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Schriftsteller und Philosoph: Umberto Eco.

Umberto Eco

Ein wahres und ein schönes Buch

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Zum Nie-fertig-Werden: Umberto Ecos „Geschichte der legendären Länder und Städte“ ist ein Buch, das den Leser hinausführt in die Welt und in die Welten der Fantasie.

Umberto Eco wäre nicht Umberto Eco, begänne seine „Geschichte der legendären Länder und Städte“ nicht mit der Aufklärung einer Legende über eine Legende. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Vorstellung, das europäische Mittelalter habe überwiegend die Auffassung vertreten, die Erde sei eine Scheibe. Er zerpflückt das mit ein paar sachdienlichen Hinweisen, zum Beispiel darauf, dass im 7. Jahrhundert Isidor von Sevilla die Länge des Äquators berechnete. „Wer sich die Frage nach der Äquatorlänge stellt, hält die Erde offensichtlich für kugelförmig.“

Bei Dante sieht man, wenn man am Fuße des Läuterungsberges den Höllentrichter verlässt, andere Sterne. Auch das setzt voraus, dass die Erde die Gestalt einer Kugel hat. Das eigentliche Problem ist also nicht, wie man in der Neuzeit auf die Kugeltheorie kam, sondern wie die Neuzeit auf die Idee kam, sie erst wäre – nach dem finsteren Mittelalter – auf die Idee von der Kugelgestalt gekommen. Auch da klärt Umberto Eco auf. Er ist – wir wissen das – hochgelehrt und vergnüglich zugleich. Niemand ist das so wie er. Dieses erste Kapitel hat 26 Seiten. Zehn davon sind Anmerkungen, Belege. Das sind keine bibliographischen Angaben, sondern Stellen aus den Werken der zitierten Autoren. Der Text liefert dem Leser in aller Schärfe und Klarheit die Ansichten des Autors. Die Anmerkungen zitieren die Quellen.

So hat man neben dem heiter-klugen Basso Continuo des Gelehrten aus Bologna immer die Vielstimmigkeit der Überlieferung. Der Leser wird dem Autor nicht ausgeliefert, sondern der Autor führt ihn durch das Dickicht der Traditionen. Und der Leser wird an der einen oder anderen Stelle sich lösen vom Autor, sich an seinen Computer setzen und erst einmal den Sirenenklängen zum Beispiel eines Luigi Pulci (1432-1484) folgen.

Dazu kommen die Abbildungen. Das Buch ist ein verschwenderisch ausgestatteter Bildband. Eco macht sich selbst Konkurrenz. Der Leser verwandelt sich immer wieder in einen Betrachter. Kein Abschnitt, den man einfach nur liest. Die Abbildungen sind zu mächtig. Wer im Kapitel „Atlantis, Mu und Lemuria“ die Abbildung aus Jules Vernes „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ noch überblättert, wird doch auf der folgenden Doppelseite anhalten und das Bild „Der Untergang“ des englisch-US-amerikanischen Malers Thomas Cole (1801-1848) betrachten müssen.

Wenn er dann zurückblättert und entdeckt, dass es sich bei diesem in der Abbildung kolossal wirkenden Gemälde – es ist 100,33 x 161,29 Zentimeter groß – um ein Bild aus einem Zyklus handelt, der „The Course of Empire“ heißt, der wird Eco verlassen und sich zu Google begeben und mehr über diesen 1836 entstandenen fünfteiligen Zyklus erfahren wollen, der zur Sammlung der New York Historical Society gehört.

Er liest dort: „Die Bilder folgen einem klaren dramatischen Narrativ und schildern in leicht unterschiedlichen Landschaftsausschnitten – Wiedererkennungsmerkmal ist jeweils eine markante Klippe im Hintergrund – die Entwicklung einer Zivilisation von der Barbarei über ihre Blütezeit bis zur gewaltsamen Auflösung und dem damit einhergehenden Untergang und spielen auf die biologische Natur der Geschichte (also die Vergänglichkeit ihrer Epochen) an. Ausgestattet mit einer überbordenden allegorischen Symbolik zeigt der Zyklus, der – dem jeweiligen Stand der Sonne zu entnehmen – einen Tag durchläuft, die sich verändernde Beziehung des Menschen unter anderem zur Natur und zum Militär.“

Jetzt kennt der auf die Spur gesetzte Leser kein Halten mehr. Er liest sich fest in der im Wikipedia-Artikel zitierten Literatur. So liest er, dass das Gemälde im Original „The Consummation of Empire“ heißt. Ein Titel, den er gewissermaßen abschmeckt, denn dass der Untergang und der Konsum eines ist, weiß er natürlich, aber er vergisst es immer wieder. Eine Konsumgesellschaft ist eben auch eine, die sich verzehrt.

Erst jetzt kehrt er zurück zu Ecos Text. Wenn er so weiter macht, wird er nie fertig werden mit diesem Buch. Es führt einen zu Autoren, Orten und Künstlern, an die man niemals dachte. Oder aber zurück zu alten Lieben wie Gustave Doré, Bela Lugosi, zu Milton und den Assassinen. Umberto Eco, der ein großer Büchersammler ist, hat hier ein wenig aus einer seiner Sammlungen berichtet. Aus der Kollektion von Werken, die die Irrtümer der Menschheit dokumentieren. Er weiß natürlich, dass es kein Buch gibt, das nicht einen Platz in dieser Gemeinde verdient hätte.

„Die Geschichte der legendären Länder und Städte“ ist ein großes, ein wahres und ein schönes Buch. Ein schönes Buch ist es auch darum, weil es einen nicht einschließt, sondern hinausführt in die Welt und in die Welten der Fantasie.

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