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Jan Wagner, hier noch als Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2015.
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Jan Wagner, hier noch als Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2015.

Jan Wagner

Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis

Der Lyriker Jan Wagner wird mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird am 28. Oktober in Darmstadt verliehen.

Als Jan Wagner 2015 mit seinem Gedichtband „Regentonnenvariationen“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, fragte eine Wochenzeitung: „Ist seine Poesie wirklich so gut?“ Interessante Frage, natürlich, und eine – sicher nicht aus Versehen – verräterische, denn da schwang mit: So gut, dass sich in der betreffenden Saison kein besserer Roman finden ließe? Nicht mal ein besserer Erzählungsband?

Kurz gesagt: Die bis dahin nie ausgereizte Offenheit der Leipziger Auszeichnung gegenüber den vertrauten Genre-Grenzen machte schon aus der Nominierung der „Regentonnenvariationen“ eine Sensation (als wäre nicht der Titel bereits eine, ein  beneidenswerter Titel). Und sie gab der ausgeklügelten und doch sehr entspannt wirkenden Lyrik im schmalen Band die dramatische Rolle einer Vorreiterin, die wie alle ihresgleichen (die erste Frau, der erste Migrant) irgendwie noch besser zu sein hatte als ein herkömmlicher Gewinner. Als Wagner den Preis dann tatsächlich bekam, sprach Jurorin Meike Feßmann von einem Paukenschlag für die Lyrik. Die Szene reagiert teils irritiert. Ist das das Buch, mit dem „wir“ vom Hauptstrom der (Prosa-)Leser beachtet werden wollen? Ist seine Poesie wirklich so gut? Das Leben in der Nische hat seine Eigenheiten.

Die vielthematisierte Randständigkeit der Poesie aber tangierte Wagner nie. Auch dürfte er weniger überrascht gewesen sein von alledem, diesem Schwung von kleinen und immer größeren Erfolgen, der jetzt zum Georg-Büchner-Preis im Alter von 45 Jahren führte. In „Die Sandale des Propheten“, einem Band mit „beiläufiger Prosa“, schrieb er 2011: „Das Publikum ist riesig, auch wenn es davon vielleicht noch nichts weiß oder wissen will.“ Die Frage „sollte also nicht sein, ob es möglich ist, von der Poesie zu leben. Die Frage sollte sein, ob es möglich ist, ohne Poesie zu leben. Und nein: Das ist undenkbar.“

„Beiläufige Prosa“? Auch Wagners jüngstes, gerade erschienenes Buch „Der verschlossene Raum“ trägt diesen Untertitel. Dass die Prosa bei ihm so mitläuft, Gelegenheitsprosa, gehört zum Selbstbewusstsein des Dichters, dessen Hauptwerk, dessen Werk die Lyrik ist. Und der weiß, dass die Lyrik die Königsdisziplin war, bevor das 19. Jahrhundert den Roman aus der Unterhaltungssektion holte. 1971 in Hamburg geboren, studierte Wagner Anglistik dort, in Dublin und an der Humboldt-Universität in Berlin, wo er bis heute lebt. Mit 30 Jahren wurde er Schriftsteller, 2001 erschien der erste Band, „Probebohrung im Himmel“, auch kein hilfloser Titel – gemeint sind die sich drehenden Windräder. „gott hält den atem an“, heißt es dann, denn Wagner scheut nicht das Große neben dem Kleinen, und auch nicht den Effekt, den ihm seine Kritiker ein bisschen, aber nicht sehr verübeln.

Dann folgten alle paar Jahre neue Bücher, inzwischen bei Hanser Berlin. Auch Preise und Stipendien sammelte Wagner hinfort ein, las vor und las selbst, übersetzte aus dem Englischen, der Sprache, an deren Literatur er sich auch am ehesten zu orientieren scheint.

Das betrifft nicht allein den Anflug, jedenfalls die Möglichkeit von Witz, der sich fast immer auch findet (was in Deutschland immer noch beunruhigend wirkt). Es muss zudem ein unschätzbarer Vorteil sein, Samuel Coleridge und John Keats zu kennen, wenn man sich zu derartigen so fantastischen wie lässigen Zeilen vorarbeiten will: „wenn du am fluss stehst aber, suche im dunst / nach den vertrauten schemen, rechne mit uns.“ Den Kentauren nämlich, in dem Gedicht „kentaurenblues“.

Wagner überspielt seine Belesenheit nicht. Er spielt mit ihr. Hinter der unmittelbaren Zugänglichkeit Wagner’scher Inhalte (Natur, Tiere, der Alltag, der uns alle umgibt, nicht umsonst hat sich Wagner auch als sorgfältiger Mörike-Leser erwiesen) tun sich Abgründe auf, die uns meist aber nicht in Panik versetzen müssen. Hier ein zweiteiliger, bezirzender Haiku: „I nur in sackleinen gehüllt, kleiner eremit in seiner höhle. II nichts als ein faden führt nach oben. wir geben ihm fünf minuten“. Das ist nicht nur ein kleines Rätsel, das seine Lösung freundlicherweise im Titel („teebeutel“) führt. Es ist auch ein Miniaturdrama, bei dem sich etwa an Gedichte und ihre gewohnte Lektüre denken ließe. Wagner drängt aber nichts auf.

Die erzählerische Seite seiner Gedichte und ihr Ton, den man oft genug leichthin nennen kann, täuscht manchmal über den formvollendeten Bau hinweg. Der Autor interessiert sich für klassische Formen, seine Sestinen jedoch schweben unangestrengt. Vor einem Jahr veröffentlichte Wagner einen kleinen Aufsatz, in dem er von den 50 Seiten Notizen erzählte, die zum „teebeutel“ führten. Nichts davon, man sah es oben, in dem Gedicht selbst. In „Der verschlossene Raum“ entwirft Wagner eine kleine Poetologie nach Edgar Allan Poe: Der Dichter ist es in diesem Fall, der den „locked room“, das Gedicht, vorbereitet, um „am Schluss den Schlüssel von innen stecken zu lassen und sich in Luft aufzulösen“. Aber wie aufwendig musste Poe einen Orang-Utan in Stellung bringen und wie flugs geht das beim Lyriker, Vorsicht ist am Platze.

Der mit 50 000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis wird am 28. Oktober in Darmstadt verliehen. Dass die Frankfurter Lyriktage schon am Donnerstag mit dem neuen Büchnerpreisträger eröffnet werden, ist ein hübscher Coup am Rande.

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