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Die größte Wanderdüne Europas ist die von Pilat an der französischen Atlantikküste bei Arcachon.

Rebecca Solnit

„Wanderlust“ - Rebecca Solnits großes kulturhistorisches Buch über das Gehen

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Rebecca Solnit spannt in ihrem quicklebendigen, auch schlendernden Buch den Bogen weit hinaus über die Assoziationen, die der Titel „Wanderlust“ weckt.

Rebecca Solnit beginnt da, wo alles begann. Beim Urknall des Gehens gewissermaßen, der Ermöglichung überhaupt erst des wandernden Menschen. Sie beginnt mit der Aufrichtung, dem Kunststück der Balance auf zwei Beinen, der unbewussten Pendelbewegung, „von hinten vorschwingend“, dem zumeist gedankenlosen Setzen eines Fußes vor den anderen. Das Gehen kommt, normalerweise und beim gesunden Menschen, ganz ohne Aufmerksamkeit aus; aber es macht den Weg frei für den nicht mehr vorrangig gen Boden blickenden, für den seine Umwelt, sein Umfeld betrachtenden, den voraus- und nach-denkenden Geher. Die Beine pendeln, die Gedanken schweifen, gern auch zu Dingen, die mit dem Vorgang der Vorwärtsbewegung und mit dem jeweiligen Ort dieses Vorgangs nicht das Geringste zu tun haben.

Die amerikanische Kulturhistorikerin, Schriftstellerin, Essayistin, Aktivistin Rebecca Solnit hat einen bereits im Jahr 2000 erschienenen Band auch im Original „Wanderlust“ genannt. Denn obwohl Briten sich lange hervortaten bei der Tätigkeit des Fortbewegens in der Natur, obwohl zum Beispiel der Dichter William Wordsworth geradezu als Pionier des Wanderns bezeichnet werden kann (dass oft und ganz selbstverständlich seine Schwester Dorothy mitging, fiel gern unter den Tisch, aber zu wandernden Frauen später mehr), trotzdem also gibt es kein so schönes englisches Wort dafür.

Rebecca Solnit beschäftigt sich in in „Wanderlust“ mit vielen Themen 

Weit hinaus über die Assoziationen, die der Titel „Wanderlust“ weckt, spannt Rebecca Solnit in ihrem quicklebendigen, auch schlendernden Buch den Bogen. Sie beschäftigt sich mit der Erfindung des Landschaftstourismus im 18. Jahrhundert, dem städtischen Flanieren, dem Wandern als kulturelle Prägung aus naturbewundernder romantischer Zeit, dem Terror gegen Frauen, die allein, zu Fuß, ohne Begleitung unterwegs sein wollen. Beschäftigt sich mit dem Gehen als politische Aktivität, als Rekordjagd, als Vergnügen schon auch. Nicht zuletzt beschäftigt sie sich mit der Bedrohung des Zufußgehens: Es könnte eine aussterbende Gattung sein, warnt sie, sehr zum Schaden städtischer, aber auch ländlicher Gesellschaften. „Gehen kann zum Zeichen von Ohnmacht oder niedrigem Status werden“, schreibt Solnit (und könnte neuerdings anführen: was, nicht einmal die E-Roller-Miete kann der sich leisten?), es sei ein „Bioindikator“ für den Rückzug des Menschen aus im Schritttempo und mit Fremden geteilten Räumen. In San Francisco, ihrer Heimatstadt, berichtet die Autorin, sind Fußgängerüberwege systematisch abgeschafft worden, weil die Passanten „den Verkehr behinderten“.

Ja, „Menschen sind langsame Tiere“, schreibt Solnit. Umstritten ist noch, ob eine Geschwindigkeit von etwa fünf Kilometern in der Stunde tatsächlich dem Rhythmus unseres Gehirns, unserer Synapsen entspricht. Und ob das notwendig zu muntereren Schaltvorgängen, zu besseren Einfällen führt. Mancher kommt nur am Schreibtisch sitzend voran, andere schwören auf die Bewegung. Wordsworth dichtete beim Gehen und prägte sich Zeilen und ganze Texte ein bis Zuhause. Dickens, ruhelos und gleichzeitig ein zäher Geher, soll bisweilen nachts aufgestanden und erstmal 30 Kilometer zu einem Frühstück gegangen sein. Andere kamen, wie gesagt, sehr gut sitzend zurecht.

Von den Bedeutungsverschiebungen, die das Wandern und das Gehen im Laufe der Jahrhunderte erfahren haben, erzählt Rebecca Solnit ebenso wie von ihren verschiedenen Formen. Oft bedingt das eine das andere. Oft verändern Fortbewegungsarten und -möglichkeiten die Gesellschaft und neigen sich verändernde Gesellschaften zu anderen Fortbewegungsarten.

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Das Pilgern hatte einst eine große Bedeutung, weit größer als das absichtslose Wandern, das auch erst relativ spät „erfunden“ wurde. „Pilgern beruht auf der Idee, dass das Heilige nicht gänzlich immateriell ist, sondern dass eine Art Geografie der spirituellen Macht existiert.“ Und dass es den, der sich gehend bemüht, manchmal plagt, in Seele und Geist verändert, wenn er der Geografie dieser spirituellen Macht folgt.

Rebecca Solnet: Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. A. d. Engl. von Daniel Fastner. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 384 S., 30 Euro.

