northropi, einem ausgestorbenen Flugsaurier, über Flughunde und unheimlich weit springende Lemuren zum fliegenden Menschen (vielmehr: zum ohne Hilfsmittel rein gar nicht fliegenden Menschen). Oder vom Dornteufel, Moloch horridus, zum Überleben unter extremen Bedingungen, zum Feuer und dem Garen von Speisen. Vom Aal etwa zur Frage, warum Menschen sich vor manchen Lebewesen besonders erschrecken – und von dort zum Atomwaffenarsenal von Homo sapiens. Der Brite Caspar Henderson, Schriftsteller und Journalist, nimmt in 27 Kapiteln „Wahre Monster“ jeweils Anlauf bei einem – absonderlichen oder auch ganz normalen – Tier und schweift meist schon nach wenigen Absätzen hemmungslos ab. Aber es ist ein so geistreiches Abschweifen, dass man ihm gern folgt. Wohin und zu welchem Lebewesen auch immer.

Von Zellklümpchen aus ins All, kreuz und quer über die Erde und vor allem in die Tiefe der Ozeane führt Henderson im „unglaublichen Bestiarium“, das auf Deutsch in der Reihe der von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz herausgegebenen „Naturkunden“ erschienen ist. Schalansky und Pauline Altmann haben auch verspielt-elegante, blau-goldene Illustrationen beigesteuert.

Start beim Axolotl

Der Brite findet zu jedem seiner 27 Lebewesen Wundersames. „Wahre Monster“ startet beim Axolotl, einem Lurch, an dem Henderson – und mit ihm den Leser – vor allem beeindruckt, dass er ganze Extremitäten nachwachsen lassen kann. Regenerationsmediziner, erzählt der Autor, beschäftigen sich mit Ambystoma mexicanum und seinen Verwandten in der Hoffnung auf Erkenntnisse, die dem Menschen dienen.

Aber Caspar Henderson kommt beim Lurch auch sogleich und mit Recht auf die Frage, warum der Mensch jahrhundertelang felsenfest davon überzeugt war, Salamander seien feuerbeständig, ja, fühlten sich im Feuer sozusagen pudelwohl – und offenbar niemand auf die simple Idee kam, das einmal nachzuprüfen. Augustinus hatte es so geschrieben („Wenn der Salamander ... im Feuer lebt, so ist das ein ausreichender Beweis, dass nicht alles, was brennt, verzehrt wird“), andere Autoren folgten ihm blind – obwohl jeder tatsächliche Versuch zu einem verkohlten Lurchkörper geführt hätte. Auch das ist der Mensch: Ein Lebewesen, das sich seines Denkens rühmt, aber es nicht immer gern einsetzt.

Der tolle Wasserbär

Und eines, das sein Lebensumfeld auf eine Weise verändert und ruiniert, die beispiellos ist. Es gibt in Caspar Hendersons Aufzählung zwar viele wahre Monster(chen), bei denen „nicht gefährdet“ steht. Denn gerade das im Stillen vielfach vorhandene Tier interessiert ihn, der Wasserbär, Zebrabärbling, Seeschmetterling, Plattwurm. Aber er beschäftigt sich doch auch mit einigen Tierarten, die der Mensch an den Rand des Aussterbens gebracht hat: Wale, Delphine, Schildkröten und sogar Kraken.

Das mit den Walen ist ziemlich offensichtlich, ein Gemetzel an so riesigen Tieren bleibt nicht verborgen, man kennt auch die Maßnahmen zu ihrer Rettung. Dass aber zum Beispiel einige Kraken-Arten bedroht sind, wen kümmert das schon? Caspar Henderson, und er ist ein vorzüglicher Fürsprecher auch für Oktopusse. So beschreibt er etwa die Krakenarme: „Fünfzig Millionen Neuronen in jedem einzelnen von ihnen machen sie eher zu verlängerten Hirnen oder einem Netzwerk halbautonomer Körpergehirne mit der Fähigkeit, unabhängig von einander komplexe Handlungen durchzuführen. Jeder Arm kann sich selbstständig ausdehnen und zusammenziehen, drehen und beugen, und jeder Saugnapf kann unabhängig greifen, sich bewegen, ausfahren, sich zusammenziehen und saugen.“

Auch beim Menschen, Kapitel 8 („Stamm: Chordatiere, Klasse: Säugetiere, Ordnung: Primaten, Familie: Menschenaffen, Gattung: Mensch, Erhaltungsstatus: nicht gefährdet“), beschäftigt sich Henderson mit den Greifwerkzeugen – und im Vergleich dazu mit den Füßen, jenen „Fleischtellern“, die scheinbar zu nicht viel nütze sind.

Aber: „Unsere Füße, dank derer und anderen Anpassungen es uns auf zwei Beinen ganz bequem ergeht, befähigen uns, enorme Strecken ohne Anstrengung zurückzulegen und, wenn die Bedingungen stimmen, sogar die leichtfüßigsten Vierbeiner hinter uns zu lassen.“ Von da aus kommt Henderson mühelos zu der Frage, was uns eigentlich tatsächlich vom Tier unterscheidet. Er diskutiert Werkzeuggebrauch (eher nein) und Sprache, aber auch die Musik – sind wir doch in einer seiner hübschen Formulierungen ein „aufrechter, musikalischer, federloser, rennender Zweibeiner“. Auch eine originelle Deutung des Orpheus-Mythos liegt ihm nicht zu fern.

Der Krake ist klug

So findet Henderson, gleichsam schlendernd, in jedem der von ihm ausgesuchten Lebewesen das Staunenswerte und weiß es plastisch zu machen. Zum Beispiel eben die Klugheit und Lernfähigkeit des Kraken – der aber das entscheidende Handicap hat, dass er nicht lang genug lebt (ein bis allerhöchstens fünf Jahre), um Gelerntes weiterzugeben: „Kopffüßer kennen keine Kultur: keine Kindheit, in der sie von ihren Eltern angeleitet werden. Sie müssen in jeder Generation von Neuem beginnen.“ So hat man die Tintenfischringe auf dem Teller bestimmt noch nicht betrachtet.

„Wahre Monster“ ist nicht nur ein prall mit allerlei Abseitigem, Gelehrtem, Verblüffendem gefüllter Band. Es ist ein Buch, das einen beschämt, dass man so dumm und blind durch die „Natur“ stolpert. Warum wusste man etwa gar nicht, dass es auf dem Meeresgrund Xenophyophoren (Stamm: Foraminifera) oder dass es Wasserbären gibt? Einige von Letzteren schwebten 2007 unter dem Motto „Tardigrada im Weltraum“ zehn Tage völlig schutzlos im Orbit – und überlebten dies problemlos. „Sie überstanden das Tausendfache einer für Menschen tödlichen kosmischen Strahlung mit einem Achselzucken.“

Schon nach einigen Kapiteln Henderson stellt man sich notgedrungen die Frage, warum eigentlich der Biologieunterricht in der Schule einen nicht zum Staunen bringen konnte, wenn doch offenbar die Welt eine Wunderkammer ist.

Caspar Henderson: Wahre Monster. Ein unglaubliches Bestiarium. Aus dem Englischen von Daniel Fastner. Mit Illustrationen von Pauline Altmann und Judith Schalansky. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 352 Seiten, 38 Euro.

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