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"Aufgewacht, mich stark gefühlt. Probiere sie nicht aus, deine Stärke. Besser, du genießt sie so." Martin Walser am Sonntag im Stuttgarter Literaturhaus.

Martin Walser

Wer den Walserweg geht

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Kein Schriftsteller gibt sich mit dem Wünschen zufrieden. Zu Martin Walsers neu erscheinendem Notizband "Spätdienst".

Martin Walser, der im März 91 Jahre alt wurde, hat vor zwei Wochen einen der schönsten Essays der deutschen Literatur veröffentlicht. Es ging darin um die Schönheit von Angela Merkel, um die Schönheit, die darin liegt, jemandem beim Denken zusehen zu können. Schönheit ist ein großes Thema bei Martin Walser. Auch in seinem neuesten Buch. Es trägt den Titel „Spätdienst“.

Der sehr – schon wieder – schön gestaltete Band ist geschmückt mit Arabesken von Martin Walsers schreibender und malender Tochter Alissa, die mit Sascha Anderson verheiratet ist. Alles Nichtigkeiten? Nein. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es bei Martin Walser keine Nichtigkeiten gibt. Er ist nicht nur der Chronist der Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschland. Er ist deren Ausdruck.

Viele mögen sich nicht in ihm wieder erkennen. Sie meiden diesen Spiegel. Desto länger wird es dauern, bis sie begreifen wer sie sind, woher sie kommen.

„Spätdienst“ ist eines jener Bücher wie sie Walser immer wieder vorgelegt hat: Notizen, Einfälle, Beobachtungen. Früher nannte er sie „Meßmers Gedanken“, „Meßmers Reisen“, „Meßmers Momente“. Das „Ich“ von dem in „Spätdienst“ so viel die Rede ist, ist immer Martin Walser. Aber nicht immer der Martin Walser, an den wir denken, wenn wir Martin Walser sagen.

Sätze sind dazu da, keine Taten zu sein. In ihnen probiert der Autor sich aus. Da kommt schnell eines zum andern. „Man muss sich etwas vormachen. Ohne sich etwas vorzumachen, kann kein Mensch leben. In dem, was wir uns vormachen, unterscheiden wir uns voneinander. In nichts unterscheiden wir uns so wie in dem, was wir uns vormachen.“ Das ist eine kleine, schnell auf ihr Ende zutreibende Suada. Die Sprache treibt das Gedachte immer weiter. Wer den letzten Satz nimmt und überprüft, wird ihm nicht zustimmen.

Aber er versteht ihn, weil er ihn erfahren hat als Ergebnis einer Bewegung, einer lustvoll erfahrenen Steigerung. Es hat etwas Onanistisches. Das sei zum Lobe dieses Verfahrens gesagt.

Aber hier spricht ja ein Autor. Also einer, dessen Kunst darin besteht, uns etwas vorzumachen. Damit das funktioniert, muss er sich selbst etwas vormachen. Walser gehört zu denen, die nicht anders schreiben können. Oder besser: Walser zeigt uns, dass Schreiben immer ein Sich-etwas-Vormachen ist. Der Autor ist ein Vorturner. Er zeigt uns, wie ein Felgumschwung funktioniert und dass wir ihn können, wenn wir trainieren und unseren Bauch abtragen.

Das ist der Walserweg. Wir sind ihn gegangen, ob wir es wissen oder nicht. Der Walserweg führt vom Leben ins Nachdenken über es zur Kunst, von dort zurück und er hält sich nicht an die festgelegten Stationen. Er büchst aus. Der große Walserweg ist ein Geflecht von Fährten, Spuren, von Durchbrüchen und breiten Straßen, die Martin Walser gelegt hat, seit 1955 sein erster Erzählungsband erschien.

„Spätdienst“ stellt alte und neuere Texte zusammen. Er spielt mit den Zahmen Xenien und fällt damit über Hellmuth Karasek, Volker Hage etc. her. Zu Fritz J. Raddatz schreibt er: „Immer scharf, Raddatz, / keine Zeile lässt er gelten / und ist ein Gunstgewerbler von Rang. / Wenn ihm zum Beweis die Wörter fehlen, / ersetzt er sie durch stuhlischen Drang“. Wohl eher nichts aus dem ewigen Vorrat deutscher Poesie. Aber das Ungenierte gehört zum Walserweg. Spätestens an dieser Stelle merken wir, dass wir ihn inzwischen alle gegangen sind.

Ich liebe Betrachtungen wie diese: „Stark aufgewacht. Aufgewacht, mich stark gefühlt. Probiere sie nicht aus, deine Stärke. Besser, du genießt sie so. Ausprobiert, könnte sie kleiner sein, als sie sich anfühlt.“ Ich mag, wie die „Morgenstange“ zum Anlass genommen wird, darüber nachzudenken, es bei der Phantasie zu belassen, das Erdachte nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Aber am meisten liebe ich daran, dass der Autor sich nicht daran gehalten hat. Er hat sich hingesetzt und geschrieben, hat seine Phantasie vom Text umgesetzt in einen Text.

Es ist ein Triumph gegenüber dem bloßen Wünschen, so schwach der Text auch ausfallen mag gegenüber der Schönheit dessen, den der Autor wollte.

Der Walserweg ist, sich nicht mit dem Gedanken, nicht mit dem Traum von einer Sache zufrieden zu geben, sondern sich hinzusetzen und ihn wenigstens aufzuschreiben, ihn zu formulieren. Ein Satz setzt sich zusammen aus all den anderen Wörtern und Sätzen, die man abgelehnt hat. Jeder Autor ist ein Killer. Leichen pflastern seinen Weg. Wer den Walserweg geht, weiß das. Martin Walser hat sie seinen Lesern immer wieder gezeigt, die verstoßenen Sätze, die zu lieben er freilich nie aufgehört hat.

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