"War ganz nett"

Kein Briefwechsel unter Freunden: Gottfried Benn und Ernst Jünger schrieben einander von 1949 bis 1956

Von INA HARTWIG

Nun, da die Email den handgeschriebenen beziehungsweise auf der Schreibmaschine getippten Brief ablöst, wächst das Bewusstsein für den Wert des Papiermediums. Kürzlich wurde der Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und Siegfried Unseld publiziert (FR vom 30. März), und die Deutung, hier würde der über dreißig Jahre lang aufgeschobene, nie fertiggestellte Roman des Autors gewissermaßen "ersetzt" durch einen kunstvoll neurotischen Briefwechsel mit seinem Verleger, mag den Kern erfassen: dass nämlich Briefe über das Potential verfügen, Literatur zu sein.

Gilt das auch für den Briefwechsel zwischen den Schriftstellerkollegen Gottfried Benn (1886-1956) Ernst Jünger (1895-1998)? Im emphatischen Sinne bejahen lässt sich die Frage nicht. Dass der Dichter und Hautarzt Benn ein so begnadeter wie zwanghafter Epistolograph war, steht fest. Jeden Tag schreibt er mehrere Briefe und Notizen, gern auf Rezeptzettel, gern an Frauen, mit denen er gerade bändelt; aber auch an seine Tochter, seinen Verleger, an Kollegen und Freunde, wobei das größte Konvolut der Briefwechsel mit seiner männlichen Muse F.W. Oelze ausmacht, dem Gentleman aus Bremen. Originell ist Benn immer, der Ton jedoch wechselt stark, je nachdem, ob er seinen Briefpartner beziehungsweise seine Briefpartnerin mag oder nicht. Ernst Jünger mag er offenbar nicht besonders.

Umgekehrt fühlt sich Jünger von Benn extrem angezogen. Allein zu diesem und zu Oswald Spengler habe er von sich aus den Kontakt gesucht, wie er Vertrauten gesteht. In den zwanziger Jahren will er Benn bereits einen Brief geschrieben haben, der unbeantwortet blieb. Jünger ist zäh. Am 3. November 1949 lässt er durch seinen Sekretär Armin Mohler dem Berliner Kollegen sein jüngstes Buch Heliopolis zukommen, mit handschriftlicher Widmung, was der Beschenkte - gegen den Rat seiner Frau Ilse Benn, die für Nichtbeachtung plädiert - mit einem freundlichen Dankesbrief und Zusendung seines Goethe-Aufsatzes beantwortet.

Dieser Briefwechsel bleibt das Zeugnis ungleicher Zuneigung. Noch ein Jahr vor Jüngers Kontaktaufnahme wettert Benn gegenüber Oelze: "Ernst Jünger! Da ich immer wieder mit dem zusammen genannt werde, interessiert er mich allmählich u. ich las (. . .) ,Strahlungen'. Ich las Satz für Satz, fing mit kameradschaftlichen Gefühlen an, las die ganze Sylvesternacht (...) u. ich muss sagen: katastrophal! Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch u. stillos. Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend."

Die Laune des Capitano

Die Freunde Jüngers, besonders das "Sorgenkind" Gerhard Nebel, sind in ihren Ausfällen gegen Benn auch nicht gerade zimperlich, wie Holger Hof, der Herausgeber des Briefwechsels, treffend bemerkt. "Benn halte ich für einen Schädling ersten Ranges, ihm muss das Handwerk gelegt werden", ätzt Nebel in einem Brief an Jünger. Armin Mohler wiederum beschwichtigt das "Sorgenkind", es möge Benn nicht öffentlich herunterzuputzen, "um den Capitano heraufzuheben": "Er würde das gar nicht schätzen, denn er legt grossen Wert auf gute Beziehungen zu Benn."

Die sollte Capitano Jünger schließlich haben, von 1949 bis zum Tode Benns im Jahr 1956. Gute, aber keine freundschaftlichen Beziehungen. Es will ihm einfach nicht glücken, Benn in seinen Strudel des Werbens hineinzuziehen, wozu etwa die Aufforderung gehört, gemeinsam mit Drogen zu experimentieren ("Wir sollten uns auch einmal über Mescalin unterhalten"). Ein andermal beschwört er Benn, ihn am Mittelmeer besuchen. Benn bleibt spröde - und auf verführerische Weise fatalistisch: Als Stimulantien genügten ihm "Cafe und Cigaretten". Dem geliebten Süden entsagt er. Nicht einmal nach Frankfurt am Main ist er zu kommen bereit, wohin die "schöne Frau von Schnitzler" (Benn) zu einem kleinen Symposion mit Carl Schmitt, Jünger und dem Sohn Max Beckmanns geladen hat. Er, Benn, habe zu wenig Geld, vor allem sei er "kein Salonmatador", er "schweige meistens und gebe allen andern recht". Man könnte seine Methode im Umgang mit Jünger Abwehrstilisierung nennen.

Aber im Mai 1952 gelingt dann doch ein Treffen, ein einziges Mal, in Benns Berliner Wohnung, Bozener Straße 20. Jünger kommt "inkognito", was immer das heißen mag. Ilse Benn, die Zahnärztin, ist ebenfalls zugegen. Wenige Tage später lässt sich Benn im Brief an Jünger zu einem "herzlichen Gruss" hinreißen, man denke "gerne" an seinen Besuch zurück, und im übrigen wünschten er und seine Frau Jünger "einen schönen Sommer (. . .) mit Ihren Käfern u. Steinen und Flechten". Die süffisante Überheblichkeit Benns vermag nicht zu verhindern, dass die beiden Herren fortan Grüße und Glückwünsche zu Geburtstagen, zum Jahreswechsel oder zu erhaltenen Literaturpreisen austauschen.

