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Die Wahrheit ist auf dem Platz

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Von: Christian Thomas

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Serhij Zhadan aus der Ukraine, der Deutsche Albert Ostermaier und Zbigniew Masternak aus Polen - drei aus der Autoren-Nationalmannschaft.
Serhij Zhadan aus der Ukraine, der Deutsche Albert Ostermaier und Zbigniew Masternak aus Polen - drei aus der Autoren-Nationalmannschaft. © Bongarts/Getty Images

Fußball ist Transzendenz oder, vielleicht eine Idee anders gesagt, Fußball ist Liebe. So sprach der Autor Serhij Zhadan am Donnerstagabend im Ballhaus Ost, in der Pappelallee zu Berlin.

Denn Fußball lässt Grenzen überschreiten, da möchte sich dann der spielende Mensch selbst vergessen. Zhadan, 1974 in der Ukraine geboren, ist als Verfasser durchtriebener Geschichten auch im Westen (Suhrkamp!) bekannt geworden. Zhadan ist ein Vorleser, der nicht aus dem Buch vorträgt, sondern vom Tablet abliest. Nicht zu vergessen, Zhadan ist ein Performer, der keinen Muskel rührt und keine Miene verzieht. Er tut es auch dann nicht, wenn er von seiner Heimat spricht. Man darf Zhadan so verstehen, dass es drakonische Bedingungen sind, die die Regierung Janukowitsch über das Land verhängt. Man verstünde Zhadan jedoch falsch, wenn er die aktuellen Reaktionen in der Bundesrepublik (Stichwort EM-Boykott der Ukraine) nicht als Doppelmoral bezeichnete.

„Im Osten geht die Sonne auf“, so lautete der erwiesenermaßen poetische Titel einer Veranstaltung, die, initiiert von der Kulturstiftung des Deutschen Fußballbunds, das Vorspiel war zu „Freundschaftsspielen zwischen den Autoren-Nationalmannschaften aus Polen, Ukraine und Deutschland“. Es begann mit der Rezitation eines Gedichts, das der Hesse Ror Wolf vor Jahren über die „Regenschlacht von Frankfurt“, 1974, Deutschland gegen Polen, verfasste. Und es endete nach exakt 90 Minuten mit einer spritzigen Satire Moritz Rinkes auf Angela Merkel, die offenbar Bastian Schweinsteiger begehrt.

Fußball-Autoren lesen das Spiel gerne ironisch

Fußball-Autoren, dieser Abend machte es erneut deutlich, lesen das Fußballspiel sehr gerne ironisch. Ernst, aber wie denn auch anders, wurde es, als das Gespräch auf die Ukraine kam, auf einen Boykott der EM. Schwer verletzt saß der Rekord-Torjäger der Autoren-Nationalmannschaft, Moritz Rinke, während sich ein Team von sechs Kollegen auf zwei Sofas lang machte, mit steifem Knie und gestrecktem Bein am Tisch. Rinke griff die EU-Kommission an, schalt den „Gratis-Mut“ und die „Doppelmoral“ deutscher Politiker. Sein Satz „Kiew sabotieren, aber Moskau finanzieren“ war eine sehr meinungsfreudige Formulierung.

Christoph Nussbaumeder, vorgestellt als Stratege im Mittelfeld, machte keinen Hehl aus seiner Meinung, dass er sich von einer „Meinungsdiktatur“ belästigt fühle, die ihm ständig Meinungen abverlange, auch zur Lage in der Ukraine. War es da ein unausgesprochener, wenn auch lyrischer Einspruch, als Albert Ostermaier, später, eine Ode auf den in Auschwitz ermordeten, jüdischen Fußballer Julius Hirsch las?

Rinke sprach von Menschenrechten, und nachdem er gesagt hatte, da gebe es keine Kompromisse, nachdem Rinke aber zugleich darauf hingewiesen hatte, dass der Westen sich sehr vergesslich zur Vergangenheit der Julia Timoschenko verhalte, war es anschließend der Pole Artur Szlosarek, der sich befremdet zeigte, wie sehr der Westen eben diese ehemalige Herrscherin und nun drangsalierte Oppositionelle als Märtyrerin verkläre. Hat, fragt man sich, der Westen ein falsches Bild von Julia Timoschenko? Gibt es überhaupt eine ukrainische Opposition? Ja, meinte Yevhen Polozhiy: Wladimir Klitschko, den Parteivorsitzenden der „Udar“. Udar bedeute „Schlag“ und wer, machte er ein listiges Gesicht, wolle wohl einen Klitschko ins Gefängnis werfen können?

Fußball-Lesungen haben eigene Gesetze

Fußballlesungen haben ihre eigenen Gesetze. Es trug Jan Böttcher die größte Fußballhymne aller Zeiten vor, aber wer sich auch nur einmal in seinem Leben live, gemeinsam mit Tausenden Liverpoolfans erhoben hat, der weiß, dass man über die Beatles hässliche Witze machen kann, dass man jedoch die Hymne aller Hymnen, nämlich „You’ll never walk alone“, nicht ironisch unterlaufen kann.

Dagegen sehr ernsthaft hieß es gleich zweimal an diesem Abend: „Die Wahrheit ist auf dem Platz“. Und so sind denn die drei Autorennationalteams aufgebrochen fürs Kräftemessen auf heimischen und fremden Plätzen. Vollständig lautet der Satz: „Grau is alle Theorie – die Wahrheit is auf’m Platz.“ Dass er von einem Dortmunder, dem BVB-Ass und deutschen Meister von 1956 und 1957, Alfred („Adi“) Preißler stammt, ist ein wunderbares Omen für das Pokalendspiel des BVB, heute, in Berlin.

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