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Walter Benjamin, um 1925.

80. Todestag

Unter der Erblast der Geschichte

Am 26. September vor 80 Jahren nahm sich Walter Benjamin das Leben, auf der Flucht vor den Nazis. Howard Eiland und Michael W. Jennings würdigen auf über 1000 Seiten einen epochalen Autor und Denker.

Unter den vielen Sorten von Ruhm“, begann 1968, unter bewegten politischen Umständen, Hannah Arendt ihren Essay über Walter Benjamin: „Unter den vielen Sorten von Ruhm, den billigen und den erhabenen, ist der Nachruhm wohl der traurigste.“

Traurig der Nachruhm auch in diesen Tagen, und womöglich untröstlich das Gedenken, denn Walter Benjamin nahm sich heute vor 80 Jahren das Leben an einer Grenzstation in den Pyrenäen, auf der Flucht vor der Gestapo. Da er kein Ausreisevisum vorzeigen konnte, war dem Flüchtling am 26. September 1940 nur noch eine Schachtel mit Morphium zur Hand. „Nur an diesem Tag“, wird Hannah Arendt rückblickend schreiben, „war diese Katastrophe möglich.“ Denn, so Arendt, „einen Tag früher wäre er anstandslos durchgekommen“. Einen Tag später, so berichten es jetzt Howard Eiland und Michael W. Jennings in ihrer soeben erschienenen Benjamin-Biografie, wäre der Weg ebenfalls frei gewesen.

Neutraler als vom Nachruhm Walter Benjamins ließe sich von der Nachgeschichte eines häufig beschworenen Denkers der Extreme sprechen. Haben deshalb Antipoden maßgeblich die Benjamin-Rezeption beherrscht? Der Zugriff auf das Werk geschah durch Strategen im Kulturkampf, für die ideologischer Fraktionszwang galt. Daran uninteressiert sind Eiland und Jennings, die sich voll (und nicht etwa falsch) darüber bewusst sind, dass die Benjamin-Rezeption in den letzten 60 Jahren Konjunkturen erlebt hat, eine intellektuelle Hausse ebenso wie eine ignorante Baisse.

Zuletzt jedoch durchaus wieder eine Benjamin-Beschäftigung. Niedergeschlagen hat sie sich in monumentalen Analysen, an erster Stelle bei Jean-Michel Palmier postum auf 1300 Seiten, bestechend. Auch aufgeflackert ist der Nachruhm in populäreren Darstellungen, so in den Benjamin-Kapiteln von Wolfram Eilenbergers erfolgreichem Buch „Zeit der Zauberer“.

Wenn Eilenberger noch flott-ironisch von einer „idiotisch anmutende(n) Themenstreuung“ sprach, so listen die beiden Biografen aus den USA, der eine Literaturwissenschaftler, der andere Philologe, lieber auf: „Benjamin schrieb Essays über Kinderliteratur, Spielzeuge, Wetten, Graphologie, Pornographie, Reisen, Volkskunst, Lebensmittel, die Kunst von Randgruppen wie die der Geisteskranken und über eine Vielzahl von Medien, wie Film, Radio, Fotografie und die Regenbogenpresse.“ Benjamin, auch wenn er Zeit seiner Feuilletonkarriere als freier Autor ein Einzelkämpfer war, repräsentierte doch so etwas wie den idealen Gesamtfeuilletonisten – „unwiderstehlich für Laien und Gelehrte“ wegen seiner indirekten Erzählweise, seiner Vorliebe für Metaphern und Parabeln und seiner Neigung, in Bildern zu denken.

