Theodor Fontane um 1895.

200 Jahre Fontane

„Wandern und Plaudern mit Fontane“ – Ein vergnüglicher Sammelband

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Ein wenig Temperament im Märkischen: Autorinnen und Autoren von heute begeben sich munter auf die Wege von Theodor Fontane.

Die Krankenkassen können bald Überschüsse auszahlen. Denn Deutschland bewegt sich – zumindest der sonst eher schreibtischhockende oder sessellümmelnde, also der lesende Teil der Bevölkerung. Ein jeder nutzt das Fontane-Jubeljahr zum Wandern. Einen besonders schönen – abwechslungsreichen, eigenwilligen, erheiternden – Beleg der ländlichen Entdeckerfreude bietet der Band „Wandern und Plaudern mit Fontane. Literarische Begegnungen mit der Mark Brandenburg heute“. Es ist der Fontane’schen Idee folgend, eine „bunte, mannigfaltige“ Auslese. Einige der interessantesten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren der Gegenwart haben sich beteiligt, etwa Kathrin Schmidt und Saša Stanišic, Annett Gröschner und Michael Wildenhain.

Die beiden Herausgeberinnen des Bandes lehren auswärts deutsche Literatur, nämlich in Irland (Gisela Holfter) und in London (Godela Weiss-Sussex), schauen also mit Abstand auf das Heimatwesen. Dass der Fontane-Kreis Großbritannien und Irland ihr Unterfangen unterstützte, liegt nicht so fern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Theodor Fontane selbst hat sich zu seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ durch eine Schottland-Reise inspirieren lassen.

Gisela Holfter / Godela Weiss-Sussex (Hrsg.): Wandern und Plaudern mit Fontane. Quintus, Berlin 2019. 192 S., 19,90 Euro.

Die heutigen Wanderer (auch per Auto und Zug, Fontane nahm selbst die Kutsche) sind von Erzählfreude getrieben. Der Vogtländer Utz Rachowski, schluckt erst einmal Vorurteile herunter. Kerstin Hensel fährt mit dem Fahrrad ins Oderbruch. Am Wegesrand wenden sich Auswüchse aus dem Boden gegen die Anmut der Landschaft – „von der Zeit untergepflügte Schädel- und Gliedmaßenknochen gefallener RussenPolenDeutscher“. Bis sie ihre „Frei-Atem-Woche“ genießen kann, „die Kunst des Lebens und die Kunst an sich“, muss sie noch mit Geistern streiten.

Florian Werner stakt bei schlechtem Wetter durch den Spreewald und stößt auf Einheimische, denen das Historische auf die Nerven geht. Freundlich blicken ihn Kuhaugen an, was Kenner seines Werks nicht wundert (er verfasste „Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung“).

Schreibend versucht sich Ursula Krechel im Regionalexpress vor Lärm und Neugier zu schützen, erfolglos: „Was schreiben Sie da? Ich schreibe eben. Sind Sie Schriftstellerin? Ja. Und was genau? Das ist zu kompliziert, um es zu erklären.“ Ihr Beitrag aber zeigt anschaulich, wie sie arbeitet, wie auch in ihren Gedichten und Romanen Recherche, eigene Eindrücke und Fantasie ineinanderfließen. Wenn Krechel den Herrn Fontane wandern lässt, „ahnt man auch langsam, langsam ein wenig Temperament im Märkischen“.

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