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Der vorletzte Ort der Wahrheit

  • VonMichael Braun
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"Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast": Günter Kunert präsentiert sein Big Book

Sein einziges literarisches Projekt, so behaupten Spötter, sei die Ankündigung der Sintflut. Günter Kunert muss seit seinem Rückzug in die schleswig-holsteinische Provinz mit dem zweifelhaften Ruf leben, als "Kassandra von Kaisborstel" komme er nicht mehr los von der Katastrophe im anthropologischen Großformat. Schon früh hat man den in der DDR der siebziger Jahre zum "ungebetenen Gast" gewordenen Kunert als griesgrämigen Apokalpytiker rubrizieren wollen, der seine "täglichen Weltuntergänge" in Gedichten ritualisiert hat.

Geschichte als Menetekel?

Nicht zu leugnen ist, dass die Motive seines Werks eine erstaunliche Konstanz aufweisen: eine Fortschritts-Skepsis, die von der Unbelehrbarkeit des Menschen ausgeht und Geschichte als permanentes Menetekel begreift, hat sich von Beginn an in die Texte dieses vielseitigen Autors eingeschrieben. Was sich 1950 in seinem Debütband Wegschilder und Mauerinschriften als Warnung an die "Davongekommenen" artikulierte, behielt seine fatalistische Grundmelodie bis zum Gedichtband Nachtvorstellung von 1999. Mit "schwarzen Lehrgedichten", die von der Geschichte als fortdauernder Katastrophe handeln, hat Kunert seinen Mentor Brecht, von dem er sich immer mehr distanzierte, ins Negative gewendet.

Dass er aber mehr kann als nur Untergangsbitterkeiten verkünden, dass sich seine Skepsis in guten Momenten mit sarkastischem Humor bewaffnen kann, zeigt nun sein aphoristisch-essayistisches Welterkundungsbuch Die Botschaft des Hotelzimmers an seinen Gast. Es versammelt Notizen und Aufzeichnungen aus rund drei Jahrzehnten, ein ins Politische, Ästhetische und Vegetabilisch-Idyllische weit ausgreifendes "Big Book", das die Summe eines Dichterlebens zieht.

Insgesamt 1400 Manuskriptseiten hat Kunert seinem Herausgeber Hubert Witt übergeben, der aus dem Konvolut die konzisesten Partien destillierte und zu drei großen Motivgruppen ordnete. Von Betrachtungen über das Schreiben weitet sich der Blick zur persönlichen Chronik und schließlich zur anthropologisch-politischen Gesamtschau.

Für seine "Weltbetrachtungen" hat Kunert das Genre der Aufzeichnung gewählt, das er mit seinen berühmten Vorläufern Montaigne, Lichtenberg, Hebbel und Canetti als Königsdisziplin der Literatur begreift. In einer Notiz rühmt er das Fragmentarische, auf Abbreviaturen setzende Schreibprinzip:

"Der knapp formulierte Gedanke, ohne Anfang und resümierendes Ende, der Einfall für eine nicht ausgeführte Geschichte (...) - Ansätze, Abbrüche, Konvergenzen unserer aktuellen irdischen Existenz." Die Desillusionierungsarbeit des Skeptikers Kunert gewinnt immer dann an Wahrnehmungsschärfe, wo der Autor wirklich auf punktuelle Beobachtungen und den beiläufigen, aber präzisen Blick vertraut.

Wenn Kunert zum Beispiel in seinen Reflexionen über das Altern ganz unaufgeregt den Verfallsprozess des eigenen Körpers beschreibt, gelingen ihm wunderbar präzise Notate. Auch die Partien, die er dem unspektakulären Rhythmus seines Landlebens widmet, gehören zu den starken, weil diskreten Aufzeichnungen dieses "Sudelbuches". Mit nobler Zurückhaltung kommentiert er auch seine Begegnungen mit literarischen und politischen Zeitgenossen aus der DDR. Hier dementiert der Autor seine immer wieder behauptete Nähe zu Brecht und versucht, eine große Distanz zwischen sich und den "ideologisch obsessiven Dichter" zu legen.

Ein gewisser Ingrimm trifft auch Stephan Hermlin, dem Kunert dessen opportunistische Parteinahme für die "stärkeren Bataillone" nicht nachsehen will. Ein aufregender Fund für Kunert-Rezipienten verbirgt sich sicherlich in der Anmerkung zu frühen Vorbildern: Konstitutiv für Kunerts Schreiben waren nicht etwa die Werke von Brecht und Benn, sondern zwei Klassiker der modernen amerikanischen Lyrik: Edgar Lee Masters und Carl Sandburg. Die Crux von Kunerts Aufzeichnungen manifestiert sich da, wo das Bedürfnis des Autors nach sentenzhaften Pointen übermächtig wird und die punktuelle Perspektive sich im allgemeingültigen Gleichnis beglaubigen will. Es ist geradezu ein Verstoß gegen das Gattungsgesetz der Aufzeichnungen, wenn der Autor dem kulturkritischen Predigergestus verfällt.

Heterogenes Sudelbuch

Die Unbescheidenheit des eigenen Anspruchs verrät sich ausgerechnet im Plädoyer für das Beiläufige der Aufzeichnung: "Ich fungiere als Chronist des Beiläufigen, aus dem die Substanz des ,Großen und Ganzen' hervortritt." In einem einzigen Satz hat sich der Dichter hier von der Selbstverpflichtung auf das "Beiläufige" in die globale Vogelperspektive zur Erfassung des "Großen und Ganzen" katapultiert. Dieser Widerspruch zwischen dem Subjektiv-Fragmentarischen der Aufzeichnung und der angemaßten Objektivität des universalistischen Aufklärers hat sich in zahlreiche Notate eingeschlichen.

Während Kunert an einer Stelle zurecht anmerkt, dass die Dichter ihre Funktion als "moralische Autoritäten" verloren haben, beharrt er einige Sätze weiter auf dem idealistischen Traum vom Gedicht als "letztem Ort der Wahrheit". Der Drang zur resümierenden und häufig moralinsauren Sentenz verdirbt so manches Notat.

Eine Reflexion über ein Walter Ulbricht-Zitat endet dann in der populistischen Erkenntnis, dass "keinem Politiker zu trauen" sei. Ähnlich endet eine Betrachtung zur Philosophie in höchstmöglicher Banalität: "So geht alles den Bach hinunter, was ehedem groß gewesen ist." In einem "Sudelbuch", so mag man sich trösten, findet man eben nicht nur staunenswerte Erkenntnisblitze, sondern auch makulaturverdächtige Gemeinplätze.

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