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Walerjan Pidmohylnyj „Die Stadt“: Kein Halt, nirgends

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Von: Christian Thomas

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Enthüllung eines Denkmals für den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko in Kiew, circa 1920.
Enthüllung eines Denkmals für den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko in Kiew, circa 1920. © imago/United Archives Internatio

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (4): Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“

Das neue Leben fängt damit an, dass es sich aufgeräumt zeigen soll, praktisch wie ein ordentliches Zimmer. Doch dass sein Leben alles andere als wohlgeordnet ist, so wenig wie der Schuppen, in dem er haust, geht Stepan Radtschenko rasch auf. „Seit er den fremden städtischen Boden betreten hatte“, ist das neue Leben eine irre Herausforderung, eine auch irre machende. Schon klar für Stepan, dass das Bemühen, sich im Wohlgeordneten einrichten zu wollen, ein kleinbürgerlicher Wunsch ist. Revolutionär folglich Genosse Radtschenkos Verachtung.

Darf man an Dialektik denken? Auf jeden Fall ist es so, dass es bei dem angestrebten neuen Leben um gleich mehrere geht, objektiv um die „Neue Ökonomische Politik“ in der Sowjetunion, Mitte der 1920er Jahre. Auf die Fahnen geschrieben auch ein neues gesellschaftliches Leben in der Volksrepublik Ukraine, darunter die „Ukrainisierung“, wozu maßgeblich ein neuer Geistesarbeiter beitragen soll, ein Kulturarbeiter – nicht zuletzt ein neuer Schriftstellertypus. Das bereits sind mehrere neue Leben in Stepans so ungestümem wie widersprüchlichem Heldenleben, einem aufgewühlten Seelenleben, einem solchen Liebesleben auch.

Mindestens sieben Leben also, mit denen es der Protagonist in Walerjan Pidmohylnyjs Roman „Die Stadt“ zu tun bekommt. Geprägt durch den Bürgerkrieg, erfahren als Genosse und Funktionär, legt er es darauf an, „im Handstreich zu siegen“. Das bekommt Nadijka, soeben noch „sein geliebtes Geschöpf“, doch urplötzlich verhasst, auf fürchterliche Weise zu spüren – durch eine Vergewaltigung. Stepans psychische Konstitution, so begreift man rasch, ist eine stark verwüstete Verfassung, beeinflusst durch die Zeit des Hasses im Namen der Revolution, auf die sich Stepan gelegentlich beruft, so dass der Satz, den er zu seinem Credo macht, kaum verwundert: „Die Stadt brauchte man nicht zu hassen, nein, man musste sie erobern.“

Darüber herrscht schon nach wenigen Seiten Klarheit. Allerdings irgendwann auch darüber, dass er „nämlich nicht zu denen (gehörte), die systematisch nach etwas strebten, sich Schritt für Schritt einem gesetzten Ziel annäherten“. Ein unmethodischer Eroberer, ein sprunghafter, wobei ihm der Gedanke, „die Welt aus den Angeln (zu) heben“, Gedanken verschafft, die mit Großmachtphantasien ausgefüllt sind. Doch kaum stürzt sich Stepan ins urbane Leben, schauen wir einem schwankenden Rohr im Großstadtdschungel zu.

Stepan Radtschenko, als Waisenkind in einem Dorf aufgewachsen, nähert sich über den Dnjepr der namenlos bleibenden Stadt, nicht der Hauptstadt zur damaligen Zeit, denn das war Charkiw, aber unverkennbar der Weltstadt Kiew, einem vibrierenden Resonanzboden des urbanen Quickstep. In Kaschemmen und auf privaten Partys wird Foxtrott getanzt, auch in Kiew sind es die Roaring Twenties, im Roman in unzähligen Blitzlichtaufnahmen erhellt. Wie eine „empfindliche Fotoplatte“ nimmt Stepan die erotisch aufgeladenen Widersprüche des Städtischen wahr: hier Hure, dort Heilige. Als solche Allegorie seit alters her ist es eine vom Großstadtroman des frühen 20. Jahrhunderts aufgegriffene Ambivalenz. Den Roman den Werken eines Joyce, Döblin oder Dos Passos an die Seite zu stellen, mag kurzfristig verheißungsvoll sein – aber ist es auch mittelfristig noch plausibel?

Die Ukraine-Bibliothek

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Walerjan Pidmohylnyj. Die Stadt. Roman. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald u. Lina Zalitok. Guggolz Verlag, Berlin 2022. 416 Seiten, 26 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ und Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

Das fünfte Buch wird „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ von Oleksij Tschupa sein.

