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Inger-Maria Mahlke vor dem Frankfurter Literaturhaus.

"Archipel"

Was vorher war und noch davor

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Inger-Maria Mahlke erzählt in ihrem Roman "Archipel" ein Jahrhundert auf Teneriffa.

Unverzüglich macht dieses Buch die vergehende Zeit selbst zum Thema. Während der Portier eines Altenheims in La Laguna auf Teneriffa nichts lieber täte, als in Ruhe die Verfolgungstaktik der aktuellen Etappe bei der Tour de France im Fernsehen zu schauen, umschlurfen ihn still und aufmerksam einige Heimbewohner und warten ihrerseits auf eine Gelegenheit zu entwischen. Ausreißversuche, wohin man schaut, aber die rasend Schnellen tun sich so schwer wie die schneckenhaft Langsamen. 

Der Portier, selbst 95 Jahre alt, kennt das schon. Er bleibt gelassen. Auch Inger-Maria Mahlke stellt die Kunstfertigkeit, die in dieser Szene liegt, nicht aus. „Archipel“ ist so zurückhaltend wie der Vorgängerroman „Wie Ihr wollt“, der ebenfalls auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. So zurückhaltend, dass man nicht einmal seine Zurückhaltung bemerken muss. Es geht stets voran (schnell, langsam), beziehungsweise stets zurück: Die rückwärtslaufende Zeit ist der zentrale Erzählmechanismus. Dazu gibt es keinen Kommentar, keine Erklärungen, weder psychologische noch historische noch sprachliche. Das Glossar hinten im Buch ist ebenso nützlich wie das Personenverzeichnis vorne. Nein, das Personenverzeichnis ist noch nützlicher. In der Erzählung selbst ergibt sich alles aus sich heraus, zwangsläufig und doch eigenständig. Menschen, die ja wissen, wann und wo sie leben und sich nicht mit Erläuterungen aufhalten, entscheiden sich so oder so, aber die Folgen können sie kaum noch beeinflussen. Schon mischen zudem wieder andere mit und entscheiden sich so oder so. 

Aufs Wesentliche konzentriert

Die Sprache dafür ist nicht karg, aber ebenfalls – zurückhaltend. Mahlke beschreibt Menschen und Dinge detailliert, aber ihre Weigerung, sich einzumischen (zu bewerten, einzuordnen), lässt gleichwohl alles sparsam erscheinen. Figuren und Sätze sind auf das Wesentliche, das für sie Wesentliche konzentriert. Die Lokalpolitikerin setzt darauf, dass eine soeben aufkommende Korruptionsaffäre sie nicht erfassen kann, wenngleich vermutlich ihren Chef. Die Reinemachfrau setzt darauf, dass sie ohne Mann zurechtkommen wird, auch wenn sie wieder ein Kind erwartet. „Verheiratet ist verheiratet, ist umsonst die Beine breit machen.“ Dazwischen liegen etwa sechzig Jahre, in denen sich vieles verändert hat, anderes nicht. 

Mahlke baut sich eine Spielfläche auf, auf der sie das alles beobachten kann. Unausgesprochen allgegenwärtig ist die Franco-Diktatur, die bevorsteht, die herrscht und die vorbei, aber weiterhin nicht durchgesprochen ist. Die junge Rosa, Jahrgang 1994, fragt einmal (aber nicht sehr dringlich), und später zeigt sich, dass schon ihr Vater Felipe, Jahrgang 1962, gefragt hat (dringlicher). Schon verdrängt ist auch die Finanzkrise, deren Folgen sich zeigen – man kann sehen, wer heute zurechtkommt und wer nicht –, über die aber ebenfalls keiner mehr spricht (so dass Mahlkes Zurückhaltung auch Programm ist). Immer wieder, längs durch die Generationen fährt die Tranvía durchs Bild, die Straßenbahn von Teneriffa. Immer wieder, wenngleich immer wieder unter anderen Vorzeichen und bloß beiläufig, zeigt sich der Westsahara-Konflikt, in den Spanien verwickelt ist, aber aus Sicht der Kanarischen Inseln ist es noch dazu nur ein Katzensprung. 

