+
Bertolt Brecht und der Komponist Paul Dessau.

Kulturgeschichte

„Vulkan Berlin“: Jede Menge Zukünfte

  • schließen

Kai-Uwe Merz hat eine übersichtliche und doch detailfreudige Kulturgeschichte Berlins der 1920er Jahre geschrieben. „Vulkan Berlin“.

Kai-Uwe Merz, geboren 1960 in Berlin, arbeitet heute, nachdem er unter anderem auch einmal beim „Berliner Kurier“ beschäftigt war, im Presse- und Informationsamt des Landes Berlin. Seine Dissertation bei Ernst Nolte beantwortete, so schreibt er in der Einleitung seines Buches, „die Frage, was deutsche und damit auch Berliner Öffentlichkeit und Gesellschaft über Oktoberrevolution, Bolschewismus und frühes Sowjetrussland wussten und was man davon gehalten hat“.

Das ist eine der zentralen Fragen der Weimarer Republik, drohte sie doch immer wieder zwischen Reaktion und Revolution zerrieben zu werden. Schade, dass das fast gar keine Rolle in „Vulkan Berlin“ spielt. Dabei war doch gerade das Wechselspiel von Aufstand und Putsch das, was den vulkanischen Charakter der Epoche ausmachte. In einem interessanten Gespräch über die zwanziger Jahre zwischen Theodor W. Adorno und Lotte Lenya, erklärt Ersterer, die avantgardistische Kunst der Zeit sei nur zu verstehen, wenn man sich vor Augen halte, dass sie in einer Situation entstand, in der eine radikale Alternative zu den bestehenden Verhältnissen zum Greifen nahe schien.

Das ist die Lage, die verzweifelte Lage, in der sich damals alles bewegte. Selbst was stillzustehen schien. Kai-Uwe Merz weiß das sicher besser und genauer als die meisten, die sich mit der Geschichte der Weimarer Republik beschäftigen, aber er macht davon – leider – so gut wie keinen Gebrauch.

Dennoch: Es ist ein schönes Buch, übersichtlich und doch detailfreudig. Vierzehn Kapitel auf 208 Seiten. Groß-Berlin, Weimar, Politik, Literatur, Theater, Stadtarchitektur, Presse, Malerei usw. Wissenschaft fehlt. Im Literaturkapitel geht es nur um Döblins „Berlin Alexanderplatz“, im Theaterkapitel nur um Brechts „Trommeln in der Nacht“ usw. Merz gewinnt auf diese Weise Platz, sich gründlicher mit einzelnen Autoren, ja einzelnen Werken auseinanderzusetzen.

Das Weimar-Kapitel beschäftigt sich nicht nur, wie sonst üblich damit, warum die verfassunggebende Versammlung nicht in Berlin tagte. Die Nähe zu den nach den russischen Vorbildern schielenden radikalisierten Aufständischen disqualifizierte Berlin in den Augen Friedrich Eberts, las ich immer wieder. Merz weist darauf hin, dass Ebert eine ganz andere Begründung hatte. Er wollte die Republik als deutsche und nicht als preußische zur Welt gebracht sehen. Der aus Heidelberg stammende Ebert war nur zu vertraut mit den antipreußischen Affekten im süddeutschen Raum.

Das Buch

Kai-Uwe Merz: Vulkan Berlin – Eine Kulturgeschichte der 1920er-Jahre. Elsengold, Berlin 2020. 208 S., 80 Abb., 25 Euro.

Sehr schön ist Merz’ Schilderung der anderen sieben Bewerbungen um die Beherbergung der verfassunggebenden Versammlung: Bamberg, Eisenach, Erfurt, Frankfurt am Main, Kassel, Nürnberg und Würzburg. Kassel bot die 1914 erbaute Stadthalle an. Das Kassler Schloss Wilhelmshöhe war gerade von der Obersten Heeresleitung bezogen worden.

