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Vom Vorleben der Wörter und Bilder

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Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller.
Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. © dpa

Politische Klarsicht und Schärfe unstaatstragender Art ist bei Herta Müller immer im Spiel: Herta Müller und Himmelhunde beim Literaturm.

Und noch zwei Entgrenzungen beim Literaturm-Festival, das am Wochenende in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt zu Ende ging. Die Deutsche Nationalbibliothek ist auch nicht gerade ein Turm (noch eine Entgrenzung also), hat dafür aber einen großen Vortragssaal, in den die Menschen passten, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zuhören wollten. Die 62-Jährige trat logischerweise mit ihren Wortcollagen auf, einer eigenwilligen Form „Entgrenzter Literatur“ – dies ja das Thema der 8. Literaturm-Tage –, vertreten hier vor allem durch den Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (Hanser 2012, inzwischen auch in einer schmucken Taschenbuchausgabe).

Lange war das ein weniger beachteter, auch quasi privaterer Teil ihrer Arbeit, inzwischen gehört er in der Herta-Müller-Wahrnehmung selbstverständlich dazu. Um zu erklären, wie sie – vor Jahrzehnten – mit dem Wörter-Ausschneiden und -Kleben anfing, las sie die entsprechende Passage aus dem Gesprächsband „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ (2014) vor. Im Gespräch mit Ernest Wichner war ansonsten nicht nur erneut Gelegenheit das rollende R der Rumäniendeutschen zu hören, sondern auch für verschiedene Beispiele aus der sinnlichen Sphäre der Wörter. Die unerträglichen, unbenutzbaren („mächtig“), die schönen, die Herta Müller immer und überall ausschneiden würde („Karussell“), die ungeliebten, die lange auf ihren Einsatz warten mussten („Pepita“, das Muster nämlich, welches sich einst auf einem verhassten Kinderhosenanzug fand). Und die schweren Wörter, wie „Grenze“, dem man „keine Leichtfüßigkeit mehr beibringen“ könne, wobei das Fehlen einer Grenze im moralischen Sinne ebenfalls ungut sei.

Die Mutter der Schraube

Politische Klarsicht und Schärfe unstaatstragender Art ist bei Herta Müller immer im Spiel. Es sei schlimm, sagte sie auch in Frankfurt, dass Osteuropa sich weigere, Flüchtlinge aufzunehmen. Osteuropa habe selbst über Jahrzehnte Flüchtlinge produziert, es müsse wissen, was Flucht bedeute. Könnte sie Wörter nicht ausdrucken, wenn sie sie dringend benötige, wollte Wichner noch wissen. Das wäre Betrug, so Müller lächelnd, aber in der Sache unerbittlich. Jede Arbeit habe ihr Ethos. Zumal es eben um Fundstücke, um Wörter mit einem Vorleben gehe.

Dass Poesie ihnen schon mitgegeben ist (der Mutter der Schraube zum Beispiel), entgrenzte den Literaturbegriff praktisch in die andere, vorliterarische Richtung.

Dass Literatur sich dann wiederum für den unglaublichsten Quatsch interessieren, ihn um- und verschlingen kann, belegte der Abend mit Clemens Meyer und Claudius Nießen. Der Schriftsteller und der Literaturveranstalter, seit einigen Jahren Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig, haben über Monate B-Filme geguckt und das Buch „Zwei Himmelhunde. Irre Filme, die man besser liest“ (Voland & Quist 2016) darüber geschrieben. Im MMK2 (in einem Turm, wenn auch ganz unten) saßen sie auf einem Sofa, veranstalteten ein überraschend spannendes „Rambo“-Quiz, bei dem die Lösungen dann als Filmszene eingespielt werden konnten, und schwärmten cool von Bruce Campbell. Campbell in der Vox-Serie „Burn Notice“, daran könnte sich der eine oder andere erinnern.

Derzeit scheinen sich Meyer und Niessen, die natürlich selbst die „Himmelhunde“ sind, noch nicht einig darüber zu sein, ob man in einer weiteren Runde ausschließlich Serien gucken könnte. Mal sehen, was daraus wird.

So betrachtet ist das hier die falsche Reihenfolge. Beim Festival trat Herta Müller aber das Niveau hebend deutlich nach Meyer und Nießen auf.

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