Wer war die Tänzerin?

"Kommen Sie auch einmal zu mir", bittet Jünger zwei Wochen nach der Berliner Begegnung, und fügt hinzu: "Hinsichtlich der Tänzerin habe ich Ihren Rat befolgt, und ich bin neugierig, wie sich die Angelegenheit entwickeln wird." Schade, dass der Herausgeber in seinem vorzüglichen Anmerkungsapparat und Nachwort über die Tänzerin lediglich mitteilen kann: "nicht ermittelt".

"Vorige Woche hatte ich Besuch von - - Ernst Jünger!", meldet Benn zeitgleich an Oelze. "War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er aus? Nicht so eitel u. affektiert wie seine Bilder. (. . .) Wir tranken ganz reichlich u dabei kamen wir uns näher u wurden offen miteinander." So offen wird Benn, dass er Jünger in seine Pensionsbezüge einweiht, und dies wieder mit einer umwerfenden Direktheit: "Sehr angenehm - Geld ohne Arbeit; mir ein ganz neuer Begriff."

In ihren Abneigungen gegen den damaligen Präsidenten des P.E.N.-Clubs und späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher oder gegen den Emigranten und Publizisten Peter de Mendelssohn stimmen Benn und Jünger vollkommen überein. Der Kommunismus ist ihnen offenbar noch mehr zuwider als die junge bundesdeutsche Demokratie. Beide würgen an ihrer Vergangenheit beziehungsweise daran, dass die Nachkriegsöffentlichkeit sie für ihre kurzfristigen Nazi-Sympathien abstraft.

Dennoch ist 1949 für Benn das Jahr seines "brillanten Comebacks", wie Marguerite Valerie Schlüter im Nachwort zu Benns Briefen an den Limes Verlag formuliert, die jetzt im Rahmen der Werkausgabe bei Klett-Cotta erschienen sind. Benn und Jünger geben sich ähnlich entrückt - wobei ersterer den Gefahren der Eitelkeit mit weit mehr Esprit zu begegnen versteht: Man könne gern behaupten, er sei "Kommandant von Dachau" gewesen und übe "Geschlechtsverkehr mit Stubenfliegen" aus; es sei ihm egal, er widerspräche nicht. Jünger seinerseits, der Benn lang überleben sollte, klopft sich noch 1989 im Interview mit der Zeit auf die Schulter, im Unterschied zu Benn habe er sich frühzeitig von den Nazis abgewandt. Was der ehemals im schönen Paris stationierte deutsche Wehrmachtsoffizier Jünger damit wohl sagen wollte? Mit sicherem Instinkt hatte Benn, als er Jünger für die Zusendung von Heliopolis dankte, die Verse beigelegt: "Wir sind von Aussen oft verbunden,/wir sind von Innen meist getrennt". Innerlich getrennt, das blieb Benn unabweisbar.

Medizinische Lässigkeit

Es dürfte gerade deshalb von Bedeutung sein, dass Jünger noch 1970 einen literarischen Text von sich, Annäherungen, mit einem Benn-Brief gewissermaßen schmückt. In diesem Brief, den der schwerkranke Benn ihm im Frühjahr 1956, gut drei Monate vor seinem Tod am 6. Juli, schreibt, kommt jene frappante medizinische Lässigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper zum Ausdruck, die Jünger fasziniert und die ihm, dem Ästheten der Kälte, nicht zur Verfügung steht.

"In guter Erinnerung ist mir ein Abend bei Gottfried Benn", setzt Jünger an. "Lieber hätte ich ihn am Mittelmeer getroffen, an Küsten, an denen man aufatmen kann, als ob man aus dem Zuchthaus käme, und an denen auch er sich wohlfühlte. Doch er schrieb mir, ich glaube nach Montecatini: ,Würde gern mit in den Süden fahren, aber ich müßte soviel Diätregeln befolgen (Duodenalgeschwür) soviel Medikamente mitnehmen (Rheumatismus), soviel Salbentöpfe einpacken (Ekzem), daß ich mich nicht fortgetraue. Bis zum siebzigsten Jahr konnte ich meinem Körper zumuten, was ich wollte; er parierte und tat alles, was mir gefiel. Plötzlich große Baisse, und die albernen Worte ,allergisch' und ,neurovegetativ' nützen mir nichts, helfen mir nicht weiter.'"

Die meisten der in dieser Ausgabe erstmals ungekürzt abgedruckten Briefe Benns sind in den Ausgewählten Briefen des Limes Verlags von 1957 enthalten. Doch noch nie ist die Benn-Jünger-Beziehung so komplex gebündelt worden. Eine geschickte Entscheidung des Herausgebers war es, einige Seiten aus Jüngers Annäherungen - mit der Erinnerung an den Besuch bei Benn - dem Briefwechsel anzufügen. Diese Passagen werden Jüngers literarischem Talent gewiss gerechter als dessen Briefe, die gegen Benns epistolarische Kunst kaum ankommen. Scharfsinnig und irgendwie zartfühlend schildert Jünger die Bennsche Wohnung, in der gleich zwei Arztpraxen von unterschiedlichster Anmutung untergebracht sind. Bei Ilse Benn, sinniert Jünger, "sich einen Zahn ziehen zu lassen, musste fast ein Vergnügen sein".

Er schlürfte also nicht nur des Gastgebers Burgunderwein, sondern Atmosphäre. So wird nachträglich deutlich, wer der Profiteur dieses ungleichen Briefwechsels war. Wenn man denn in diesen Kategorien urteilen möchte.

Gottfried Benn / Ernst Jünger: "Briefwechsel 1949 - 1956." Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Holger Hof. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2006, 154 Seiten, 14,50 Euro.

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