Geboren am 15. Juli 1892 in Berlin in einem assimilierten jüdischen Elternhaus, kam Walter Benedix Schoenflies Benjamin in einer sich so rapide wie schockierend entwickelnden Metropole zur Welt. Benjamins „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“, evozierte 1932 noch einmal elegisch die Dingwelt in den vier Wänden wohlhabender Bürgerlichkeit. Doch in der Kindheit abgelagert, so Palmier, kein „verborgenes Glück“, vielmehr Verstörungen. Kindheit wurde zum Auftakt „eines Versprechens, das das Leben nicht gehalten hat“. Denn im großbürgerlichen Milieu erlebte das Kind die turbulent-rücksichtslose Durchsetzung der urbanen Moderne, wie sie dann der Essayist an der Entwicklung der Warenhäuser, der Stadtbahn, der elenden Mietskasernen und prachtvollen Bürgerhäuser zu entziffern verstand. Ein vom Kapitalismus grell geschminktes Berlin, eine sich geschäftig prostituierende Bürgerlichkeit, den Autor zu „Denkbildern“ herausfordernd. In der Rückschau auf Kindertage kam der Arrivierte auf die „sinnbildliche Figur des „bucklicht Männlein“ zu sprechen, eine Figur, die als „Doppelgänger verstanden werden“ müsse, als „schwer zu fassender Unheilstifter“.

Nicht als Unheilstifter, unbedingt aber als ein Unruhestifter zeigte sich Benjamin vor allem im Literaturgetriebe. Seine außerordentlichen Fähigkeiten anerkannten außerordentliche Begabungen, ein Ernst Bloch, ein Siegfried Kracauer, ein Theodor W. Adorno, ein Franz Hessel – dennoch blieb Benjamin, dem Proust-Übersetzer, dem ingeniösen Interpreten von Baudelaire und Goethe, versagt, worauf er hinauswollte, unbedingt: eine Karriere an der Universität, eine an der Philosophischen Fakultät in Frankfurt, die seine Habilitationsschrift ignorant zurückwies, weil sie ihr, eine Blamage, intellektuell nicht gewachsen war.

Benjamin, weiterhin schwer zu fassen, zumal seine „tiefsten Überzeugungen unergründet bleiben müssen“, operierte mit einem „Arsenal von Masken“. Eiland/Jennings rekonstruieren eine intellektuelle Existenz, in der sich der Privatmensch, der Ehemann und Liebhaber von und in Affären einzuhausen wusste. Bei allem kam etwas hinzu. So habe er „immer wieder von sich selbst als Mönch gesprochen“. Viele seiner Zimmer nutzte er wie eine „,Zelle‘, wie er es gern nannte, hängte Bilder von Heiligen an die Wand.“ Worauf verweist das? In dieser Biografie sicherlich nicht auf eine Schlüssellochperspektive, wohl aber auf die Ausstaffierung der eigenen vier Wände mit Sinnbildern eines Messianismus, den er in eine schlechte Gegenwart hinüberretten wollte, aufgeladen durch die säkularen Heilsversprechen des Marxismus.

Als Jude, als Marxist, hat Benjamin seine Palästina-Pläne gegenüber dem vielleicht großzügigsten Freund, Gershom Scholem, immer wieder geäußert – „mit großem Tamtam“. Er hat sie nicht nur einmal zurückgestellt, schließlich abrupt verworfen. Walter Benjamin hielt als Intellektueller auf Distanz zur KPD. Sich seiner „linken Außenseiterstellung“ bewusst, reizte ihn dennoch die „intellektuelle ‚Schrittmacher-Position‘“, die er als Literaturhistoriker und -kritiker, Theoretiker des Films und der Fotografie, als Kunstkritiker, nicht zuletzt als Geschichtsphilosoph in der Endphase der Weimarer Republik tatsächlich einnahm.

Bereits lange vor seinem Engagement für den Marxismus, schon 1920 in Heidelberg hatte Benjamin darüber spekuliert, inwieweit der Kapitalismus nichts anderes sei als ein extremer religiöser Kult, da die Menschen zu den Objekten der Warenwelt ein fetischisiertes Verhältnis unterhielten. Darauf kam er zurück, seitdem er sich von 1927 an an sein Projekt des „Passagenwerks“ machte – und es schließlich vergrub.

Benjamin hat die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, Paris, durch und durch allegorisch gelesen, um sie in eine dialektische, berstende Spannung zu versetzen, in eine „labyrinthische Sammlung“ aus Zitaten, Kommentierungen und Reflexionen zu zwingen, arrangiert nach dem Prinzip der literarischen Montage. Immens der Aufwand, dem Material eine avantgardistische Form zu geben, stellt sich den beiden Biografen die „magische Enzyklopädie“ des Pariser Alltagslebens in der Mitte des 19. Jahrhunderts als „kapriziöses Mosaik“ dar – durch das der Marxist rebellisch machen wollte.