Konzentrierte Mahlke sich in „Wie Ihr wollt“ auf ein kurzes Kapitel aus dunkler Tudor-Zeit, nimmt sie diesmal ein Jahrhundert in den Blick. Der Schauplatz ist nicht so beengt wie der Arrest der Mary Grey, aber doch überschaubar. Die Insel Teneriffa wird gelegentlich von den Figuren, aber nicht vom Roman verlassen. Mahlke, 1977 in Hamburg geboren, verbrachte hier einen Teil ihrer Jugend, mit der in Argentinien geborenen María Cecilia Barbetta, der in Georgien geborenen Nino Haratischwili und dem in Taipeh lebenden Stephan Thome ist sie damit die vierte von sechs Shortlist-Nominierten, die durch eigene Anschauung auf ein Thema jenseits des deutschen Tellerrandes kam. Der Tourismus spielt hier ausschließlich als Einnahmequelle eine Rolle.

Die Zeit läuft rückwärts. Das hat in einem Buch eine ähnlich unheimliche Wirkung wie auf einem Ziffernblatt, und eine ähnlich starke Sogkraft. Die Toten sind nach und nach wieder da, die Alten wieder jung, die abgedrängte Geschichte wird wieder Gegenwart und schließlich sogar Zukunft. Alles, worüber wir reden oder nicht reden, ist tatsächlich einmal passiert, und es gibt immer eine Zeit, in der es noch nicht passiert war. Das versteht sich von selbst und ist trotzdem spannend. Es gelingt Mahlke sogar, Cliffhanger einzusetzen. 

Innerhalb der einzelnen, nach Jahren sortierten Kapitel läuft die Zeit natürlich vorwärts. Der Krebstod von Bernarda, der Frau des eingangs erwähnten Portiers, der Mutter der eingangs erwähnten Lokalpolitikerin, bekommt 1993 einen Countdown, den nur die Autorin und die Leser kennen. 109 Tage, 98 Tage, 78 Tage. Im nächsten Kapitel, am 23. Februar 1981, ist sie wieder da, man hört Radio, man eilt nach Hause, man weiß nicht, wie es weitergehen wird. Der Putschversuch fällt auf den Beginn des Karnevals. Auf die Festivitäten hat sich die Tageszeitung der Insel so generalstabsmäßig vorbereitet wie 1950 auf den Besuch des „Caudillo“. Keiner außer der sich geduldig eine Schneise in die Vergangenheit schlagenden Autorin und den ihr folgenden Lesern kann merken, wie ironisch sich Geschichten im Detail wiederholen und variieren.

2015 bis 1919, der Roman umspannt die bisherige Lebenszeit des Portiers. Julio Baute gehört ins Zentrum eines Familiengeflechts, mit dem Mahlke einen Mikrokosmos der spezifisch kanarischen, aber auch spanischen und europäischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zeichnen kann. Zu den intellektuellen Franco-Gegnern – Julios Bruder wird als Widerstandskämpfer ermordet – kommen die vornehmen Mitläufer aus der Familie der Bernadotte – Nachkomme Felipe leidet darunter, glaubt, dass der Name seine akademische Karriere ruiniert hat. Tochter Rosa denkt kaum noch darüber nach. Sie wird sogar (ahnungslos) davon profitieren, dass die Bernadottes weiter reiche Leute sind. Sie „macht etwas mit Kunst“ und kann es sich leisten. In einer zynischen Anwandlung lässt Mahlke sie in den Altenheimbewohnern mögliche Kunstprojekte entdecken. Mit den Alten zu sprechen (in denen die im Folgenden erzählten Geschichten stecken), fällt ihr nicht ein. 

Haushaltshilfe Merche hat derweil Töchter, die ebenfalls Haushaltshilfen werden oder ebenfalls Kinder bekommen. Die Politik rauscht an ihnen vorbei. So zeigt sich eine zementierte Welt, nicht nur wegen der Bausünden auf der Insel, sondern auch, weil die Gesellschaft anders als die Literatur unbeweglich bleibt.

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