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Die Wahrheit über die Reichenbachfälle

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Das Handgemenge zwischen Moriarty und Holmes vor den Reichenbachfällen, nachgestellt im Jahre 2005.
Das Handgemenge zwischen Moriarty und Holmes vor den Reichenbachfällen, nachgestellt im Jahre 2005. © REUTERS

Anthony Horowitz’ „Der Fall Moriarty“ ist ebenso für Sherlock-Holmes-Fans geeignet wie für Neueinsteiger. Das Vorgängerbuch des Briten war immerhin das erste überhaupt, das selbst von der strengen „Sherlock Holmes Literary Estate“ als legitimes Nachfolgewerk des Originals von Arthur Conan Doyle anerkannt wurde.

Von Christoph Schröder

Was der englische Schriftsteller Anthony Horowitz seit einigen Jahren macht, ist eine wahnwitzige Aktion. Die Geschichten um Sir Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv Sherlock Holmes und dessen treuen Gefährten Dr. Watson weiterschreiben? Das kann nur schief gehen. Denn wie jede Kultfigur hat auch Holmes eine gigantische Gemeinde, in der es jeder im Zweifel besser weiß als der Autor selbst. Recht machen kann man es da so gut wie niemandem.

Und dann erschien vor rund drei Jahren der Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“, immerhin der erste Sherlock-Holmes-Roman, der nicht von Sir Arthur Conan Doyle stammte und der von der strengen „Sherlock Holmes Literary Estate“ als legitimes Nachfolgewerk anerkannt wurde.

Die Geschichte um eine Geheimgesellschaft in den höchsten Londoner Kreisen ist zwar möglicherweise eine Spur drastischer und spektakulärer angelegt als die Originalfälle, aber es ist deutlich zu merken, dass Horowitz sich intensiv in den Holmes-Kanon eingelesen hat, dass er ein Gespür hat für die Atmosphäre und für die Gestimmtheit des viktorianischen Zeitalters, dass er den Figurenkosmos genau kennt und auch etwas damit anfangen kann. Und vor allem: Dass er große Freude hat an dem, was er tut. Horowitz schreibt klar, ohne Firlefanz, ohne Attitüde, mit dem Ziel von Spannung und Unterhaltsamkeit.

Er löst die Fälle für uns alle

Sherlock Holmes ist eine Sehnsuchts- und eine Trösterfigur. Er löst die Fälle stellvertretend für uns alle. Und nun ist er tot. Exakt an diesem Punkt setzt „Der Fall Moriarty“ ein. Der Erzähler heißt Frederick Chase und ist Detektiv bei der legendären amerikanischen Agentur Pinkerton.

Chase ist nach London gekommen, um einen gefährlichen Mann zu verfolgen, rekapituliert aber zunächst einmal, damit alle Leser auf dem gleichen Stand sind, die Ereignisse an den Schweizer Reichenbachfällen, in denen Sherlock Holmes ja angeblich seinen Tod gefunden haben soll: Die Flucht von Holmes und Watson aus Europa vor den Schergen des genialen Professor Moriarty, schließlich Holmes’ angeblicher Tod, den sein Erfinder Conan Doyle Jahre später nach erheblichen Protesten schriftstellerisch revidierte, in dem er den Detektiv in der Erzählung „Das leere Haus“ zurückkehren ließ.

Die eigentliche Handlung spielt wenige Wochen nach dem Verschwinden des Detektivs. Chase reist nach London auf den Spuren von Clarence Devereux, eines berüchtigten amerikanischen Gangsters.

Dieser wiederum soll sich, so Chases’ Vermutung, mit Professor Moriarty, dessen Leiche mittlerweile aufgefunden wurde, verabredet haben, um in Zukunft ein international operierendes Netzwerk von Verbrechern zu installieren. Ein undurchsichtiger Mann, möglicherweise das Bindeglied zwischen Moriarty und Devereux, wurde bereits auf die denkbar grausamste Weise hingerichtet, und auch ein Kollege von der Pinkerton-Detektei musste bereits daran glauben.

Chase, ein eher zupackender und pragmatischer Typ, tut sich mit Athelney Jones von Scotland Yard (auch er ein alter Bekannter), einem brillanten Kopf, der die Holmes’schen Methoden beherrscht, zusammen, um das Schlimmste zu verhindern. Denn nach wie vor besteht sogar die Möglichkeit, dass Moriarty am Leben sein könnte. Und auch das Aussehen von Clarence Devereux ist bislang ein Geheimnis...

Selbstverständlich wird hier nicht verraten, wie die Geschichte sich entspinnt und erst Recht nicht, wie sie ausgeht. Das wäre ein Frevel. Nur so viel: Am Ende steht eine so knallige wie überraschende Auflösung, die das gesamte Geschehen auf den 320 Seiten zuvor in neuem Licht erscheinen lässt. Holmes-Fans werden ihre Freude an den vielen Anspielungen haben. Für Neueinsteiger ist „Der Fall Moriarty“ einfach ein ziemlich guter Krimi.

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