Eiland/Jennings machen kein Geheimnis daraus, dass sie Benjamins Vergegenwärtigungsstrategien für fragwürdig halten. Insbesondere sein Konzept des „Eingedenkens“, der Vergegenwärtigung einer (in Trümmern daliegenden) Vergangenheit, der bewahrenden Erinnerung wie aus einem Traum, aus dem die Wahrnehmung erwacht, nennen sie eine „esoterische Konzeption“, ja „esoterische Doktrin“.

Damit verweist die Biografie bereits in ihrer Mitte auf Benjamins Spätwerk, seine geschichtsphilosophischen Thesen, seine eindringlichste Allegorie, so verführerisch wie verrätselt. Seit 1920 besaß er ein Bild von Paul Klee, dessen „Angelus Novus“, den er als „Engel der Geschichte“ interpretierte, der sein Antlitz abwendet von der Vergangenheit. Mit Blick auf das Bild formulierte Benjamin kurz vor seinem Tod ein weiteres Mal sein hoch ambitioniertes Anliegen der „Erlösung der Vergangenheit“ aus den Trümmern einer katastrophischen Siegergeschichte, die Benjamin freilegte wie ein Archäologe.

Literatur

Howard Eiland/Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Dt. v. U. Fries u. I. Müller. Suhrkamp Verlag. 1022 S., 58 Euro. Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin. Hg. v. Florent Perrier. A.d. Franz. v. H. Brühmann. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 1372 S., 34 Euro. Hannah Arendt: Menschen in finsteren Zeiten. Darin der Benjamin-Essay. Piper Taschenbuch. 400 S., 15 Euro.

Eine attraktive Allegorie auch das. Ein Faszinosum wie erst recht der Begriff Aura – regelrecht populär durch seinen Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Der Text aus dem Jahr 1936 hat Generationen von Lesern die Techniken der Reproduktion seit der frühen Neuzeit kritisch vor Augen geführt, vom Holzschnitt bis zur Fotografie und zum Film, Etappe für Etappe eine historische Entwicklung, die vom zunehmenden Schwinden, schließlich dem Verlust der Aura, der einzigartigen Ausstrahlung, geprägt ist. Auch hier ein gewaltiger Dissens zwischen Theodor W. Adorno und Benjamin, der dessen Programm einer Politisierung der Künste für naiv und irrig hielt wie dessen Glaube einer Proletarisierung der kulturellen Produktionsverhältnisse – von Benjamins Phantasmagorien über das Proletariat gar nicht zu reden.

So provozierend der Frontalangriff auf die Vorstellung vom ikonographischen Charakter der Kultur, so klarsichtig Benjamins Parteinahme für eine Politisierung der Kunst anstelle der faschistischen Ästhetisierung der Politik: Intellektueller Widerspruch schlug Benjamin aus dem Frankfurter Institut für Sozialforschung entgegen, ausdrücklich durch den von Adorno erhobenen Vorwurf des Vulgärmarxismus. Obwohl Adorno nicht immer ein „besonders wohlmeinender Leser“ der Werke Benjamins war, trotz eifersüchtiger Konkurrenz lebten sie eine geistige Osmose – wie Benjamin auch mit seiner Geliebten, der lettischen Kommunistin Asja Lacis, nicht zuletzt mit Brecht, den Adorno mit massivem Misstrauen sah. Eine Osmose ebenfalls mit Kracauer und Hessel: dieser der bezwingend-zauberische Entdecker urbaner Oberflächenerscheinungen; jener deren tieflotender Analytiker.

Was hat Benjamin, der „wohl seltsamste Marxist“ in dieser „an Seltsamkeiten nicht armen Bewegung“ (Arendt), nicht zum Thema gemacht, angefangen mit seiner bürgerlichen Sammelleidenschaft in dem großen Text „Der Sammler“. Er hat seine Spielsucht thematisiert und seine Experimente mit Haschisch. Die Dinge verschränkten sich, Poesie und Politik. Durch die Beschäftigung mit Baudelaire stellte Benjamin nicht nur die Verbindung mit der Bürgerwelt her, sondern mit der Welt der „Berufsverschwörer“.

