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Frankfurt, 1959, Vorleser Sengebusch wartet als 3. v. l..

Wettbewerb

Vorlesen macht glücklich

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Seit 60 Jahren treten Kinder in den Wettstreit, wer Literatur am besten zum Klingen bringt.

Tom strich mit dem Pinsel kunstvoll hin und her, trat einen Schritt zurück, um die Wirkung zu prüfen, fügte an der einen oder anderen Stelle einen Tupfer hinzu und begutachtete die Wirkung erneut.“ Die Rede ist von Tom Sawyer, Held des gleichnamigen Romans von Mark Twain, hier in deutscher Übersetzung von Andreas Nohl. Sätze wie diese haben dem pensionierten Berliner Lehrer Bodo Sengebusch einst Glück gebracht. Es stecken Spannung und Humor darin, wenn der Junge, von seiner Tante Polly zum Zaunstreichen verdonnert, am Morgen noch von Armut gebeutelt, am späten Nachmittag dann im Überfluss schwimmt.

Vor sechzig Jahren hatte Sengebusch diesen Abschnitt aus „Tom Sawyer“ gewählt, als er im Frankfurter Goethehaus zum ersten Bundesvorlesewettbewerb antrat und gewann. Seither werde er „alle zehn Jahre einmal ausgebuddelt“, wie er flapsig am Telefon sagt. Er ist so etwas wie ein Vorlesebotschafter. Tatsächlich gehört ein Gespräch mit ihm vor den Kameras des RBB dazu, wenn heute in Berlin das 60. Finale im Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ausgetragen wird.

Sengebusch legt Wert darauf, dass nicht das Finale das wichtigste an diesem Wettbewerb sei. Natürlich freue es ein Kind, so weit gekommen zu sein. Er selbst begegnete damals sogar Erich Kästner, einem Schriftsteller, von dem er jedes Kinderbuch kannte. Die eigentliche Bedeutung liege aber in der ersten Runde. „Es ist so wichtig, dass Lehrer und Schulleiter dafür sorgen, dass die Kinder Lust haben, einen selbstgewählten Text vor anderen zu lesen. Dann herrscht an der Schule ein Klima, das Kinder vielleicht auch neugierig darauf macht, was die Bibliothek bietet, dann fördert der Wettbewerb etwas, was sie für ihr ganzes Leben brauchen.“

An die 600 000 Schüler aus knapp 25 000 6. Klassen beteiligen sich pro Jahr. Die rund 7000 Schulsieger gehen weiter zu Kreis-, Bezirks- und Landesentscheiden. 2018 gewann Victoria Schaay aus Nordrhein-Westfalen mit einem lebhaften, dialogreichen Ausschnitt aus Grit Poppes Kinderroman „Joki und die Wölfe“. Der 2017er-Sieger Jarik Foth aus Schleswig-Holstein brachte mit Simon Packhams „Stumme Helden lügen nicht“ einen eher traurigen Stoff mit gut gesetzten Pausen und angeschwärztem Humor auf der Bühne. Das kann man auf Youtube nachschauen.

In der Statistik zum Wettbewerb ist errechnet, wie viele 6. Klassen sich pro Bundesland beteiligen. Hessen führt die Liste mit 67 Prozent an, gefolgt von Bremen, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Mehr als die Hälfte (58 Prozent) der Berliner Schulen machen mit, in Baden-Württemberg sind es nur 38 Prozent.

Und es könnten überall noch mehr sein. Es liegt auch auf diesem Feld am Engagement einzelner Lehrer und Schulleiter, Begeisterung weiterzutragen – und sich zusätzliche Arbeit aufzuhalsen.

Lesen gehört eher nicht zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen Heranwachsender heute. Bodo Sengebusch, der bis vor zehn Jahren Mathematik und Physik an einem Gymnasium in Tempelhof-Schöneberg unterrichtete, erzählt, dass er sich drei Mal erlaubt hatte, zum Jahresende seine Schüler anonym Fragebögen ausfüllen zu lassen. Schon vor 30 Jahren sei es ernüchternd gewesen. Die Mehrheit der Jungen habe keine Bücher besessen.

Nur wer ohne Mühe sinnentnehmend lesen kann, ist in der Lage, den Text laut so vorzutragen, dass er klingt und im Zuhörer etwas auslöst. Die Iglu-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) ergab 2016, dass in Deutschland jedes fünfte Kind ohne ausreichende Lesekompetenz in die weiterführende Schule wechselt. Bildungsforscher hatten daraufhin gefordert, in den Familien das Bewusstsein für das Vorlesen und die Sprachförderung im Vorschulalter zu stärken. Das gehört zu den Aufgaben, denen sich die Stiftung Lesen widmet, nicht nur am Vorlesetag im November.

Die Schriftstellerin Kirsten Boie animierten die Iglu-Ergebnisse Deutschlands zu einer Unterschriftensammlung für mehr Leseförderung in den Grundschulen („Hamburger Erklärung“). Die Bundesbildungsministerin nahm sie entgegen, ein Programm dazu folgte bisher nicht.

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