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Alexander Osang.

Alexander Osang

Warum er aus ihrem Leben verschwand

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Lügen machen gute Geschichten: Alexander Osang und „Die Leben der Elena Silber“.

Wenn man den Schriftsteller Alexander Osang liest, liest man immer auch den Reporter Alexander Osang mit. Den Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, Theodor-Wolff-Preisträger, Grimme-Preisträger. Den Verfasser schneller Sätze mit lebendigen Verben und fein gestrickter Dramaturgie.

„Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen.“ Schon der erste Satz in Osangs Roman „Die Leben der Elena Silber“ donnert. Dann folgt der Blick des Reporters. „Pawel hockte auf der Ofenbank, Jelena stand an der Tür und wartete, dass ihr Vater endlich zurückkam. Sina Krasnowa trat gegen den leeren Korb.“ Diese Mischung aus Banalem und Brutalem, der Schilderung des Alltäglichen und der Opferung des Seilers Viktor Krasnow im Russland des Jahres 1905 prägt Osangs Stil: ein Nebeneinander von Gegensätzen, um Spannung zu steigern.

Diese Dramaturgie zieht sich durch den gesamten Roman, der anhand einer Familie die Zeit von 1905 bis 2017 erzählt. Auf ein Kapitel, das in die Geschichte blickt, folgt ein Kapitel über die Jetzt-Zeit oder die nahe Vergangenheit. Eine Seilbahn-Dramaturgie, bei der Figuren, Zeiten, Orte am Draht der Familiengeschichte hängen.

Von der Russischen Revolution in die Wendezeit

Es ist die Geschichte von Elena Silber, die fünf Töchter zur Welt bringt, von denen vier überleben, die aus Gorbatow flieht, weil ihr Vater, ein Revolutionär, ermordet wird, die Jahre später unter Lenin den Prozess gegen die Mörder verfolgt, einen Deutschen heiratet, die es nach Nazi-Deutschland, Polen und Ost-Berlin verschlägt, die altert, zu einer „Baba“, einem Mütterchen wird, bis sie in der Demenz versinkt. Dement wird auch Claus Stein, Vater von Konstantin, einer Figur im Berlin des Jahres 2017, dessen Erzählung mit der von Elena Silber gegengeschnitten ist. Konstantin ist ein mit vielen Erwartungen ausgestatteter, von den Unsicherheiten der Wende geprägter, vor sich hin treibender Mittvierziger, der, statt ein Drehbuch über einen begabten, nicht erfolgreichen Tennisspieler zu schreiben, lieber die eigene Familiengeschichte recherchiert. Ein Alter Ego Osangs, vielleicht.

Wie beiläufig, auch das ein dramaturgischer Kniff, berichtet der Erzähler auf mehr als 600 Seiten unter anderem von den revolutionären Unruhen im russischen Kaiserreich, denen Viktor Krasnow 1905 zum Opfer fällt. Von der Oktoberrevolution 1917, in deren Folge Viktor Krasnow vom Feind des Zaren zum Helden der Revolution umgedeutet wird, so dass er ein Denkmal erhält und eine Straße nach ihm benannt wird. Von dem Prozess gegen die Mörder Krasnows, in dem der Richter die marxistische Lehre bildhaft erklärt: „Die Produktivkräfte rebellieren gegen die Produktionsverhältnisse. Sie werden zu eng, wie, sagen wir, ein Mantel, wenn man zu viel gegessen hat. Beziehungsweise eine Hose. Und dann sprengen die Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse auf, Genossen.“

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber. Roman. S. Fischer, 624 Seiten, 24 Euro.

Es geht um den Machtkampf nach Lenins Tod, das Verschwinden von Menschen unter Stalin, das Schicksal von Frauen im KZ-Außenlager im polnischen Sorau/Zary, um die sowjetische Besatzungszone und das Leben in der DDR, in dem Claus Stein Tierfilmer wurde und westliche Tierfilmfestivals besuchen durfte, weil er mit Verwandten im Westen brach. Der Roman, der die Longlist für den Deutschen Buchpreis erreichte, reiht sich insofern ein in die Liste von erfolgreichen Gegenwartsromanen, die sich mit der DDR beschäftigen, „Der Turm“ (Uwe Tellkamp, 2008), „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (Eugen Ruge, 2011) oder aktuell „Brüder“ von Jackie Thomae. Und auch Osang erzählt autofiktional: „Die Leben der Elena Silber“ sei von der eigenen Familiengeschichte beeinflusst, wie er bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus erklärte. Zur Recherche reiste der Autor, der in Berlin lebt, auch nach Russland.

Es geht um starke Frauen, um verschwindende Männer, um wahre und falsche Geschichten, und hier blitzt der „Spiegel“-Reporter auf, der den Claas-Relotius-Fälschungsskandal zu verarbeiten scheint. Denn auch die Titelheldin Elena erzählt Geschichten, um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder sinnhaft zusammenzuhalten. „Der Tag, an dem ich euren Vater kennenlernte, war der Tag, an dem Lenin starb“, ist so eine Geschichte, oder: „Ich habe Papa die Pelze mitgegeben und den Schmuck“, als Erklärung, warum Robert Silber aus dem Leben von Elena und den Töchtern verschwand – vielleicht wurde der Deutsche in Russland erschossen oder deportiert, das bleibt offen.

Claas Relotius erfand Figuren und verzierte Szenen. Elena schmückt die Familiengeschichte aus. Als sie gefragt wird, was die erste Erinnerung ihres Lebens gewesen sei, sagt sie: „Die Kreuze, die meine Mutter schlug, als mein Vater starb.“ – „Eine Lüge“, kommentiert der Erzähler. Und so wie Juan Moreno die Fälschungen des Claas Relotius enttarnte, deckt Konstantin Stein die Lügen der Elena Silber auf.

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