Wie auch in diesem Fall verstand sich Benjamin auf aufputschende Formulierungen. Grässlich der von Eiland/Jennings unerwähnte Satz, „echte Polemik“ verfahre so „wie ein Kannibale, der sich einen Säugling zurüstet“. Fragwürdig, wenn Eiland/Jennings meinen, Benjamin sei „zu jeder Zeit eher ein visionärer Aufrührer als ein ideologischer Hardliner“ gewesen. Ein unangemessenes Urteil etwa hinsichtlich seiner Ausfälle gegen die „linke Melancholie“ in der bürgerlichen Literatur, über die „proletarische Mimikry linksradikaler Publizisten vom Schlage eines Kästner, Tucholsky oder Walter Mehring“. Der Autor kein Hardliner? „Kritikstil der KPD“ nennt Palmier diesen Jargon zu Recht.

„Passagen“ (1994): Detail des von Dani Karavan entworfenen Denkmals für Benjamin in Portbou.

Zudem entzaubert Palmier Benjamins Programm einer Politisierung der Kunst als „strategische Illusion“. Dass die Geschichte dem Strategen im Kulturkampf gnadenlos unrecht gab – unleugbar, der Triumph Hitlers jedoch kann kein Grund zur Häme, zum Benjamin-Bashing oder auch nur für Herablassung sein. Denn unbestritten, dass Benjamin, so Eiland/Jennings, sich mit der „kollektiven Anpassung an die inhumane Seite der zeitgenössischen Gesellschaftsordnung“ nicht arrangieren wollte – zumal er Hitler ante Portas wusste. Umso intensiver investierte er in Fragen der Gegenwehr, angefangen mit literarisch neuen Formen, etwa der Montage, überhaupt des Experiments, so fortschrittlich wie verzweifelt.

Aber auch vergeblich? Nicht doch, dieser Benjamin wurde beachtet, hofiert, was nicht heißt, dass er seine Autoren- als Nicht- Außenseiterexistenz lebte – und als allegorische Existenz zu leben verstand. Er war Ende der 20er Jahre eine Berühmtheit, als im Januar 1928 eine Größe nicht nur der Pariser „Rive Gauche“, sondern in Europa, André Gide, nach Berlin kam. Er gewährte allein Benjamin unter den deutschen Journalisten eine Audienz.

Walter Benjamin, der sein Image im bürgerlichen Kulturbetrieb zu behandeln wusste wie ein eingetragenes Warenzeichen, war ein Mensch offenkundiger Widersprüche. Einerseits ein Intellektueller, dessen „unvergleichliches Genie“ Bewunderung auslöste, gleichzeitig ein Bourgeois von „gelegentlich ordinärem Benehmen“, wie der Freund Gershom Scholem konsterniert notierte. Die gar nicht höflichen Seiten Benjamins wurden quälend in einem schauerlichen Scheidungsprozess vor Gericht ausgetragen .Die „Unergründlichkeit“ bleibt für die beiden Biografen der Inbegriff der Benjamin-Existenz, einer Technik der Existenzsicherung – das Unfassbare hat Walter Benjamin mit einer umso größeren Aura umgeben. Dabei lebte er ein Leben auch unter Depressionen und Nervenzusammenbrüchen. Nicht nur einmal erwog er den Suizid; auch in ihm sah er eine Allegorie, müsse doch „die Moderne im Zeichen des Selbstmords stehen, der das Siegel unter ein heroisches Wollen setzt“.

Benjamins intellektuelle Existenz vollzog sich unter dem Eindruck seiner Abhandlung „Ursprung des deutschen Trauerspiels“. In ihr machte er die barocke Allegorie als Ausdruck einer permanenten Krisenerfahrung aus. Die Allegorie des Barocks wirkte auf ihn als Ausdruck eines antithetischen Lebensgefühls, einer prekären menschlichen Geistesverfassung, einer durch Widersprüche geprägten Anspannung. Mit Ernst Bloch war er sich einig, dass es „kein anderes Dasein als das des Bruchs, der Verwerfung“ gibt, aber was heißt einig? Hatte Bloch nicht (auch) diesen Gedanken Benjamin entwendet und damit die Freundschaft ein weiteres Mal belastet?