Hauptbetreiber der Kasseler Ambitionen war der Berliner Albert Grzesinski, der später erst Polizeipräsident der Hauptstadt, dann Innenminister Preußens wurde. 1926 empfahl er der Polizei „Freund, Helfer und Kamerad der Bevölkerung“ zu sein. Bamberg empfahl sich auch gleich als neue Hauptstadt. Die USA hätten schließlich auch das beschauliche Washington. Es sind solche Seitenblicke, die den Reichtum des Buches ausmachen.

In den letzten Kriegsjahren hatte die Kindersterblichkeit, schreibt Merz, bei 50 Prozent gelegen. Nach dem Krieg verschlimmerte sich die Lage. Überall gab es Kinderbanden. In den frühen Jahren der Weimarer Republik soll es allein im Norden Berlins mehr als zweihundert gegeben haben, die nicht nur Raubzüge unternahmen, sondern natürlich einander auch bekämpften. Merz zitiert ausführlich Ernst Haffners erstmals 1932 erschienenes Buch „Jugend auf der Landstraße“. Offenbar eine Fundgrube zum Thema Jugendbanden. Unter dem Titel „Blutsbrüder“ ist Haffners Buch heute für 12 Euro bei Aufbau im Taschenbuch zu haben.

Kai-Uwe Merz: Vulkan Berlin – Eine Kulturgeschichte der 1920er-Jahre

Man liest Haffners Schilderungen heute ganz anders. Man weiß spätestens seit „Der Clan der Kinder“, Roberto Savianos Buch über neapolitanische Kinderbanden von heute, dass es zu solchen Verheerungen keines Krieges bedarf. Sie können mitten im Frieden, mitten in den Enklaven einer Wohlstandsgesellschaft entstehen. Vielleicht verbuchte man 1920 manches zu schnell unter Kriegsfolgen, das auch ganz andere Ursachen haben kann.

Spätestens auf Seite 39 hatte Merz mich erobert. Dort zitiert er aus Erich Maria Remarques 1929 erschienenem Weltbestseller „Im Westen nichts Neues“ den kriegsteilnehmenden Ich-Erzähler: „Wir waren achtzehn und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen.“ Ich schluckte, als ich das las. Mit einem Male sah ich die ganze Tragödie dieser Generation vor mir. Das Zitat geht weiter: „Die erste Granate, die einschlug, traf unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran: Wir glauben an den Krieg.“

Der Kampf zwischen Reaktion und Revolution spiele, schrieb ich, kaum eine Rolle im Buch. Vielleicht liegt es an Remarque. Sein Ich-Erzähler blickt über all die Tätigen hinweg, die die Diktatur des Proletariats, ein rassereines Deutschland, die Rückkehr der Hohenzollern oder einfach nur einen Herrn, einen Führer, wollten, der endlich Ordnung schaffe. Er blickt auch über all die hinweg, die die Republik mehr als ein Jahrzehnt lang verteidigten, die die bewaffneten Krieger bewaffnet abwehrten. Er tut das, weil er nur eines sieht: Sie alle glauben sich im Krieg. Sie kommen, so sieht er es, nicht hinaus aus ihm, der ihnen die Lebensliebe nahm und sie lehrte, sie anderen zu nehmen. Ein Fatalismus, der 1933 recht bekam und 1945 widerlegt wurde. Es fehlte, hier liegt der Irrtum des Ich-Erzählers, in der Weimarer Republik nicht an Menschen, die die Zukunft gestalten wollten. Im Gegenteil. Es gab jede Menge davon und jede Menge Zukünfte. Es wurden Kriege geführt um die richtige Zukunft. An vielen Fronten, mit immer wieder auch verwirrenden Koalitionen. Die Weimarer Republik wurde von Millionen Menschen, die keine Kriege mehr führen wollten, getragen. Sie wurde von Sozialdemokraten wie Ebert, von Großbürgern wie Rathenau und von katholischen Kleinbürgern wie Erzberger gestützt. Zusammenschießen wollten sie Extremisten von rechts und links.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion