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1910 in Paris: Teresa Cerutti mit dem Tanz der Salome.

Revival im Striptease

Vulvatänze in Feuchtgebieten

Mithu M. Sanyal entdeckt das unsichtbare weibliche Geschlecht neu: Flüssig und frech geschrieben und reich bebildert. Von Ulrike Brunotte

Von ULRIKE BRUNOTTE

Am 16. Februar 1918 erschien in der konservativen Londoner Zeitung Die Bürgerwehr ein Artikel mit der Überschrift "Der Kult der Klitoris". Darin wurde vor dem verderblichen Einfluss einer privaten Darbietung von Oscar Wildes verbotenem Stück "Salome" gewarnt - einer nicht ganz gewöhnlichen Aufführung freilich, die unter Ausschluss von Männern stattfinden sollte und zu der auch die Zuschauerinnen ein "Salomekostüm" zu tragen hatten.

Im Fokus der Fantasien lesbischer und homosexueller Unterwanderung englischer Anständigkeit stand nach Oscar Wilde die damals berühmte Barfußtänzerin Maud Allan. Sie wurde in dem Artikel mit der jüdischen Prinzessin Salome identifiziert. Diese hatte in den biblischen Überlieferungen als Lohn für ihren Schleiertanz vom Stiefvater Herodes das Haupt Johannes des Täufers verlangt. Für ihre Gegner verwandelte sich nun Maud Allan, die zur gleichen Zeit wie die Suffragetten die Öffentlichkeit Londons betrat, schnell zum Inbegriff weiblicher Perversion - einer exhibitionistischen Lust an Selbstentblößung, die im orientalischen Gewand mit Kastrationsfantasien spielte.

Für Mithu M. Sanyal markiert der Salometanz den Wendepunkt in einer langen abendländischen Verdrängungsgeschichte der Vulva. Das durch den "abstrakten Vatergott" dämonisierte und unsichtbar gemachte "Weibliche", so die zentrale These ihres Buches, trete im Nackttanz und im Striptease sein "subversives" Revival an. War das weibliche Genitale mit seiner Reduzierung auf die Vagina zum passiven Behältnis des Penis reduziert worden, so läutete vor rund einhundert Jahren die "Salomania" eine neue weibliche Körperwahrnehmung ein.

Mit Salomes Selbstentblößung beginnt allerdings zweierlei: die Eroberung der Bühnen durch avantgardistische Tanz- und Burlesquekünstlerinnen von Ida Rubinstein über Anita Berger, Gypsy Rose Lee bis hin zu Valeska Gert und Mae West und die Etablierung des kommerziellen Stripteases, in dem die Entblößung des weiblichen Geschlechts der Regie des männlichen Blickes unterworfen bleibt.

Wenn die Autorin Margaret Atwood schreibt: "Salome ist eine Figur, in der die femme fatale und die weibliche Künstlerin zusammenkommen", schränkt sie diese Aussage gleich wieder ein, indem sie den Tanz der Salome mit der Tarantella vergleicht, die Ibsens Nora im "Puppenheim" tanzt. Das Gefängnis der Männerfantasien wird so noch lange nicht verlassen.

Damit spricht Atwood eine zentrale Frage aus, die auch an das Buch von Sanyal gerichtet werden muss: Kann eine "subversive" weibliche Selbstentblößung auf den Bühnen des Varietés tatsächlich gelingen? Und kann der in Ritualen und Kleidung allemal fetischistisch codierte Rahmen des Striptease durch spielerische Mimesis wirklich durchbrochen werden? Nicht allein die exzessive Ausdruckstänzerin Anita Berger ist am schneidenden Widerspruch zwischen ihrem künstlerischen Ethos und der voyeuristischen Rezeption ihres Nackttanzes zerbrochen.