Benjamin im Exil: eine sich steigernde Krisenerfahrung, in häufig desolater Stimmung. Er lebte von dem Stipendium, das ihm das Frankfurter Institut für Sozialforschung überwies. Dennoch die tückische Angst vor totaler Verarmung. Oder spielte „Flatterhaftigkeit“ hinein, aus Sorge, seine Mittel für Spieltisch und Frauen einzubüßen? Der Emigrant erlebte tagtäglich die „französische Fremdenfeindlichkeit“, war konfrontiert mit dem Antisemitismus, nicht zuletzt litt er, trotz der Pariser Emigrantenszene, darunter Kracauer und Bloch, unter Isolation. Ein Exil in Moskau wurde verworfen, denn eine Bleibe bot ihm die sagenhafte Nationalbibliothek in Paris, von der aus er sein Passagenprojekt vorantreiben, seine Baudelairestudien abschließen konnte.

1939, im Anschluss an den Überfall der Wehrmacht auf Polen, behandelten die französischen Behörden den deutschen Flüchtling als Feind. Mehr als eine Decke war nicht bewilligt, als er anstand, um sich als Walter Benjamin registrieren zu lassen, um unter entsetzlichen Umständen in verschiedenen Internierungslagern ums schiere Überleben zu kämpfen.

Die chronologische Biografie, die ihren „Fokus auf die tagtägliche Realität“ legt, bietet gleichzeitig ein altbewährt aufgespanntes Panorama, angefangen mit den „jugendbewegten Schreibweisen“, um den „magischen Funken zwischen Wort und bewegender Tat überspringen zu lassen“, bis zu den späten geschichtsphilosophischen Thesen. Einem, seinem Thesenanschlag, um die Opfer einer Siegergeschichte zu erlösen.

Sein Werk war der epochale Versuch, Extreme zu denken. Dazu gehörte exquisit sein messianisch aufgeladener utopischer Marxismus, auferstanden aus dem, was Hannah Arendt „die merkwürdige Koinzidenz seiner altertümlichen Triebe mit den Gegebenheiten der Zeit“ nannte. Das metaphysische Erbe des jungen Benjamin war im Marxismus des späten Benjamin keine kalte Ablagerung. Sie war keine erstarrte Schlacke, vielmehr der Glutkern seines Messianismus, den er historisch-materialistisch zu erden beabsichtigte.

Auf über 1000 Seiten entwickeln Eiland/Jennings aus den zahllosen Brüchen das Lebenswerk einer gewaltigen intellektuellen Anstrengung in seiner beklemmenden Totalität. Auch eine letzte Strapaze blieb dem Verfolgten nicht erspart – der Herzkranke muss einen Gewaltmarsch durch die Berge auf sich nehmen, um, ausgestattet mit einem Durchreisevisum für Spanien, doch ohne Ausreisevisum aus Frankreich zurückgewiesen zu werden. Es ist, so Palmier, ein „letzter Auftritt des bucklichten Männleins“. Um nicht in die Hände der Gestapo übergeben zu werden, legt Walter Benjamin am 26. September 1940 Hand an sich. Am Tag nach dem Scheitern an der Grenze, auch an dieser Grenze, wird der Schlagbaum von Port Bou geöffnet, für den Flüchtling wäre der Weg frei gewesen – wie zum Glück für andere in diesen Wochen, darunter Hannah Arendt, die für Walter Benjamin eine Grabstelle anmietet.

Ein trostreicher Gedanke stammt von ihr in ihrem Buch „Menschen in finsteren Zeiten“. Angelehnt an Walter Benjamins Sinnbilder, Denkbilder vom Scherbenhaufen oder Trümmerhaufen schreibt sie: „Was dies Denken leitet, ist die Überzeugung, dass zwar das Lebendige dem Ruin der Zeit verfällt, dass aber der Verwesungsprozess gleichzeitig ein Kristallisationsprozess ist“.

Das abstrakte Denkmal für Walter Benjamin, welches der israelische Künstler Dani Karavan 1994 in Port Bou schuf, wurde als Sinnbild einer monumentalen Passage verstanden. Lässt sich als eine Kristallisation des Eingedenkens lesen. Wurde zur Allegorie verzweifelter Vergegenwärtigung.

Von Christian Thomas

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