Rückblick auf 1968

Das waren Zeiten!

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Ein Rückblick auf 68 - nicht zum letzten Mal.

Books on Demand, ein hässlicher Umschlag, ein hässliches Buch - ich hatte es nicht lesen wollen. Dann fing ich an, las bis nachts um drei, wachte sechs Stunden später auf, kümmerte mich ein wenig um meine Umgebung. Nach dem Mittagessen las ich weiter und war kurz nach sechs fertig. Fünf Erzählungen um 1968 in Berlin. Keine Weltliteratur, keine Sätze, die man herausziehen und anstaunen möchte, aber eine Droge für jeden, der damals jung war. Man liebt die Bücher, die einem Neues erzählen, man liebt aber auch die, die einem sagen oder gar vorführen, was man schon immer dachte und fühlte. Jürgen Hofmanns "Those were the days my friend" gehört in die zweite Kategorie.

Die Ich-Erzähler der fünf Geschichten haben jeder mit einer Frau zu tun, deren Name die Titel der Erzählungen sind. Alle Frauen sind klug und sehen gut aus. Das hat seine Komik, denn jeder weiß, dass er die eine oder andere Liaison seines Lebens heute nicht mehr begreifen kann. Die unschuldige Freude, mit der die Ich-Erzähler ihre Frauen anstarren, ist rührend. Auch wenn sie zur Tat übergehen, tun sie das eher unbeholfen. Das wiederum ist zwar auch komisch, aber doch sehr realistisch. Alle Erzähler haben es mit der Popmusik der Jahre um 1968. Sie lieben Bob Dylan oder die Stones, die Beatles oder Zappa. Keiner, der sich für Henzes "Floß der Medusa" interessierte, dessen Uraufführung 1968 daran scheiterte, dass es in Westberlin Sänger gab, die nicht unter einer roten Fahne und einem Poster von Che Guevara auftreten wollten.

Hofmanns Blick auf die Enge und Strenge des klassenkämpferischen Milieus im Westberlin der 60er und 70er Jahre ist unbestechlich. Aber doch altersweise gemildert. Er blickt gütig, ja mit ein wenig Mitleid auf seine Ich-Erzähler und die anderen Figuren jener Jahre. Es gibt auch etwas Neid auf die Jugend und ihre Begeisterungsfähigkeit. So sehr sie ihn rühren, so sehr weiß er doch, dass es im Wesentlichen Blödsinn war, was damals unter der Parole Politisierung gesagt, gefordert und getan wurde.

Manches war schlimmer als Blödsinn. Einiges war vielleicht auch Blödsinn, aber doch nötig gegen die herrschende bösartige Leugnung dessen, was nicht einmal dreißig Jahre vorher gedacht, gesagt und getan worden war.

Wie man bei Aschinger kostenlos Brötchen bekam und noch eine Freundin dazu, das schildert Hofmann so reizvoll, dass man - solange man ihn liest - ihm in die Falle der Nostalgie geht. Aber er ist nahe genug an der Realität, um einem selbst wieder herauszuhelfen. Ach, wäre der Umschlag des Buches doch weniger schrecklich!

Jürgen Hofmann: Those were the days my friend. Books on Demand, Berlin 2008, 228 Seiten, 13,50 Euro.

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