Ist es nicht naiv, in diesen Selbstenthüllungen und Präsentationen des weiblichen Geschlechts, die pure "Wiederentdeckung der Vulva in der abendländischen Kultur" und den "Sieg der selbstbestimmten weiblichen Subjektivität" zu feiern? Besonders im zweiten Teil ihres Buches trägt die in promovierte Kulturwissenschaftlerin Sanyal eine geradezu überquellende Fülle von Beispielen weiblich-künstlerischer Selbstentblößung zusammen: von der Burlesquebewegung über die Sexarbeiterinnen, die sich zugleich als Performancekünstlerinnen betätigen, bis zum Popfeminismus unserer Tage. Allen voran die Sex-positive-Feministin Annie Sprinkle, die seit den 80er Jahren das Publikum dazu einlädt, ihren Gebärmutterhals mittels Spekulum und Taschenlampe zu betrachten, um, wie sie selbst sagt, den "weiblichen Körper zu entmystifizieren".

Besonders junge Frauen entdecken, so Sanyal, die Pornografie als "letzten weißen Fleck auf der Landkarte männlicher Ideologie" heute für sich. Es komme ihr darauf an, argumentiert sie unter Rückgriff auf feministische Literatur und Künstlerinnen aus den siebziger Jahren - wie Luce Irigaray, Germaine Greer oder Valie Export -, die vom Phallokratismus verdrängte sexuelle Vielfalt als Utopie weiblicher Lüste neu zu entdecken.

Mit geradezu sakralem Gewicht werden die Vulvamonologe und Eroberungen ungeahnter Feuchtgebiete gleichwohl erst durch ihren Rückbezug auf archaische religiöse Traditionen ausgestattet. So versammelt Sanyal im ersten Drittel ihres Buches minutiös mythische und visuelle Beispiele für einen religiös bedeutenden Kult der Vulva in den paganen Religionen. Neben dem überall deutlich sichtbaren Phalluskult gab es in der Tat, besonders in den so genannten Frauen- und Fruchtbarkeitsmysterien, auch eine religiöse Verehrung der heiligen Vulva. Als Ort mythischer Schöpfung und als Raum des Todes konnte sie zum Symbol für die "Große Mutter" werden.

Wichtigster Mythos dafür ist die Erzählung von der trauernden Muttergöttin Demeter und der Bauch-Vulva-Figur Baubo. Bereits 1981 hat der französische Ethnopsychoanalytiker Georges Devereux ein aufrührendes Buch mit dem Titel "Baubo. Die mythische Vulva" über sie verfasst. Auf der Suche nach ihrer von Hades geraubten Tochter Persephone wird Demeter von einer alten Frau dadurch zum Lachen gebracht, dass diese die Röcke hebt und der Göttin ihr Geschlecht entblößt. Dabei ist der Name der Alten selbst ein redender, denn "Baubo" kann mit Vulva übersetzt werden.

Baubofiguren lassen sich in nahezu allen mittelmeerischen Kulturen entdecken. Manchmal wandert dabei das Geschlecht ins Gesicht oder die Figuren bestehen nur aus einem zum Geschlecht umgestalteten Gesicht, manchmal blecken sie, wie die Gorgo Medusa, im weit aufgerissenen Maul ihre Zähne und strecken uns aggressiv die Zunge heraus. Mit den vielfältigen Darstellungen der selbstentblößenden Geste der Baubo beginnt eine faszinierende Bildtradition, die sich bis in die Gestalten der "vulvazeigenden" Sheela-na-gigs-Figuren an den Außenwänden ehrwürdiger mittelalterlicher Kirchen fortsetzt.

Nicht zuletzt angesichts des Phallozentrismus, der sich über den Psychoanalytiker Jacques Lacan bis hinein in feministische Weltbilder fortsetzt, ist das Buch von Mithu M. Sanyal ein lobenswertes Unterfangen. Darüber hinaus ist es flüssig und frech geschrieben und reich bebildert.

Das Problem im religionshistorischen ersten Teil liegt freilich in einer gewissen Naivität des Ansatzes: Können wir heute noch so tun wie die Matriarchatsverkünderinnen der frühen Jahre und aus der puren Existenz von "Große Mutter"- Figuren und Vulvakulten die historische Realität von "Frauenmacht" ableiten? Ist es wirklich möglich, den patriarchalen Rahmen, in dem der antike Vulvakult seinen Ort hatte, bei dessen Wiederentdeckung völlig zu "vergessen"? Trotz aller Sympathie für dieses mutige Buch kann der Verdacht einer Essentialisierung des "Weiblichen" insgesamt nicht ausgeräumt werden.

Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Wagenbach Verlag, Berlin 2009, 240 S., 19,90 Euro.

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