Von da, vom Pilgern zweigt, deutlich später, die Überzeugung ab, die Bewegung durch die freie Natur sei nicht nur gesund, sondern irgendwie auch tugendhaft, ein moralischer Gewinn. Und vom Rande wirkt da schon die Quantifizierung hinein, die heute eine immense Rolle spielt. „Ist Wettbewerb ein unwürdiges Motiv?“, fragt Solnit, und möchte das Streben nach Rekorden jedenfalls nicht aburteilen. Eher schon das beflissene Zählen von Schritten und bloße Messen von Entfernungen.

So kommt die Kulturhistorikerin, auf einem Nebenweg, zur neuen Allgegenwärtigkeit der Fitnessstudios, die sie – und ihre modernen, auf Bildschirmen Landschaften vorgaukelnden Laufbänder – als „Wildreservat für körperliche Anstrengung“ bezeichnet. Eine Zeitersparnis führen viele an, wenn sie sich, auch noch dafür zahlend, in die Reservate begeben. Solnit zitiert in diesem und generell im Zusammenhang der technisierten Fortbewegung den Historiker Wolfgang Schivelbusch: Dass nämlich Geschwindigkeit das Reisen nicht interessanter macht, sondern langweiliger – indem man in einer Blase transportiert und irgendwann, an anderem, unter Umständen sehr fernem Ort wieder von ihr ausgestoßen wird. Was war eigentlich dazwischen?

„Wenn der Körper das Register des Realen ist“, schreibt Solnit an anderer Stelle, „dann ist Lesen mit den Füßen so real, wie es Lesen nur mit den Augen nicht ist.“ Das mag auch der Grund dafür sein, dass der sich des Gehens zunehmend entfremdende Mensch bei wichtigen Anliegen trotzdem noch den Drang verspürt, den Boden direkt unter die Füße zu nehmen. Gehen wird so zum gemeinschaftlichen und politisch gemeinten Marschieren, zu einer wie das Pilgern symbolischen Wanderung, zu einem Akt, der die Hingabe an eine Sache belegen soll. (Nicht zufällig gehen die Fridays-for-Future-Aktivisten aus der Schule und auf die Straßen, in den öffentlichen Raum.)

Rebecca Solnits „Wanderlust“ ist auch ein Requiem auf das Gehen zu Fuß

Als Kampf um (freien) Raum spielte und spielt sich ein Teil der Wandergeschichte ab. Als Protest gegen die Privatisierung von Land zum Beispiel. Von Frauenseite als weit gefährlichere, bewusste Grenzüberschreitung. „Durch die ganze von mir nachvollzogene Geschichte des Gehens hindurch“, schreibt Solnit, „waren die Hauptfiguren – ob peripatetische Philosophen, Flaneure oder Bergsteiger – Männer, und es ist an der Zeit, die Frage zu stellen, wieso nicht auch Frauen draußen unterwegs waren.“ Und gleich zitiert sie zur Illustration Sylvia Plath, die als 19-Jährige, also Anfang der 50er Jahre, in ihr Tagebuch schrieb: „Ja, mein verzehrender Wunsch, mich unter Straßenarbeiter, Matrosen und Soldaten, Stammgäste der Schankstuben zu mischen – anonym Teil eines Schauplatzes zu sein, zuzuhören, aufzuzeichnen –, all das wird dadurch zunichte, dass ich ein Mädchen bin, eine Frau, ständig der Gefahr von Angriffen und Körperverletzungen ausgesetzt.“

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Man mag das für übertrieben halten. Aber bei Frauen wird immer noch sehr oft davon ausgegangen, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben, wenn ihnen etwas zustößt (falsche Kleidung, falscher Ort, falsche Zeit, keine männliche Begleitung...). Und dass sie „nicht laufen, um sich die Welt anzusehen, sondern um gesehen zu werden“. Weshalb sie sich dann in einigen Gesellschaften wiederum verschleiern müssen, wenn sie ihr Zuhause, Solnit spricht vom „steinernen Schleier“, verlassen wollen. Die Autorin macht klar, wie wenig das mit religiösem Gebot und wie viel mit Sexismus und Machotum zu tun hat. Das Reisen von Frauen, in früheren Jahrhunderten nicht selten in Männer(ver)kleidung, bekommt dadurch automatisch etwas Ausreißerhaftes und Rebellisches.

Beziehungsweise bekam es früher. Inzwischen steht man sogar auf dem Mount Everest in der Gipfelschlange. Und ist der in der Stadt zu Fuß Gehende als der Langsamste bedroht von Autos, Fahrrädern, E-Rollern.

Fast 20 Jahre nach dem Erscheinen auf Englisch ist Rebecca Solnits „Wanderlust“ darum auch ein Requiem auf das eigenständige, eigenwillige, sogar allgemein auf das Gehen zu Fuß. Sie führt die oft gebrauchte, geringschätzige Wendung an, dann könne man „auch gleich zu Fuß gehen“, „als ob Gehen im Vergleichsmaßstab einem vernichtenden Urteil gleichkäme“. Gehen muss heute – etwa in Form des Wanderns, das ja gesund sein und gesund machen soll – entweder einen zusätzlichen Nutzen haben, oder es wird als Zeitverschwendung betrachtet. Rebecca Solnit wird so zur Mahnerin in einer der simpelsten Tätigkeit abschwörenden Gesellschaft: „Gehen erhält den öffentlichen Raum am Leben, und gerade auch seinen öffentlichen Charakter.“ Ohne das Gehen, seine zufälligen Begegnungen, die von ihm ermöglichten Wahrnehmungen, ist auch die Demokratie bedroht.

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