Unbestritten ist „Die Stadt“ der Roman einer vibrierenden Übergangszeit. Angesprochen wird es durch die Bemerkung eines Schriftstellers, der nach einer eher lärmenden als erkenntnisreichen Autorenversammlung „tröstliche Abschiedsworte“ findet, „und dass es keine tödliche Bedrohung gäbe“. Warum dieser Trost für die Stadt Kiew? Der Terror des Bürgerkriegs lag zur Zeit der Romanhandlung nur wenige Jahre zurück, der Totalitarismus Stalins wird nur wenige Jahre später über die Ukraine hereinbrechen.

Das vielfach neue Leben ging binnen nur weniger Jahre zugrunde, mit ihr auch die im Roman immer wieder angesprochene „Politik der Ukrainisierung“, die den „Zusammenschluss von Stadt und Land befestigen“ sollte. Über diese Kampagne hinaus handelte es sich um eine Bildungsoffensive, an der sich Stepan vorübergehend als Lehrer beteiligt, ging es doch um das unterdrückte Ukrainische als Schulpflichtfach. Mag es auch ironisch anmuten, wenn der Sprachlektor zum „Ritter der Ukrainisierung Ersten Grades geschlagen“ wird: ernst war es bei der Berufung auf die Ukraine mit einer identitätspolitischen Offensive.

Auch dem 1901 in einem Dorf der Ukraine geborenen Walerjan Pidmohylnyj. „Die Stadt“, sein einziger Roman, zugleich sein Hauptwerk, war ursprünglich als Drehbuch geplant, als Filmkomödie – und komödiantische Elemente beleben auch den Roman, dessen Sprachgewalt evident ist, dessen Sprachfuror tollkühne Bilder und Vergleiche freisetzt, verwegene, allerdings auch verquere.

Das A und O des Kiew-Romans Walerjan Pidmohylnyjs ist ein Schriftstellerroman, in dem es ein Autor wahrhaftig nicht leicht hat, zumal in einem wenig vorteilhaft dargestellten Literaturbetrieb. Zu offensichtlich die Eitelkeiten bloß quasselnder Begabungen. Bombastisch die Auslassungen eines befreundeten Dichters über die Hierarchie der Künste, wobei in der von dem kaum camouflierten Kollegen behaupteten Rangordnung das Theater und das Kino noch schlechter abschneiden als die Literatur, ausgerechnet, wurde doch im Kino und auf dem Theater der 1920er Jahre ein sozialpolitischer Auftrag mit den Ansprüchen einer ästhetischen Avantgarde verfolgt.

Der Stalinismus brachte in den 1930er Jahren auch Walerjan Pidmohylnyi zum Schweigen, zunächst durch ein Publikationsverbot, später durch Folter, Lagerhaft, schließlich durch die Ermordung im Gulag (heute noch als Hinrichtung verbrämt). Auch das Opfer Pidmohylnyj wurde zu einem Objekt der „Rehabilitierung“, 1956. Verlogen wie diese war, dauerte es weitere 35 Jahre, bis Werke von ihm wieder gedruckt wurden, 1991, in der postsowjetischen Ukraine. Wenn „Die Stadt“ seit kurzem auf Deutsch vorliegt, so geht die Übersetzung zurück auf eine kollektive Anstrengung am Ukraine-Seminar der Berliner Humboldt-Universität und eine verlegerische Großtat des Berliner Guggolz-Verlages.

Das Gewühl der Automobile, das Dröhnen der Trambahnen, das Geheul der Busse, das Gewoge der Menschenleiber. Hin und her gerissen gewährt das Städtische keinen Halt, nirgends, nicht unter den Bürgern, nicht in der Bohème, nicht durch die vier Geliebten. Denn nicht nur in der Stadt verirrt sich ein moderner Narziss, auch in seinem Narzissmus verliert er sich. Zahlreiche verstörende Szenen, eine erschütternde, als Stepan in eine „Kinderschar“ gerät und ihm dabei ein Ball „zufällig vor die Füße kullerte“. Ihn sich schnappend, wirft er ihn so hoch in die Luft, dass er für einen Augenblick vom Himmel nicht mehr zurückzukommen scheint – doch nur für einen Moment: „Aber der Ball kam wie eine Bombe heruntergerast, was eine Explosion närrischer Freude unter den Kindern hervorrief.“

Wer sich in „Die Stadt“ aufmacht, erreicht die Stelle auf Seite 83.

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