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Der Wald hat Ohren

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Hieronymus Bosch wird von seinen Schreckensgestalten heimgesucht.
Hieronymus Bosch wird von seinen Schreckensgestalten heimgesucht. © Marcel Ruijters/avant-verlag

Der Niederländer Marcel Ruijters widmet Hieronymus Bosch eine gezeichnete Biografie.

Von Sonja Stöhr

Die blinden Spieler sind bereit, das Publikum tobt und ein armes Schwein rennt in der bretterverschlagenen Arena um sein Leben. Unter den Zuschauern: Jeroen van Aken und seine Brüder, die belustigt das etwas andere Volksvergnügen „Schweinchen ticken“ beobachten und darauf warten, dass sich die Blinden im Kampf um den Braten gegenseitig k.o. schlagen – und dabei schon einmal einen Mönch am Kopf treffen, der eben noch mit einer Nonne um den Sieger des Spektakels gewettet hat.

Mit dieser ungewöhnlichen und für heutige Verhältnisse absurd erscheinenden Szene eröffnet Marcel Ruijters Comicbiografie zu einem der bekanntesten niederländischen Renaissancemaler – Jeroen van Aken, besser bekannt unter seinem Pseudonym Hieronymus Bosch. In der 160 Seiten umfassenden und vom BKBV Kunstfonds der Niederlande sowie der Jheronimus-Bosch-500-Stiftung in Auftrag gegebenen Graphic Novel widmet sich Ruijters dem Leben seines Landsmannes.

Ein Anhang mit Stammbaum und Anmerkungen rundet die fiktionale Biografie ab, die den Zeitraum von 1482 bis 1516 umfasst. Das 2015 zuerst in den Niederlanden erschienene Werk ist ein Beitrag zum diesjährigen Bosch-Jahr, der Künstler starb 1516. Begangen wird es unter anderem mit einer Ausstellung in van Akens Geburtsstadt ‘s-Hertogenbosch und einer ausführlichen Schau in Madrid.

Ruijters, der seit Jahren von mittelalterlicher Kunst fasziniert und inspiriert ist, konzentriert sich hierbei nicht so sehr auf Boschs Arbeiten, sondern auf das Umfeld, in dem sie entstanden sind. Dies mag je nach Erwartungshorizont des Lesers als Stärke oder Schwäche des Comics ausgelegt werden, faszinieren doch die bosch’schen Werke bis heute und entziehen sich einer eindeutigen Interpretation. Dennoch dienen die Entstehungszeiten und Motive Ruijters als Orientierungspunkte, um die Geschichte van Akens erzählen zu können. Auch mögliche Inspirationsquellen – Hinrichtungen, Fischköpfe, exotische Tiere – werden beleuchtet, Erklärungen für Boschs Bilder jedoch weitestgehend vermieden.

Nach dem eingangs erwähnten „Schweinchen ticken“ geht es in das Atelier der Familie van Aken. 1482 leitet Jeroens älterer Bruder Goessen die vom Vater geerbte Künstlerwerkstatt und darf sich „Meistermaler“ nennen. Für die van Akens ist es eine schwierige Zeit, da kurz nach dem Tod des Vaters einer der wichtigsten Auftraggeber, der Dominikanerorden, unzufrieden mit der Ausführung der vergebenen Aufträge ist. Mit dem Satz „Und warum trägt Euer Christus solch weibliche Züge?“, verabschieden sich die Mönche lautstark aus dem Haus und machen dem Spitznamen der „domini canes“, der Hunde Gottes, alle Ehre, auch wenn die Familie für diese scheinbare Gotteslästerung noch kein Opfer der Inquisition wird.

Das gemeinsame Arbeiten und Scheitern im Atelier porträtiert Ruijters genauso wie das frühneuzeitliche Leben in einer Stadt, die aufgrund der vielen hier ansässigen Kleriker „Klein-Rom“ genannt wurde. ‘s-Hertogenbosch und Umgebung entsprechen teilweise dem Klischee vom dunklen, düsteren Spätmittelalter, lauert das Elend doch an jeder Ecke, in jeder Gasse, hinter der nächsten Biegung. Hinrichtungen von Mensch und Tier, Schlägereien, Diebstähle und Krankheit sind allgegenwärtig, der Tod ein ständiger Begleiter. Angesichts der alltäglichen Brutalität stumpfen die Menschen langsam ab.

„Seltsam, ich habe gesehen, dass deine Gemälde den Menschen mehr Angst einjagen als dieses Blutbad“, äußert einmal Bruder Gerardus, ein Mönch und Freund Jeroens, während die Menge der Bestrafung zweier Diebe (Hände ab, Füße ab, Tod am Galgen) johlend zuschaut. Die Hölle kann nicht schlimmer sein, oder doch?

„Ich male, was ich hier sehe, als sei die Erde die Hölle einer besseren Welt“, antwortet der Künstler auf die Frage eines Passanten bei einer ähnlich umjubelten Hinrichtung. In der Hölle jedoch gibt es keine Maler, dafür seien sie zu tugendhaft und überhaupt, „die Darstellung von Sünden ist selbst keine Sünde“ bekräftigt Baumeister Allart Duhameel, mit dem wohl auch der echte Hieronymus befreundet war.

Er lacht dem Tod ins Gesicht

Am Ende seines Lebens lacht Hieronymus noch dem Tod ins Gesicht, und fragt ihn unverblümt nach dem Namen, den der Sensenmann auf seiner Liste hat, will er doch wissen, „wie weit sich mein Ruhm verbreitet hat“.

Dies alles bebildert Ruijters durchaus ähnlich farbenfroh wie Bosch seine Gemälde, setzt bei der Farbwahl allerdings auf eine kräftigere, expressionistisch anmutende Palette. Den Meister und seinen Stil kopiert er hingegen nicht, ist weniger neuzeitlich filigran, als vielmehr modern und derb, dominieren doch die Outlines Ruijters Zeichnungen. Während die einfachen Leute ehrfürchtig die Darstellungen van Ackens als Warnung vor Sünden betrachten, amüsiert sich der Adel über den sexuell aufgeladenen Sündenpfuhl des Paradieses.

Die Ambivalenz und Kontraste der Zeit werden durch Ruijters wieder lebendig – und vielleicht ist die fiktionale Biografie gar nicht so weit vom realen Leben Boschs entfernt wie gedacht.

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