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Boualem Sansal - Rue Darwin

Was ist die Wahrheit?

Boualem Sansal, eine der großen und wichtigen Stimmen des Maghreb und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011, erzählt in seinem Roman „Rue Darwin“ von seiner Kindheit.

Von Jörg Aufenanger

Er ist zur viel beachteten Stimme des Maghreb geworden, die sich zur Arabellion in den Ländern des Mittelmeers mit Wohlwollen, aber auch mit vermehrter Skepsis äußert. Kaum eine Diskussionsrunde in Deutschland oder Frankreich kommt mehr ohne Boualem Sansal aus, vor allem nachdem er 2011 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat. Doch seitdem Sansal die Buchmesse in Jerusalem besucht und sich mit dem israelischen Autor David Grossmann freundschaftlich ausgetauscht hat, begegnet ihm die arabische Welt mit Misstrauen – ja man wirft ihm Verrat an der gemeinsamen Sache vor.

Durch diese öffentliche Rolle des Autors als gutes oder schlechtes Gewissen wird Sansals literarisches Werk zunehmend verdeckt. Fünf Romane hat er in den letzten dreizehn Jahren veröffentlicht, von denen ihn vor allem „Der Schwur der Barbaren“, „Erzähl mir vom Paradies“ und „Das Dorf der Deutschen“ zum bedeutendsten Schriftsteller Algeriens gemacht haben. In diesen Romanen geht Boualem Sansal mit dem algerischen Staat, dem er lange als Beamter gedient hat, ins Gericht. Er greift die Unterdrückung und Bevormundung der Bürger an, kritisiert aber auch vehement den militanten Islamismus, der sein Land jahrelang terrorisiert hatte.

"Gelebte Globalisierung"

Sein neuer Roman „Rue Darwin“ ist sein persönlichstes Buch, eine Art Autobiografie; man zögert, das einen Roman zu nennen. Sansal begibt sich in die Straße seiner Kindheit in Algier. „Kehre zurück in die Rue Darwin“, ruft ihm eine Stimme zu, nachdem Sansals Alter Ego Yazid seine Mutter in den Tod begleitet hat. In Paris haben sich die Geschwister am Sterbebett versammelt. Nur Yazid ist aus Algier gekommen, die anderen leben in der Welt verstreut – „meine Familie ist die gelebte Globalisierung“. Sie haben Algerien in den Jahren des islamischen Terrors verlassen, haben Karriere im Ausland gemacht. Nur Hedi, der Benjamin der Familie, fehlt; er ist bei den Taliban untergetaucht. Wie Yazid hat sich auch Sansal bislang jeder Versuchung auszuwandern widersetzt. Die Totenwache wird ihm zum Anlass, sich Kindheit und Jugend vor Augen zu rufen.

Aufgewachsen ist Yazid in einem Dorf, das von Djeda beherrscht wird, die ein Imperium und sagenhaften Reichtum aufgehäuft und in dem Dorf ein riesiges Bordell errichtet hat. In ihm herrschen archaische Gesetze, die den Riten maghrebinischer Stämme entstammen. Dort ist auch Yazid geboren. War die Mutter etwa eine Hure? Er kennt seinen wirklichen Vater, seine wirkliche Mutter nicht. Und ist Djeda seine Großmutter? Gerüchte schwirren umher. Schließlich entführt ihn seine mögliche Mutter nach Algier. Er wächst mit den jüngeren Geschwistern in der Rue Darwin auf, arm, aber reich an Glück in diesem Kinderparadies.

„Die Wahrheit in Quarantäne“

Da bricht der Befreiungskrieg aus. Der Alptraum beginnt, denn nach der Unabhängigkeit von Frankreich folgt in Algerien Krieg auf Krieg – gegen das eigene Volk, ob von den Islamisten oder der Staatspartei FLN geführt, die „die Wahrheit in Quarantäne“ hält. „Doch was ist die Wahrheit?“ fragt Sansal im Vorwort zum Buch schon, und an dessen Ende weiß er zwar mehr, aber die Wahrheit sowohl über seine familiären Wurzeln als auch die über sein Heimatland war nur unter Schmerzen zu finden. „Sich selbst erzählen ist Selbstmord“, ist Sansals bitter lakonisches Resümee.

Trotz mancher stilistischer Schwächen und vielfacher Wiederholungen vermag Sansal über seine eigene Geschichte hinaus mit einer Verve, die aus dem unmittelbaren Erleben stammt, eindrucksvoll von den letzten fünf Jahrzehnten seines Landes zu erzählen, das sich vor genau fünfzig Jahren „befreit“ hat.

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